Mit seinem Statement, „wenn die Entwicklung so weiter geht, werden sich die Probleme vor allem auf die Qualität der Musik auswirken“, beschwört der Bochumer Kontor-Künstler André Tanneberger alias ATB ein düsteres Szenario herauf, dessen Auswirkungen bereits spürbar seien: „Manchmal schäme ich mich, wenn ich höre, was im Dance-Bereich so alles auf den Markt geworfen wird. Denn vieles hört sich mittlerweile gleich an – ob das nun Bassdrum-Sounds oder gleich ganze Coverversionen von alten Hits sind.“ Dafür macht Tanneberger die Marktentwicklung verantwortlich: „Die Plattenfirmen stehen nun unter einem viel stärkeren Existenzdruck als bisher und kaufen deswegen immer mehr sichere Themen ein. Zudem sagen sie den Künstlern, dass sie bestimmte, Charts-erprobte Sounds verwenden oder gleich eine Coverversion aufnehmen sollen. Das hat zur Folge, dass die Kreativität immer mehr auf der Strecke bleibt.“
„Denn die Produzenten sagen sich, sobald sie einen Track etwas anders produzieren, dass sie ihn dann nicht mehr den Firmen verkaufen können.“ Dies bedeutet laut ATB, dass die Plattenfirmen einen „mutigen Track zwar geil finden, aber nicht wissen, ob er sich verkauft. Sie müssen aber verkaufen, weil sie immer weniger Einheiten absetzen. Das läuft dann darauf hinaus, dass nur noch die Tracks zu Hits werden, die ein halbes Jahr lang über TV-Trailer beworben werden.“ Und auch der renommierte DJ und Produzent Pascal FEOS, dessen aktuelles Album „Self Reflexion“ bei Elektrolux/Intergroove erschienen ist, räumt ein: „Das Problem mit der elektronischen Musik liegt darin, dass sie leicht produzierbar ist und also den Markt überschwemmt. Aber wir hoffen natürlich, dass das Gute überlebt und das Schlechte abstirbt. Und die Gesundschrumpfung hat ja bereits eingesetzt. Überleben werden diejenigen, die ihren Fankreis haben, und solche, die ihre Zuhörerschaft nicht nur unter den Acht- bis 14-Jährigen finden. Bei unserem Label Elektrolux ist es etwa so, dass sich dafür auch viele Ältere interessieren, die zu dem Produkt eine viel engere Bindung eingehen. Die mögen das Design des Labels und sein ganzes Umfeld.“
Diese Konstellation habe bei FEOS auch ein konsequente Entscheidung für eine Independent-Struktur zur Folge: „Du ziehst nicht mehr in Erwägung, zu einem Major zu gehen und machst stattdessen lieber alles selbst. Wir haben etwa mit Intergroove ein hervorragendes Netzwerk aufgebaut, mit dem wir unter anderem die Vinyl- und CD-Promotion perfekt abdecken.“ Dennoch teilt FEOS die pessimistische Einschätzung eines Daniel Miller nicht, dass die Zeit für das Genre abgelaufen sei: „Dance und elektronische Musik sind ungebrochen vital, auch wenn sie vielleicht nicht mehr den Kontakt zum Mainstream haben. Das größere Problem sehe ich im gesamtwirtschaftlichen Rahmen. Hier in Deutschland hat der Euro uns gefressen. Im Gegensatz zum Ausland haben die Leute einfach nicht mehr das Geld, um alles auszuprobieren. Sie geben ihre Mittel gezielt aus und sind sehr wählerisch geworden.“ Er räumt zwar ein, dass „totales Ausflippen auf Techno oder Elektronik zurzeit nur sehr gedämpft stattfindet. Aber das bedeutet für mich als Künstler, dass ich jetzt erst recht Gas gebe!“
„Unsere Produkte müssen also noch hochwertiger werden, die Qualität muss noch besser werden und wir müssen dem Käufer noch mehr bieten, damit er das Original kauft.“ Dagegen sagt Tanneberger: „Wir können bei den Problemen, die wir mit der CD haben, nicht mit der DVD kommen oder glauben, mit ein paar Zusatz-Gimmicks wie beigefügten Videoclips die Situation zu bereinigen.“ Stattdessen rät er: „Wir müssen wieder dahin kommen, dass die Labels ohne diesen immensen Druck arbeiten können und sich wieder an ausgefallene Themen wagen.“ „Nur so kann die Qualität wieder steigen.“ FEOS‘ Fazit lautet indes: „Der Zusammenhang zwischen Underground und Kommerz war eine Zeitlang da. Die Großen haben nach den Kleinen geschielt und gesagt,,geil, das machen wir groß‘. Mittlerweile merken die Großen, dass dies nicht mehr so wie bisher funktioniert, und lassen alles fallen.“ Darin sieht er jedoch auch einen Vorteil: „Das Schöne an dieser Entwicklung ist, dass sich Szenen wie gerade in Berlin völlig abkapseln und konsequent ihr eigenes Ding durchziehen.“


