Musik

Brent Hansen, President & CEO MTV Europe

„Wir müssen radikal bleiben und Risiken eingehen‘

musikwoche.de: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation für MTV?

Brent Hansen: Ich bin sehr zufrieden, dass sich die Reichweite verdoppelt hat, seitdem wir 1997 eine aggressive Regionalisierung der Programme eingeführt haben. Vor fünf Jahren erreichten wir 50 Millionen, jetzt sind es 100 Millionen Zuschauer. Wir sind unseren Mitbewerbern voraus bei den Quoten, bei der Relevanz und bei der Musik-Philosophie. Als es mit MTV in Amerika losging, war alles sehr naiv und aufregend. So etwas gab es vorher einfach noch nicht. Inzwischen sind die MTV Kanäle sehr speziell – jeder ist individuell auf einen bestimmten Markt abgestimmt. Aber der Geist von MTV blieb davon unberührt.

mw: Warum war die Regionalisierung der Schlüssel für die Entwicklung von MTV Europe in den letzten Jahren?

Hansen: Dadurch erhielten die Zuschauer mehr lokale Inhalte und wir konnten vom Unternehmerischen her vielschichtige Werbeplattformen errichten. MTV wurde flexibler. Ich wollte immer ein Netzwerk und nicht nur einen paneuropäischen Sender. Zuvor hatte ich gefürchtet, dass sich unsere Konzernstruktur zu sehr festigt und keine Herausforderungen mehr bietet. Die Regionalisierung beflügelte die Kreativität unserer Mitarbeiter in ganz Europa, was dazu führte, dass MTV insgesamt wachsen konnte.

mw: Welche Rolle spielten dabei die früheren MTV-Chefs und ?

Hansen: Michael Oplesch wie auch Christiane zu Salm haben sehr geholfen, die Marke MTV noch besser in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu verankern. Ihnen gebührt der Verdienst, innovative und originäre Programmkonzepte entwickelt zu haben. Bei Christiane war es vor allem ihr Fokus auf die Internet- Präsenz, die das Team dazu motiviert hat, jetzt unter Leitung die Nummer eins bei den deutschen Musikseiten zu werden. Unter Catherines Ägide ist MTV Central die Marke, an die sich 86 Prozent der deutschen Zuschauer zuerst zuerst wenden. Mit ihren inspirierten neuen Ideen und Strategien freuen wir uns zudem auf noch größere Leistungen von MTV Central, MTV2 Pop und mtv.de.

mw: Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um, zu einem Zeitpunkt, wo immer mehr Musikkanäle miteinander konkurrieren?

Hansen: Wir sehen das ganze langfristig. Es wird immer Wettbewerb geben, und bestimmt gibt es zur Zeit eine Menge Mitbewerber. Allein in Großbritannien stieg die Zahl der Musiksender in einem Jahr von drei auf 14. Aber wir sind das einzige erfolgreiche paneuropäische Netzwerk, das zudem richtig Geld verdient. Unsere Konkurrenten können mit unserem Wachstum nicht mithalten. Ich garantiere, dass es in den nächsten fünf oder sechs Jahren deutlich weniger Musiksender geben wird. Wir mögen bei der Marktführerschaft in Deutschland Kopf an Kopf liegen, aber etwa in Holland sind wir die absolute Nummer eins. Aber wenn MTV Europe gut abschneidet, meldet dies die Presse nicht, sobald das irgendjemand anderem gelingt, wird es die große Schlagzeile.

mw: Wie halten Sie MTV Europe relevant und lebendig?

Hansen: Da muss man mit Fingerspitzengefühl arbeiten. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man MTV als eine starke, weltweite Marke und einen gigantischen Konzern wahrnimmt. Die Vorteile dabei sind, dass wir auf diese Weise Einfluss ausüben und Verbreitung finden. Aber wir bemühen uns, ein menschliches Gesicht zu behalten und nicht imperialistisch zu handeln. In Deutschland haben wir vor Ort gute Verbindungen zur Musikindustrie, behalten aber gleichzeitig die internationale Perspektive im Auge. Dieses Jahr bringen wir die European Music Awards zurück in die Bundesrepublik, weil es einfach wieder Zeit ist, dass sie dort wieder stattfinden. Wir versuchen, unsere Stärken nutzen, ohne arrogant zu sein.

mw: Wo sehen Sie noch Raum für weitere Expansionen?

