Seligers Firmenphilosophie ist denkbar einfach: Er will anspruchsvolle Klänge unters Volk bringen. Und er vermittelt nur Künstler, die ihm auch persönlich gut gefallen. „Damit scheidet von vorn herein vieles aus“, erklärt er gegenüber musikwoche.de. „Meine Ausrichtung ist ganz klar eher kulturell, als kommerziell.“ Ursprünglich Musiklehrer und zeitweise Landesgeschäftsführer bei den Grünen, aus deren Partei er jedoch bereits 1990 austrat, rief er 1988 seine Konzertagentur ins Leben. Zuvor hatte sich Berthold Seliger in Fulda als örtlicher Veranstalter mit Künstlern wie Gerhard Polt, der Biermösl Blosn und kritischen Sängern aus der DDR etabliert.
Seinen ersten internationalen Act, das Terem Quartet aus St. Petersburg, konnte er gleich an Peter Gabriels WOMAD Festival vermitteln. „Offensichtlich kann man davon leben“, antwortet der 42-jährige Aficionado auf Nachfrage. „Es wird immer wieder unterschätzt, wie viele Leute in diesem Land einen guten Geschmack haben.“ Und er schwärmt von dem Vergnügen mit Künstlern wie John Cale oder Lambchop arbeiten zu können. Konsequent versteht sich Seliger als „Kulturvermittler“, denn es gehe ihm darum, ein gutes Angebot möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. „Ich fühle mich da manchmal wie der Ökobauer der Branche. Ich betreibe keine Legebatterie.“ Seine Newsletter erhalten „selbst von Leuten aus dem Mainstream positive Resonanz“. Dabei würden die pointierten Formulierungen zum Branchengeschehen und zur allgemeinen Weltlage besonders geschätzt.
Standhaft trotzt der unabhängige Tourveranstalter den Konzentrationsprozessen in der Branche und sieht Deutschland nach wie vor als einen der stärksten Märkte Europas. „In England konzentriert sich alles auf London. Hier dagegen lassen sich Konzerte flächendeckend organisieren.“ Um etwa US-Künstler nicht über England einkaufen zu müssen, bietet der musikwoche.de-Beirat Top-Acts wie Tortoise selbst europaweit an. Afrika sei derzeit weniger gefragt, Kuba weitgehend ausgereizt. Dafür bringen momentan Blasmusiker wie das Sandy Lopicic Orkestar volle Häuser. Generall aber bleibe das Publikum jenseits des Mainstreams seinen Künstlern über Jahre hinweg treu. Seligers Tipp an die Adresse der Majors: „Man muss nicht jeden Monat mit viel Getöse eine neue Sau durchs Dorf treiben. Das Geheimnis ist Qualität, nicht eine gut geölte Marketingmaschinerie.“


