Euer neues Album trägt den bedeutungsschweren Titel Kapitulation – laut Duden eine „einseitige Unterwerfungserklärung“. Was ist denn so toll daran, sich zu unterwerfen? Ist doch etwas Negatives.
Rick McPhail: Es ist wenigstens eine aktive Entscheidung. Es ist nicht so was wie Resignation oder Kompromiss.
Der Begriff scheint euch wichtig – ihr habt sogar ein Manifest dazu verfasst.
Rick: Naja, da muss man ehrlich sagen: Erstmals gab’s das Lied Kapitulation. Und dann war irgendwann klar, dass es ein toller Plattentitel wird. Irgendwann wurde halt das Manifest aus der Not zusammengebastelt – aus verschiedenen Textzeilen. Jan Müller: Ich mach’s jetzt gleich noch bedeutungsschwerer: Aber mit der negativen Besetzung bin ich mir gar nicht so sicher, wenn man in der deutschen Geschichte zurückgeht, mit der man aufgewachsen ist. Es hört ja hier mit der Kapitulation was sehr Negatives auf.
Trotzdem: wenn du kapitulierst bist du nicht gerade der Sieger.
Rick: ich finde schon, dass man trotzdem gewinnen kann. Wenn man eine Entscheidung trifft und sagt „ich will nicht mehr“, „ich kann nicht mehr“ oder einfach nur morgens den Wecker auszustellen… Jan: gerade dadurch gewinnt man übrigens sehr, wenn man noch drei Stunden weiterschläft
Auf eurer Website kann man sich das Kapitulations-Manifest anhören. Es gibt nur ein Problem: Ich versteh’s nicht.
Jan: Ich glaub, das ist auch nicht so auf Verstehen angelegt. Das ist ein bisschen aus der Not heraus geboren – kann man auch offen sagen. Das Manifest sollte darum gehen, die eigene Musik zu beschreiben. Oft hat ja ein Journalist den sogenannten Waschzettel bei Alben geschrieben. Und diesmal haben wir gesagt, machen wir’s doch gleich selber. Und man kann Kunst nur beschreiben, wenn man selber versucht, wieder etwas Kunstvolles zu schaffen. Und so auch das Manifest wo einige Gedanken drin sind. Aber die Lyrik steht doch schon sehr im Vordergrund.
Apropos Lyrik: Die Texte eures neuen Albums erinnert eher an späte Element of Crime denn frühe Tocotronic. Viel Poesie, wenig klare Worte.
Jan: Ich möchte dir da ein bisschen widersprechen: Man nimmt das selber natürlich sehr viel verfeinter wahr, aber wir haben uns eigentlich bemüht, wieder direkter zu werden – so nach der letzten Platte, die ja sehr in Zauberwäldern angekommen war. Und dann haben wir uns gedacht, wenn man das jetzt wiederholt, wäre das sehr langweilig für einen selber. Weil man sich ja mit jeder Platte eine neue Aufgabe stellt und das Direkte und Konkrete und Wütende auch interessiert. Natürlich ist es auch zu wünschen, dass es jetzt nicht genau wie früher Tocotronic klingt – wir sind ja nicht an „Back to the Roots“ interessiert. Element of Crime ist eine Band, die ich persönlich sehr schätze. Aber ich sehe uns da schon woanders. Aber das liegt ja auch im Auge des Betrachters.
Du hast Wut erwähnt: Vergleicht man die Medienberichte zu 15 Jahren Tocotronic, haben sich die Begriffe „Wut und Rock“ aber längst verschoben zu „Reife und Pop“.
Jan: Also wir hatten schon Lust bekommen, wieder mehr an dem Modell Rockband, jetzt mit dieser Platte. Auch durch die Nachbereitung des letzten Albums und beim Livespielen – wo wir schon gemerkt haben, gerade mit den zwei Gitarren macht das extrem Spaß. Auch so den Krach und die Aggression und den Sound, den man erzeugen kann, als Rockquartett – was wir ja sind. Und von Begriffen wie Reife fühlt man sich ja dann doch eher unangenehm berührt.
Ihr seht euch also als Rockband?
Jan: Wir sind vielleicht ne Rockband die Popmusik macht. Das sag ich jetzt auch deshalb, weil uns Konzepte und so schon immer sehr interessieren. Auf die Bühne und losrocken ist ja nicht das einzige. Wenn’s nur das wäre, wär’s ein bisschen wenig.
Deutscher Rock hat in den letzten Jahren ein gute Zeit gehabt. Trotzdem hat euer Haus- und Hof-Label Lado es vor kurzem geschafft, finanziell gegen wie Wand zu fahren.
