“Another Day On Earth“ (erschienen bei Hannibal, im Vertrieb von Rough Trade) ist die erste Songkollektion des englischen Experimentators und Kunstprofessors seit dem Album „Wrong Way Up“, das er 1990 zusammen mit John Cale veröffentlichte. Was letztlich den Ausschlag gab, dass er sich wieder an Songstrukturen wagte, verrät Eno nicht. Aber er stellt grundsätzliche Überlegungen an: „Songschreiben ist die größte Herausforderung in der Musik. Heutzutage ist es sehr einfach, Musik zu machen, aber die Texte bleiben das letzte große Problem.“
In den meisten Fällen, so findet er, rücken sie den Sänger zu sehr in den Fokus des Hörers und lenken ihn dadurch von der Musik ab. „Texte müssen eine bestimmte Region des Gehirns beschäftigen und es sozusagen auf Suchfunktion schalten“, fordert er, „sodass sich das Gehirn sagt:,Hier gibt es provokative Schlüsselreize, um was es in diesem Song gehen könnte.‘ Texte müssen nicht explizit etwas beschreiben.“ Da verwundert es nicht, dass sich die Texte auf Enos neuem Album unaufdringlich an die Musik schmiegen und deren Wirkung aufs Angenehmste intensivieren.
So knüpft der 57-Jährige mit elf neuen Stücken an seine Meisterwerke an, wobei er zur Welt der konventionellen Popsongs stets die größtmögliche Distanz hält; sein entspannter Gesang geht mit elektronischen Klangflächen und komplexen Ambientstrukturen eine organische Symbiose ein. Dabei liefert er einige der schönsten Melodien seiner mehr als 30-jährigen Karriere: „How Many Worlds“ erreicht nicht zuletzt dank des Geigers Neil Catchpole eine geradezu transzendentale hymnische Intensität; weitere Anspieltips sind „Bottomliners“ und „Just Another Day“. Zum Ausklang setzt „Bone Bomb“ mit seinen Verweisen auf Selbstmordattentäter und der Stimme von Aylie Cooke, die ein wenig an Laurie Anderson erinnert, einen beunruhigenden Akzent.
In den Credits bedankt sich Brian Eno bei illustren „lyrischen und musikalischen Helfern“: Von Annie Lennox und Robert Fripp über Tim Booth (James) bis hin zu Robert Wyatt reicht das Namedropping. Sein einstiger Bandkollege Bryan Ferry hat Roxy Music wieder belebt, die legendäre Gruppe, die am besten funktionierte, als Eno und Ferry die musikalischen Pole bildeten. Ein etwaiges Zusammengehen mit Roxy Music lehnt Eno nach wie vor kategorisch ab. Aber wer weiß. Nach 15 Jahren hat er sich ja auch wieder an Songtexte gewagt. Alles ist möglich bei dem Mann. Und das ist gut so.