Hansen: Es gibt immer Möglichkeiten, sich zu verbessern. Ich sähe MTV gern noch stärker in Spanien vertreten, auch wenn unsere Reichweite dort im vergangenen Jahr um 100 Prozent zugenommen hat. Auch könnte ich mir noch mehr sexy Events wie die European Music Awards oder unsere Sendungen auf Ibiza vorstellen. Für den Zuschauer erhält der Sender dadurch eine höhere Wertigkeit. Der Trick dabei ist, zu vermeiden, dass man der Konzernstruktur erliegt und konservativ wird. Wir müssen radikal bleiben und Risiken eingehen.

mw: Wird MTV in der nahen Zukunft noch weitere Kanäle starten?

Hansen: Ich eröffne doch die ganze Zeit neue Channels. Aber ich kann nur dann weitere auf den Markt bringen, wenn ich sie profitabel machen kann. Allerdings habe ich vor, die Anzahl der MTV-Kanäle noch zu erhöhen. Davon sollen einige eher den Geist von MTV bewahren als sich zu unseren Top-Umsatzbringern zu gesellen. und MTV Bass sind hier gute Beispiele. Sie sorgen dafür, dass wir ein Gewissen behalten.

mw: Wie wichtig ist für MTV im dritten Jahrzehnt die Online-Präsenz? Hansen: Wir haben gerade all unsere Websites in die eigenen Häuser geholt und integrieren sie so schnell wie wir können in unsere Fernsehkanäle. Dadurch können wir unser Programm inklusive dem Online- Auftritt dem Zuschauer als ein Ganzes näherbringen und es in dieser Form auch der werbetreibenden Industrie verkaufen. MTV online erhöht den Wert der TV-Stationen. Für uns hat das höchste Priorität. Die größte Herausforderung besteht nun darin, die Art und Weise, mit der wir Fernsehen machen, auf alle MTV-Plattformen zu übertragen. Unsere acht lokalen Websites sind die führenden Musikseiten in Europa. Und wenn Sie fragen, ob wir mehr Geld verdienen, wenn wir Websites betreiben, so kann ich nur sagen: auf jeden Fall!

Brent Hansen President & Chief Executive MTV Networks Europe

Als President & Chief Executive von MTV Networks Europe gebietet Brent Hansen über insgesamt 16 verschiedene Musikkanäle, die 43 Territorien und mehr als 89 Millionen Haushalte in Europa erreichen. 1987 stieß er zur noch jungen Europazentrale von MTV als News Producer, stieg dann schnell zum Director of News auf, der für die Produktion, Planung und Leitung beim News Programming verantwortlich war. Daraufhin machte ihn MTV zum Head of Production, in dessen Zuständigkeitsbereich die Aufsicht über die In-House-Produktionen von MTV und die redaktionelle Kontrolle der News fielen. Vom Director Programming & Production beförderte ihn MTV im September 1994 zum President Creative Director. Drei Jahre später wurde er schließlich President MTV Networks Europe. Damit obliegt ihm, die Strategie des europäischen Markenportfolio von MTV beständig auszubauen. Hansen möchte „die verstärkt interessierten Zuschauer mehr an den Sender binden, indem wir ihnen unwiderstehliche Musikkultur geben – wann, wo und wie immer sie es wollen.“ Das bewegte Hansen dazu, sich den technologischen Herausforderungen zu stellen und die Bereiche Web- TV, das Internet, Broadband und WAP-Anwendungen bei MTV zu integrieren. Unter Hansens Führung expandierte MTV Networks Europe von einem einzigen paneuropäischen Kanal zu einem Angebot von neun MTV Services (MTV Italia, MTV Nordic, MTV Central, MTV UK & Ireland, MTV France, MTV España, MTV Polska, MTV Netherlands und MTV European), plus drei VH1-Services (VH-1 UK, VH-1 Germany und VH-1 „Export“) sowie den vier Nischenkanälen MTV Extra, MTV Base, MTV2 und VH-1 Classic. Hansen will die aggressive Expansionspolitik 2001 fortsetzen. Dazu gehören drei weitere Musikstationen im europäischen Channel-Roster mit weiteren MTV- und VH-1-Kanälen, ein neuer 24-stündiger digitaler Musikkanal und regionalisierte Versionen der bestehenden Digital-Dienste von MTV.