Jan: Na ja: Man will jetzt ja nicht über andere richten. Wenn man jetzt den reinen Wirtschaftsstandort betrachtet hat deutsche Rockmusik sicher ein paar gute Jahre gehabt. Aber wenn man versucht, auf das Niveau zu schauen, dann denkt man doch, dass es schon klar ist, wenn es für ein Label wie Lado schwierig ist. Es kommt ja auch wahnsinnig viel Scheiß raus. Grad von den Bands die sagen „wir sind richtige Bands und nicht gecastet und so“. Das ist ja dann of das allerfurchtbarste Ergebnis – und das deprimierendste. Ansonsten stecken wir ja bei Lado auch nicht in der Geschäftsführung drin. Und allgemein – bei allem Hype von deutscher Rock- und Popmusik – ist die Branche noch immer wahnsinnig in der Krise. Die Umsatzzahlen sinken ja immer weiter. Rick: Man muss aber auch sagen: Plattenfirmen springen immer auf solche Pferde. Die merken halt da läuft eine Sache, vielleicht so ein Glückstreffer wie mit Wir sind Helden oder so. Und dann wird nicht unbedingt gecastet, aber plötzlich ähnliche 20.000 Bands aus der Schublade geholt. Das wird zu Tode ausgenutzt und ausgebeutet. Jan: Die Kuh wird gemolken. Aber das schöne an der Musik ist ja auch, dass sie grenzüberschreitend funktioniert. Mir ist ja Wurst wo ’ne Band herkommt. Und das find ich auch komisch wie dann so plötzlich Popmusik zu einem nationalen Wirtschaftsgut geworden ist. Das befremdet einen dann doch sehr. Und so was wie Deutschland sucht den Superstar wird ja auch nicht wegen der Musik gemacht, sondern weil das Fernsehen so eine riesige Industrie ist. Die Musik ist ein Abfallprodukt, ne schöne Zweitauswertung für die.
Musik als kleines Glied in einer perfekten Verwertungskette?
Jan: Genau. Der Tonträgerverkauf läuft so nebenbei mit. Aber deshalb werden die Sendungen ja auch nicht gemacht.
Wie kommen solche Formate wie DSDS bei euch an?
Jan: Erstmal ist es unterhaltsam. Rick: Ich guck’s echt gerne. Ich find’s interessant, solche Sachen wie: Jetzt haben die auch gemerkt, dass man jetzt auf Deutsch singen kann. Vor zwei Staffeln haben noch alle Englisch gesungen. Und so Leute wie Bohlen in der Jury zu sehen, der meint die ganze Zeit so Sachen wie: „Ja, ich finde es toll, wenn die Leute auf Deutsch singen, also ich habe das immer gerne gehabt“ Da denkt man: „tut mir leid, aber vor zwei Staffeln hast du noch die schlechtesten englischen Texte geschrieben.“ Der hat auch nur gemerkt: „Ha – jetzt läuft der Hase. Und jetzt produzier ich Yvonne Catterfeld auf deutsch“. Aber 30 Jahre lang hat er nur auf Englisch gesungen.
Sind die Jungs und Mädels, die sich da casten lassen, in euren Augen ernst zunehmende Musiker?
Jan: Ich find’s schon tragisch, weil man selber schon einen ganz anderen Begriff hat, wie Pop funktioniert. Denen wird ja die ganze Zeit gesagt, dass es ein wahnsinniges Geacker ist. „Hier musst du jetzt noch an deinen Tanzschritten und da an deiner Technik arbeiten.“ Natürlich gehört schon irgendwie Handwerk dazu, aber für einen selber als Band steht erstmal die Idee über allem – als das, was wirklich interessant ist. Die handwerkliche Umsetzung muss schon stimmen. Aber wenn das alles ist, ist es eigentlich schon sehr traurig. Rick: Das sind fünf Prozent der ganzen Sache. Weitere fünf Prozent sind Talent, 20 Prozent die Idee – und die anderen 70 Prozent sind einfach Glück. So wie dieser Nevio. Der ist im Moment extrem erfolgreich – aber der hat nur den dritten, vierten Platz gekriegt bei den Superstars. Und diese Tokio Hotel-Jungs haben nicht mal die ersten 10.000 gekriegt. Die waren ja auch bei den Castings dabei. Man kann das Publikum nicht zur Meinung zwingen. Trotzdem ist Musik letztlich einfach Geschmacksache. Und es ist auch eine Glücksache was Erfolg hat. Und es geht nicht um Talent und ackern und die ganze Geschichte.
Gäbe es eine Formel für den Erfolg, wäre er auch beliebig reproduzierbar.
Jan: Die Formel gibt’s – aber nur wir haben sie.
Aber gerade dann: Als Lado so kurz vorm Ende war – warum seid ihr als eines der Zugpferde ausgestiegen?
