Musik

Club mit Gesichtskontrolle

Mit Connect von Sony ging Anfang Juli ein weiterer „Großer“ an den Start, der den Anspruch hat, das Musikangebot der Majors im Rundumschlag anzubieten.

Weil Meckern immer dann, wenn es um die kommerziellen Download-Angebote der Musikindustrie geht, zum Geschäft gehört, erledigen wir vorab: Connect von Sony ist lückenhafter und teurer als die gesamte Konkurrenz und in mehr als einer Hinsicht unfertig.

Daraus macht Sony auch gar keinen Hehl: Der Start von Connect sei ein Soft Launch, dem die offizielle Eröffnung des dann ganz tollen Angebotes erst im Herbst folgen soll. Das ist niedlich, aber unverständlich.

Warum blamiert man sich erst in Raten und hofft darauf, die aktuell verprellte Kundschaft dann im Herbst mit einem „Jetzt guck noch mal: Wir haben uns aber verbessert!“ zurückgewinnen zu können? Und wenn der derzeitige Betrieb in Wahrheit eine Testphase ist, warum wirbt Sony nicht aggressiv damit, dass es so locker ist, sich einen öffentlichen Betatest zu leisten? Man weiß es nicht; die Online-Welt ist voller Wunder. Und voller Musikläden.

Die Möchtegern-Big-Players PhonoLine, iTunes, OD2, Sony und Napster lieferten sich in der ersten Jahreshälfte ein regelrechtes Wettrennen, wer denn zuerst mit einem wirklich überzeugenden Angebot am Start sein würde.

Der Gewinner war Napster, denn er hat bisher nicht enttäuscht. Allen anderen werfen Presse wie Kunden die mehr oder minder klaffenden Lücken im Angebot vor – auch wenn die Shops selbst durchaus punkten können.

Kein Wunder, denn offenbar ticken Downloader anders: In den Download-Hitparaden treten ältere oder ausgefallene Titel weit häufiger auf als in den Listen von Media Control. Sehen wir die Sache also mal ganz emotionslos: Was hat Connect zu bieten, und wie steht der Shop im Vergleich zur Konkurrenz da?

Connect ist wie iTunes vor allem als Mittel zur Erhöhung der Hardware-Verkäufe gedacht. Sony war mit einiger Verspätung in den Wettbewerb um mobile Player eingestiegen. Mit Connect dokumentiert der Konzern, in welchem Maße er weiter auf sein proprietäres Datenformat ATRAC3 setzt, das allein von Sony-Geräten verstanden wird.

Für ATRAC3 gibt es ein paar gute Gründe: Das Kompressionsformat liefert beste Ergebnisse; Sony staucht Songs zu Dateien zusammen, die kleiner als die üblichen 128 kbit-MP3s sind und dabei eine bessere Soundqualität bieten. Connect soll den potenziellen Kunden nun offenbar Gründe liefern, auf ATRAC3 umzusteigen – und somit auf Sony-Player.

Das aber funktioniert im derzeitigen Zustand des äußerst lückenhaft befüllten Angebotes nicht. Da wäre Warten also besser als Starten gewesen: Erst im Herbst soll das Angebot stehen und überzeugen. Das erste Fazit heißt also: Wenn das nur von Connect abhinge, würden die Kunden den Kauf eines Sony-Walkman auf den Herbst vertagen. Ein klassisches Eigentor. Connect zu erreichen ist gar nicht so leicht. Zahlreiche potenzielle Kunden werden statt des Shops die links abgebildete „Abpraller-Seite“ zu sehen bekommen.

Einlass nur mit passender Garderobe

Sony will nämlich nur vom Internet Explorer besucht werden, dem Microsoft-Browser mit der nahezu monopolhaften Verbreitung. Der IE gilt nach einer Reihe schwerwiegender Sicherheitsprobleme in den letzten Monaten als so unsicher, dass in den USA sogar Regierungsbehörden vor seiner Nutzung warnen.

Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik mahnt zumindest dazu, „aus Sicherheitsgründen auf den Einsatz von aktiven Inhalten (insbesondere ActiveX, aber auch JavaScript) zu verzichten“. Ein guter Rat – wenn man davon absieht, dass dann Connect auch nicht mehr funktioniert.

Aber das klappt bei Sony auch anders nicht: Es prallen nämlich nicht nur Alternativ-Browser wie Mozilla ab, sondern auch der Internet Explorer; Connect wünscht sich einen „Internet Explorer 5.5+“ – ein Kriterium, das der Explorer 6.0 laut Einmaleins ja erfüllen sollte. Doch Pustekuchen: Wer in den Laden will, müsste erst seine Software „downgraden“. Das lohnt sich natürlich nur für Windows-Nutzer, denn alle anderen müssen sowieso draußen bleiben.

Glücklich „drin“, erlebt man ein gemischtes Webshop/Software-Client-Konzept. Warum auch nicht? Es ermöglicht das Stöbern im Angebot ohne vorhergehenden Software-Download. „Webshops suck“, sagt Steve Jobs zwar, aber immerhin braucht man nur eine Adresse, um sie zu finden – keine spezielle Software. Wenn alles funktioniert, wie es das deutsche Indielabel-Angebot Finetunes vorführt.

Bei Connect – siehe oben – funktioniert es nur für den auserlesenen Kreis der nicht Abgeprallten. Das zweite Fazit: Wer einen Shop zwecks Hardware-Verkaufsförderung hochzieht, kann sich eine zu strenge „Gesichtskontrolle“ am Eingang, mit der man den potenziellen Kundenkreis eingrenzt, kaum leisten.

