Die Sol Studios in Cookham, 45 Minuten vom Londoner Flughafen Heathrow: eine alte Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert, gut versteckt hinter hohen Hecken. Hier hat Chris Rea sein Studio und sein Atelier, oder – wie er es nennt – seinen Spielplatz. Im Erdgeschoss betreut Ehefrau Joanne die Telefonzentrale, während ihr Ehemann im Keller werkelt. Und das tut er wahlweise an Musik – er verfügt über ein großes Studio voller Gitarren und Verstärkern – oder an überdimensionalen blauen Gemälden im Stil von Edward Hopper. „Frag mich nicht, wie ich darauf komme. Sie passieren einfach so. Ich wache morgens auf, greife zum Pinsel und fange an zu malen.“ Eines seiner monströsen Werke, eine riesige Jukebox, ist denn auch Namensgeber des neuen Albums: „Diese Geräte sind der Wahnsinn – wunderschönes Design, toller Sound und gebaut für die Ewigkeit. Genau wie die Musik an sich. Es ist das Mahnmal aus einer Zeit, als die Leute noch richtige Singles machten und nicht einfach nur billige Tracks.“
Man spürt bei diesen Worten: Ein Gespräch mit ihm kann schnell in einen Abgesang auf das Musikbusiness umschlagen. Schließlich wähnt sich Rea immer noch als Opfer, das jahrelang im kreativen Gefängnis steckte. „Man verlangte von mir, dass ich unverfängliche Schmuselieder schreibe, und ich Idiot ging darauf ein“, sagt er über seine Jahre bei Warner. Allerdings bedurfte es erst der Entfernung seiner Bauchspeicheldrüse, um seine wahre Berufung zu finden: „Ich habe dem Tod ins Auge gesehen und erkannt, dass ich endlich das machen muss, wozu ich Lust habe. Eben bevor es zu spät ist. Das war nun mal das Slide-Gitarren-Spiel.“ Und das praktiziert Rea seither sehr konsequent und erfolgreich auf seinem eigenen Label Jazzee Blue, dem mit dem ersten Album „Stony Road“ gleich ein Einstand nach Maß gelang. In Deutschland hält sich das Werk wochenlang in den Top 30 und stand im Mittelpunkt einer ausgedehnten Tournee. „Bei euch ist es super gelaufen. Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auch wenn ich dabei vielleicht weniger verdiene als früher.“ Doch dem 53-jährigen Sohn italienischer Einwanderer geht es ohnehin nur noch um die reine Lehre – zum Beispiel mit aufwändigen Projekten wie einer 10-CD-Box mit „verschiedenen Blues-Spielarten aus aller Welt“ oder mit seinem neuesten Werk, „The Blue Jukebox“, dessen dreizehn Songs so stimmungsvoll, altmodisch und authentisch klingen, als würde es sich bei Rea um einen Altmeister dieses Genres handeln; eben weil er den Blues hat, weil er so glaubwürdig über Liebe, (Ver-)Lust und Leidenschaft singt wie sonst nur BB King, John Lee Hooker, Buddy Guy oder Blind Willie Johnson.
Von diesen Idolen kann er gar nicht genug bekommen, weil „diese Musik so ehrlich ist. Diese Qualität will ich auch mit meiner eigenen Musik erreichen.“ Er tut das mit wahlweise tieftraurigen oder fetzigen Songs, die ihm im letzten Jahr einfach so zuflogen und zu denen er ein fast mystisches Verhältnis entwickelte. „Sie erschienen mir im Schlaf – einfach so, ohne Vorwarnung, ohne harte Arbeit. Sie waren da und wollten von mir gesungen und gespielt werden. So ist das beim Blues: Er findet dich – und nicht umgekehrt. Ihn zu spielen, ist Berufung, ist Schicksal. Und ich zähle zu den Auserwählten.“ In dieser Rolle fühlt sich Rea so pudelwohl, dass er im Herbst zu einer weiteren Deutschland-Tournee aufbricht, Alben mit guten Bekannten wie Eric Clapton plant und jede Minute seines Leben damit verbringt, seine neue Leidenschaft auszuleben. Denn wer weiß, wie viel Zeit dem zuckerkranken Rea noch bleibt. „Das ist mir egal“, lächelt er. „Ich werde sie nutzen.“