Jan: Ich kann’s ganz offen sagen. Es war erstmal klar: Die werden diese Platte nicht vermarkten können, weil das Geld nicht da ist. Und außerdem wollten wir eh die Platte in Zusammenarbeit mit einer großen Firma rausbringen. Und das war halt alles nicht möglich. Die hatten halt Schulden über Schulden – und deshalb sind wir auch auseinander gegangen. Rick: Man muss auch sagen: nachdem wir uns aus der ganzen Geschichte rausgehandelt haben, sind die sowas von Pleite gegangen, das auch die letzten Band die auch die Option hatten, weitere Platten mit denen zu machen, gar nicht verhandeln mussten. Die haben halt einfach keine Platten mehr machen können – oder dürfen. Jan: Wir haben uns da schon im Guten getrennt. Aber natürlich, wie es eben in so einer langen Ehe ist, wurde auch viel aufgedeckt. Aber es war ’ne Sache, die man sich nun nicht so unbedingt wünscht als Musiker. Dann noch die ganzen Verhandlungen betreiben zu müssen während die Platte auch entsteht. Aber so ist es nun manchmal. Und wir waren nun überdurchschnittlich lange bei einer Firma. Und das ist ja doch ein Indikator für eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Und es gibt ja immer noch Verbindungen.
Wie arbeite es sich jetzt in den Armen von Universal?
Jan: Sehr angenehm bis jetzt. Als Musiker versucht man natürlich die größtmögliche Freiheit zu haben. Die Entscheidungsfreiheit über alles was man tut. Man nimmt ja nicht nur Musik auf – da hängt ja sehr viel dran. Das geht ja beim Video los und der Grafik für die Platte, und das möchte man möglichst in eigener Hand haben. Und wir fühlen uns da bisher sehr gut verstanden bei Universal. Man denkt, dass man da schon mit sehr großem Respekt behandelt wird. Rick: Die wissen schon was sie gekauft haben. Vielleich haben die sogar gedacht, dass wir schwieriger sind. Jan: Die sind ja sehr divaeskes Verhalten gewöhnt durch ihr internationales Repertoire.
Gute Nachrichten, übrigens: Auf den maßgeblichen Raubkopierer-Sites wird euer Album wenigstens noch nicht feilgeboten. Freut euch das?
Jan: Da gibt’s natürlich auch unter Musikern die verschiedensten Theorien. Aber erstmal finde ich ziemlich schade, dass bei vielen die Meinung vorherrscht, dass geistige Urheberschaft umsonst zu haben ist. Das gefährdet schon viel. Das wird irgendwann auch so eine Respektlosigkeit gegenüber der Musik, wenn Leute ganze Festplatten mit Songs austauschen. Man kennt’s ja selber. Wenn man bei irgendwelchen Kumpels ist, die mit Computern oder so zu tun haben: „Willst du das noch haben oder das und das Gesamtwerk von dem-und-dem? Brenn ich dir alles auf ne DVD!“ Das ist halt Scheiße. Man überlegt sich ja schon: Man macht ne Platte, da hängt auch sehr viel von einem selber dran und dann designt man das auch. Und dann ist das Schade, wenn alles überhaupt nicht mehr gesehen wird und keinen Wert mehr hat.
Und ein Gigant wie Sony verkauft Musik – aber auch Brenner und Rohlinge.
Jan: Für einen Konzern wie Sony hat das nicht die große Bedeutung, der Musikbereich. Rick: Die verdienen mehr an den Rohlingen. Jan: Wenn der jetzt völlig vor die Hunde geht, geht nicht Sony pleite. Das ist denen doch scheißegal. Aber sonst ist die Musikkultur-Industrie eben eine sehr, sehr kleine Industrie. Und das alles gestaltet sich ja auch um. Jetzt gibt’s ja auch schon ’ne andere Gewichtung von Album und Live. Live wird immer wichtiger. Kann man ja schön finden, kann man aber auch ganz schrecklich finden, als Band, Wenn man sagen muss: Man macht so ne schöne Scheibe aber die ist eigentlich nur Luxus, das Geld verdient man mit Liveauftritten. Aber dieser Tod des Albums ging wahrscheinlich mit der Digitalisierung los.
Was ist denn eure Prognose für die Musikindustrie?
Jan: Wenn ich das wüsste, wäre ich ein reicher Mann. Rick: Das Internet öffnet da aber schon Horizonte. Jan: Genau. Die Leute sind jetzt sehr viel besser informiert, kennen jetzt ja auch viel mehr. Das kann man auch als sehr schön empfinden. Es gibt ja wahnsinnig viele Bands, Leute die Musik machen – ist ja auch Dank Computer viel einfacher geworden und billiger. Wir als Indie-Rockband sind da ja fast schon Dinosaurier. Ist ja eigentlich ganz witzig.
Ratschläge gebt ihr in der Kapitulation auch. Z.B. „Fuck it all.“. Bisschen dünn. Habt ihr noch eine zweiten?
Jan: Im neuen Album sind einige drin. Aber „Fuck it all“ ist ja schon eine Art geflügeltes Wort innerhalb der Band. Und dann haben wir’s halt im Songtext verarbeitet. Das musste einfach raus. Das musste mal so in aller Deutlichkeit gesagt werden.