Im Shop finden sich schöne Regale

Auch hier sei der Verweis auf Finetunes erlaubt: Die Indie-Verkäufer lassen in ihren Webshop mit Download-Software nicht nur alle Browser hinein, sondern verkaufen auch an DOS-, Mac- und Linux-Nutzer. Nichts ist unmöglich, wie es bei einem anderen japanischen Konzern heißt.

Connect begann den „sanften Betrieb“ mit 150.000 Songs in den virtuellen Regalen. Das ist eine Menge, reicht aber vorn und hinten nicht, wenn gerade das aktuelle Angebot weitestgehend fehlt. Doch Schwamm drüber: Schon eine Woche nach dem Start war spürbar, wie sehr sich Sony bemüht, so schnell wie möglich so viel wie möglich in den Shop zu schaufeln.

Schon findet man bei Connect erste Perlchen, die es bei der Konkurrenz (noch) nicht gibt. Bis Ende August sollen es 300.000 Songs sein, bis zum Jahresende eine halbe Million. Also fein, warten wir’s ab.

Die „Regale“ selbst sind nett gestaltet. Connect erlaubt, wie die gesamte Konkurrenz auch, die freie Suche im Programm: nach Titeln, Interpreten, nach Genres. Frustrierten, die das Gewünschte nicht finden, bietet Connect eine kleine semantische Hilfe: Könnte ja sein, dass sich jemand bei der Suche vertippt hat. Was dabei heraus kommt, wird bei humorvollen Mitmenschen auf dankbare Lacher und Applaus treffen.

Wenn eine Suche nach „Dragostea“ zu „Die blauen Dragoner“ von Heino führt, könnte sich die Zielgruppe leicht veräppelt fühlen. Sinnvoller wären da die von Amazon bekannten „Wer so was mag, kauft auch das hier“-Funktionen in Verbindung mit einem ehrlichen Statement wie „Entweder Sie haben sich vertippt, oder wir haben das Gesuchte nicht. Schauen Sie mal wieder rein: Wir bauen unser Angebot ständig aus.“

Doch Sonys Angebot ist weder locker noch geradeaus: Vertragsbedingungen, Preise – alles muss man sich mühselig zusammensuchen. Wenn man sich die Mühe überhaupt macht – denn die Preise wirken eher abschreckend. Weit besser sieht es aus, wenn man den Shop über die Download-Software SonicStage angeht. Das Programm ist kühl gestaltet und kommt mit wenigen Grundfunktionen aus: Suchen, in den Warenkorb legen, Zahlen, Vor, Zurück, „Home“.

Wer das nicht intuitiv bedienen kann, hat noch nie an einem Rechner gesessen. Am oberen Bildrand entdeckt man zusätzliche Funktionen, mit denen SonicStage ein wenig iTunes spielt. Die kommen zum Zuge, wenn gekaufte Dateien auf Sony-Geräte überspielt werden sollen und generell zur Verwaltung und zum Abspielen der ATRAC3-Dateien.

Fazit mit positiver und negativer Seite

Das dritte Fazit hat zwei Teile. Negativ: Der Connect-Webshop ist zwar ziemlich leer, aber durch und durch seriös. Ihm fehlt jedoch das lockere Feeling von iTunes. Man fühlt sich wie im Supermarkt, nicht wie in einem Pop- und Rock-Shop, der seine Kunden auch als informationshungrige Fans begreift. Das können iTunes, MTV oder Finetunes besser. Eine Pflichtübung, nicht mehr?

Positiv: Wenn das Ding mal gefüllt ist, könnte es sehr gut funktionieren. Dabei überzeugt der Zugang über die Software weit mehr als über die Web-Schnittstelle. Hat Steve Jobs also Recht?

Die wichtigsten Download-Shops im Vergleich

Shop Song-Datenbank, Format Zahlungsmethoden Preis pro Song Preis pro Album Rechte

Karstadt (OD2) 350.000, WMA

Kreditkarte

ab 0,75 Euro (im Prepaid-Paket)

ab 9,40 Euro

keine einheitlichen Freigaben: hängt vom Musikstück ab

Media Markt (OD2)

350.000, WMA Firstgate

0,99 (zzgl. Payment-Gebühren)

ab ca. 12 Euro

keine einheitlichen Freigaben: hängt vom Musikstück ab

WOM Download (OD2)

350.000

Abo-Modell: Prepaid 6,99 und 9,99 Euro, Kreditkarte

0,99 Euro

ab ca. 12,50 bis 16,50 plus

keine einheitlichen Freigaben: hängt vom Musikstück ab

Eventim (Phonoline)

250.000, WMA

Telefonrechnung, Kreditkarte, Lastschrift 0,99 Euro 9 Euro aufwärts, im Schnitt 14 Euro

keine einheitlichen Freigaben: hängt vom Musikstück ab

iTunes

700.000, ATRAC3

Kreditkarte

0,99 Euro

9,99 Euro

„Playlist“ 7 x, Songs beliebig oft brennbar. Portierung auf bis zu 5 Rechner

Napster (nur GB)

500.000 bis 750.000, WMA

Kreditkarte

1 Pfund (1,50 Euro)

9,99 Pfund (15 Euro)

beliebig oft CD, „Playlist“ nur 3 x; beliebig portable Geräte, parallel auf bis zu 3 PCs

Connect, ATRAC3

150.000, bis Ende August 300.000

Kreditkarte, Lastschrift

(angeblich) 0,99 bis 1,69 Euro

(angeblich) 9,99 bis 14,99 Euro

beliebig oft CD, mobile Geräte von Sony

Momentaufnahme: Die Preise ändern sich ständig; außerdem scheint ein Trend zur Rabattierung eingesetzt zu haben. Von OD2 beziehen auch Kontor, MSN, MTV und Tiscali ihren Content; Phonoline speist neben Eventim den Universal-Shop Popfile; zu nennen sind außerdem noch Chartradio.de sowie die Indie-Plattform Finetunes.