MTV ist eine seltene Ehre zuteil geworden: Man hat ihnen, den Erfindern des Musikfernsehens, einen Gattungsbegriff geschenkt! Alles, was gemeinhin für jung, trendig und progressiv steht, kann mit Fug und Recht MTV-mäßig genannt werden.
Dieser Umstand sagt eigentlich schon alles: MTV hat nicht nur Einfluss ausgeübt, sondern viele Bereiche des Fernsehens und der Popkultur wahrlich revolutioniert – oder haben Sie schon einmal etwas von ARDig, ZDFisch oder Voxlerisch gehört? Allenfalls die RTLisierung läuft einem manchmal über den Weg – allerdings wird hiermit etwas völlig anderes gemeint, als das wohlwollend staunende MTVlike.
Ich habe MTV seit meinem ersten Kontakt immer bewundert. Für mich war MTV ein echtes Schlüsselerlebnis, das mein Leben in ein Vorher und Nachher teilte. Endlich wusste ich, was mich wirklich interessiert. Selten habe ich etwas so gut verstanden, wie das, was MTV in meinen Augen bedeutete.
MTV ist der gewitzte Klassenclown, der mit Charme und Esprit seine sanfte Rebellion in die Welt setzt. MTV ist der Paradiesvogel, der Andersartige der Fernsehgesellschaft, von dem alle nicht ablassen können und von dem alle irgendwie inspiriert werden. MTV ist der durchgeknallte Verwandte aus der Großstadt, der von den Eltern fälschlicherweise als „schwarzes Schaf“ bezeichnet wird, aber ein Leben führt, das tausendmal spannender ist als das eigene.
MTV hat die berühmte Oberfläche des Pop erst erlebbar gemacht – MTV ist die Oberfläche des Pop. Musik zu visualisieren, Akustik und Optik miteinander zu verbinden, war sicherlich nicht neu und hat eine lange Tradition. Aber das bildliche Permamedium zu erschaffen, das musikalische Wallpaper zu kreieren – das war revolutionär!
MTV hat mehrere Erfolgsprinzipien erfunden und kultiviert. Der einzigartige Programm-Versorgungspakt mit der Musikindustrie hat einen noch nie dagewesenen Kreativ-Wettstreit bei den weltweit besten Regisseuren, Designern und Bildkünstlern ausgelöst, der unglaubliche optische Erfahrungen ermöglichte. Durch MTV ist die Bildersprache des Fernsehens in eine neue Dimension weiterentwickelt worden.
MTV war immer offen für Neues – musste es immer sein, denn MTV trägt eine große Verantwortung gegenüber all dem jungen Talent, das sich der Anarchie der Bilder verschrieben hat. Dadurch, dass MTV mit so herrlich kurzgeschlossenen, flachen Hierarchien funktioniert, sind Heerscharen von TVProducern herangebildet worden, die wiederum bei anderen Arbeitgebern Großartiges leisten konnten und so den MTV-Spirit weiter streuten. In fast allen Top-Etagen der großen TV-Networks, Filmstudios oder Werbeproduktionen findet man Ex-MTVler, die nicht selten die herausragendsten Arbeiten beisteuern. Und auch von den Medienkreativen, die nicht bei MTV gearbeitet haben, wird niemand verhehlen können, dass das MTV-Schauen zu den anregendsten Möglichkeiten ihres Berufs zählt.
MTV hat aber wohlweislich nicht nur den angelieferten Videoclips eine Plattform geboten, sondern immer auch versucht, die eigenproduzierten Segmente zu echten Sternstunden der TV-Gestaltung werden zu lassen. In puncto Originalität, Vielfalt und Qualität kann wirklich kein anderes Medium, keine andere TV-Station mit MTV auch nur annähernd mithalten – globales visual leadership. Ganz neidlos und anerkennend muss man feststellen, dass MTV hier immer wieder Standards setzt und es sich quasi selbst auferlegt hat, den Einfallsreichtum der Videoclips noch zu toppen. Immer wieder, wenn ich MTV schaue, weiß ich, warum ich beim Fernsehen bin.
MTV ist die eine Seite der popkulturellen Dialektik. MTV ist ein Lebzeitenklassiker mit fast schon Ewigkeitsgarantie, der sich permanent souverän neu klassifiziert. Gut, dass es so etwas gibt!



