Musik

Berthold Seliger zur Debatte Stein vs. Nida-Rümelin

Um welche Interessen geht es wirklich bei der Übernahme der Viva-Mehrheit? Und hilft das Urheberrecht tatsächlich gegen Raubkopierer? Der Berliner Konzertveranstalter Berthold Seliger macht sich seine eigenen Gedanken.

Ist schon , das sich Thomas M. Stein und Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin in musikwoche.de liefern. Dort der Plattenmogul, President BMG Europe, ausgewiesener Vertreter der Musikindustrie, hier der Kulturstaatsminister, der wenig zu sagen hat und dies eloquent und wahlkampfbetont tut. Es lohnt sich, die Positionen der vermeintlichen Streithähne näher zu betrachten. Stein kritisiert, wenn durch den Verkauf des Musikkanals Viva an einen US-Konzern „ein Stück Musikkultur in Deutschland verloren“ gehe, dann sei wesentlich die Bundesregierung mitverantwortlich, die „seit Monaten nur Erklärungen“ abgebe, die zwar „Hoffnung für den Musikmarkt“ produzierten, von Taten sei aber nichts zu spüren. Doch was ist denn bei Viva wirklich passiert?

Ein Stück Musikkultur ist dieser Fernsehsender sowieso nicht – er war von Anfang an als Abspielstation für von der Musikindustrie produzierte Musikvideos gedacht, was nicht zuletzt daran abzulesen ist, dass die Viva Medien AG, die Viva-Dachgesellschaft, seit jeher zu großen Teilen im Besitz der Musikindustrie ist. EMI, einem multinationalem Musikkonzern, gehören 15,3 Prozent der Viva Medien AG. Weitere 15,3 Prozent hält Vivendi, ebenfalls ein multinationaler Industriekonzern (und, wie viele derartige Konzerne, heillos überschuldet). AOL Time Warner hält weitere 15,3 Prozent an der Viva Medien AG und hat sich mit 49 Prozent an Gornys neuem Sender Viva Plus beteiligt. „Ein Stück deutscher Musikkultur“ also? Ein guter Scherz. Und die Erde ist eine Scheibe… Worum es ging bei den Verhandlungen, war lediglich, welcher multinationale Konzern die Viva-Anteile der verkaufswilligen multinationalen Konzerne EMI und Vivendi übernehmen würde – sei es AOL Warner, sei es Viacom, dem der Viva-Konkurrent MTV gehört.

Was an derartigen öffentlichen Scheingefechten in der Regel überrascht, ist, wie selbstverständlich die deutsche Unternehmenskultur ins Feld geführt wird, wenn – in diesem Fall: vermeintliche – nationale Konzerne von internationalen Konzernen aufgekauft zu werden „drohen“, während bundesdeutsche multinationale Konzerne ganz selbstverständlich weltweit „shoppen“ gehen. Die „Krokodilstränen“, die BMG-Europe-Präsident Stein zu erkennen meint, kann er sich getrost aus dem eigenen Auge wischen. Interessant ist ja auch, wie sich zunehmend Vertreter der Musikindustrie auf das Problem des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft stürzen, als ob dies der vermeintliche Retter aus allen Notlagen sei. Natürlich hat das Urheberrecht in Zeiten der digitalisierten Informationsgesellschaft ein anderes Gewicht als im Zeitalter dolby-freier Kassettenkopien. Allerdings scheint mir, als ob die Vertreter der Musikindustrie den Balken im eigenen Auge gerne übersehen – warum ist es dieser Industrie in den letzten Jahrzehnten denn nicht gelungen, die zudem heillos überteuerten CDs zu einem attraktiven Produkt zu machen? Es war doch schon immer so, und es bleibt so: Wenn ein Produkt attraktiv aufgemacht ist, besonders daherkommt, dann will man das Original besitzen. Wenn zwischen Original und Kopie freilich kaum ein Unterschied besteht, außer, dass das Original dreißigmal teurer ist, dann kann man auf das Original auch verzichten.

Wir haben in den 70er-Jahren doch auch etliche LPs von unseren Freunden aufgenommen – während wir aber Platten wie „Exile On Main Street“ von den Stones oder „Trout Mask Replica“ von Cpt. Beefheart oder das Weiße Album von den Beatles oder die Bananen-LP von Velvet Underground natürlich im Original im Plattenschrank stehen haben wollten. Ich denke, hier kommt es auf zwei wesentliche Aspekte an: Neben der bereits genannten „Verpackung“, dem visuellen Reiz des Produkts (bis hin zu interessanten Liner Notes, Songtexten usw.), muss eben auch die Qualität des „Produkts“ stimmen. Originäre Künstler wie die eben genannten und etliche andere haben ein Qualitätslevel, an dem man nicht vorbeikommt. Während die Kunstprodukte der Musikindustrie unserer Tage eben schlechte Qualität sind, die man kopieren und jederzeit überspielen kann (und sollte).