In allerletzter Minute beschlossen Corvus Corax, den Namen ihres Werks zu ändern. Sein Titel lautet nicht mehr „Carmina Burana“, sondern „Cantus Buranus“. Die Band will damit Verwechslungen mit Carl Orffs Werk vermeiden. Der Komponist hatte einen Teil der Vaganten-Verse bereits 1937 vertont: „Als wir vor einigen Jahren bei den Orff-Erben anfragten, ob wir ein paar der Stücke covern könnten, haben die uns noch nicht mal geantwortet“, sagt Trommler Harmann der Drescher. Deswegen wählte die Formation selbst einige Gedichte der mittelalterlichen Handschrift „Carmina Burana“, die aus etwa 250 Texten besteht, aus und vertonte sie schließlich selbst.
„Nicht selten haben Bandmitglieder unabhängig voneinander dieselben Gedichte ausgewählt; klar, dass wir dazu dann Musik schreiben mussten“, lacht Dudelsackbläser Castus Rabensang. Und Sackpfeifer Teufel ergänzt: „Die Musik sollte bombastisch sein und nach Corvus Corax klingen.“ Nachdem die Songs verfasst waren, musste die Band noch Partituren für die klassischen Gastmusiker schreiben. Diese wurden anschließend ins Studio gebeten, um ihre Parts einzuspielen. „Dort standen wir vor dem Problem, dass wir in kurzer Zeit mehr als dreihundert Spuren bespielt hatten“, zeigt Harmann die Dimension ihrer Arbeit auf.
Am Ende bewältigte das Oktett jedoch sämtliche Probleme und nahm zwölf neue Lieder auf, die jetzt mit „Cantus Buranus“ vorliegen. Anfang Februar fand die Generalprobe im Staatstheater Cottbus statt. Als Dirigent konnten Corvus Corax Jörg Iwer, einen ausgewiesenen Spezialisten für mittelalterliche Musik, gewinnen. Vor ausverkauftem Haus bot sich den Zuschauern ein Spektakel mit insgesamt 175 Mitwirkenden auf der Bühne.
Am 5. August wurde das Werk auf dem „Wacken“-Festival uraufgeführt, am 19. und 20. August folgen Aufführungen auf der Berliner Museumsinsel. Ihr neues Werk bietet der Band, die seit 1989 aktiv ist, eine Reihe neuer Möglichkeiten, an die sie sich langsam herantastet. Freilich hat die Welt der Klassik eigene Regeln. „Wenn man mit Orchestern arbeiten will, braucht man lange Planungszeiten“, weiß Harmann inzwischen. „Dennoch haben wir große Lust,,Cantus Buranus‘ mit Orchestern in der ganzen Welt aufzuführen.“ So hat die fehlende Reaktion der Orff-Erben am Ende doch noch etwas Gutes bewirkt.



