Musik

Chris Green, BPI Director of Research & Information: „Händler und Plattenfirmen agieren kreativer“

Für das vergangene Jahr meldete die British Phonographic Industry (BPI) Rekordumsätze bei einem Plus von 3,3 Prozent, während die weltweiten Umsätze um 1,3 Prozent fielen. Auch im ersten Halbjahr 2001 legten die BPI-Mitglieder weiter zu. Chris Green, seit 1990 in Diensten des Verbands, sprach mit musikwoche.de über die Situation in Großbritannien.

musikwoche.de: Warum entwickelt sich der UK-Markt so prächtig?

Chris Green: Dass die ersten sechs Monate des Jahres außerordentlich gut für uns liefen, hat verschiedene Gründe: Wir hatten verkaufsstarke Veröffentlichungen von Formationen wie Travis oder den Stereophonics. Außerdem entwickelt sich die britische Wirtschaft positiv. Wir haben hohe Beschäftigungszahlen und die Kunden können große Teile ihres Einkommens ausgeben, beides wirkt sich auch auf die Verkäufe von Tonträgern aus.

mw: Abgesehen von einem Minus im Jahr 1997 konnte die britische Musikindustrie seit 1993 zulegen. Wie kommt das?

Green: Händler und Plattenfirmen agieren beim Marketing viel kreativer. So gab es im zweiten Quartal 2001 zum Beispiel bei Compilations Zuwächse von fast 19 Prozent nach Stückzahlen. Diese Titel stehen bei uns heute deutlich im Fokus und unterliegen im Vorfeld verbesserten Untersuchungen.

mw: Eine Enttäuschung sind die Rückgänge bei den verkauften Singles. Stehen wir vor dem Tod dieses Formats?

Green: Nein, das glaube ich nicht. Zwar scheint es eine schwierige Zeit für Singles-Titel zu sein, aber dennoch kaufen Kunden in Großbritannien weiterhin mehr Singles pro Kopf als in jedem anderen Land der Welt. Ein jährlicher Umsatzanteil von 65 Millionen Pfund ist beeindruckend, und Singles sind offensichtlich ein Teil des typisch britischen Way of Live.

mw: Wie erklären Sie sich die Zuwächse in Großbritannien im Vergleich zu Märkten wie Deutschland?

Green: Ich glaube, dass Deutschland ein großes Problem mit dem Brennen von CDs hat, was hierzulande kein so großes Thema ist. Vielleicht liegt der Unterschied zwischen beiden Ländern in der Rechtsprechung. Aber natürlich sind wir glücklich, dass unser Markt – ähnlich wie der französische – weiter wächst, während weltweit viele nationale Märkte Einbußen verzeichnen.

mw: Lässt sich der Zuwachs konservieren?

Green: In Großbritannien wurden seit sechs Jahren rund 200 Millionen Alben jährlich verkauft. Das ist ein sehr hohes Level. Aber im Hinblick auf andere Distributionskanäle – wie zum Beispiel digitales Radio, Streaming oder Abo-Modelle – gibt es noch eine große Zahl an interessanten Möglichkeiten. Deshalb glaube ich, dass unsere Zukunftsaussichten ausgesprochen gut sind.

mw: Halten Sie die aktuellen CD-Preise für angemessen?

Green: Ja. Unabhängige Untersuchungen zeigen, dass die Endpreise für CDs in Großbritannien sinken, vor allem aufgrund des Preismarketings. CDs wurden 1983 bei uns mit einem Verkaufspreis von rund zwölf Pfund eingeführt. Auch heute noch können Kunden Neuveröffentlichungen und Charts-Titel zu diesem Preis erwerben.

mw: Hinter diesen Zahlen stecken die vom SB-Handel ausgelösten Preiskämpfe. Ist das nicht Besorgnis erregend für viele in der Branche?

Green: Wir müssen im Blick behalten, dass die Supermärkte seit Mitte der 90-er Jahre erheblich zu den gestiegenen Verkaufszahlen beigetragen haben. Sie haben Musik einer ganzen Kundengruppe nahegebracht, die sonst keine CDs gekauft hätte – und das haben sie gut gemacht. Die Sorge um sinkende Preise in den SB-Märkten ist nur die eine Seite, denn auf der anderen Seite ist das eine gute Nachricht für die Kunden.