Musik

Berthold Seliger formuliert Forderungen an die Politik

Kultur braucht vernünftige Rahmenbedingungen, um existieren zu können. Was Deutschland in dieser Hinsicht von Frankreich lernen kann und welche Maßnahmen die deutsche Politik ergreifen sollte, legt Berthold Seliger, Konzertveranstalter in Berlin, und musikwoche.de-Beirat, in seinem Diskussionsbeitrag dar.

Ob das immer wieder diskutierte Musikexportbüro zum Deus ex Machina taugt, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Dass deutsche Musik mehr exportiert werden sollte, ist ja wahrlich nicht das Kernproblem. Schaden wird solch eine Institution wohl nichts. Ob sie jemandem nützt, mag dahin gestellt bleiben. Unabdingbar wäre aber eine substanzielle staatliche Förderung von „Zeitkultur“, und auf diesem Gebiet hat die jetzige rot-grüne Koalition ebenso nachhaltig versagt wie ihre schwarz-gelbe Vorgängerregierung. Es wird ja immer wieder das Beispiel Frankreich zitiert. Was die Protagonisten dabei aber gern übersehen, ist die immense lokale und nationale Förderung von Zeitkultur quer durch alle staatlichen Institutionen Frankreichs. Kunst benötigt bestimmte Rahmenbedingungen, um sich entfalten zu können. Das reicht von der sozialen Stellung und Absicherung der Künstler über ausreichende und vernünftige Auftrittsmöglichkeiten bis hin zu einem Publikum mit Geschmack.

· Man mag vom Besteuerungs- und Versicherungssystem des französischen Nachbarn halten, was man will. Auf jeden Fall hat die französische Regierung ein System geschaffen, das es Musikern ermöglicht, sozial abgesichert ihrer Kunst nachzugehen. Ab einer bestimmten Anzahl von Auftritten pro Jahr greift eine umfassende Sozialversicherung bis hin zu einer Art „Arbeitslosengeld“ für Zeiten, in denen die Musiker keine Auftritte haben.

· Gleichzeitig besteht in Frankreich ein dichtes Netz von opulent ausgestatteten Kulturzentren. Da wurden noch in der kleinsten Provinzstadt aufwändige technische Bedingungen für Auftritte geschaffen. Von der reichhaltigen Musikszene der Hauptstadt Paris mal ganz zu schweigen. Und schließlich gibt es eine vielfältige Festivallandschaft, die staatlich subventioniert wird.

· Und der französische Staat verbindet mit dem Stichwort „Kulturförderung“ nicht eine Einbahnstraße wie hierzulande das Goethe-Institut, sondern subventioniert die Flugkosten zum Beispiel von schwarzafrikanischen Musikern, wenn die nach Frankreich (oder sogar in ganz Europa) auf Tournee gehen wollen. So wird eine Basis gelegt dafür, dass sich Kulturen austauschen und befruchten können – während hierzulande mittelalterliche Visumsbestimmungen für nichteuropäische MusikerInnen oder die Ausländersteuer den kulturellen Austausch erschweren und das Gegenteil von einem weltoffenen Deutschland darstellen.

Ich denke, dass es Aufgabe von Kulturpolitik wäre, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Künstler ihrer Kultur nachgehen können. Beispiele für Forderungen an deutsche Politiker, gerade angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl, könnten sein:

· Subventionierung von Zeitkultur (technische Ausstattung von Musikclubs, Erleichterung von Bau- und Lärmbestimmungen)

· Soziale Absicherung von Künstlern (da wäre als erster Schritt die von Rot-Grün vollzogene Kürzung des Staatszuschusses zur Künstlersozialversicherung zurückzunehmen)

· Erleichterung und Förderung des kulturellen Austausches (Stichpunkte: Ausländersteuer, Visaprobleme)

· Etablierte Spielstätten, die sich auch der Zeitkultur (also zum Beispiel Pop und World) annehmen.

Allzu viel sollte man freilich von Politikern, deren musikalischer Horizont irgendwo zwischen Scorpions und Westernhagen beginnt und auch gleich wieder endet, nicht erwarten. Aber wir sollten jetzt, wo der Dialog mit der Politik auf einigen Ebenen begonnen hat, nicht allzu bescheiden sein, sondern nennenswerte Forderungen stellen – dass die Politiker gleich welcher Couleur es dann in der nächsten Legislaturperiode schon schaffen werden, die Forderungen massiv zu kürzen und zu zerreden, darf als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Allerdings sollten wir Kulturschaffende Politiker wie Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin (SPD) oder Steffen Kampeter (CDU) zukünftig unter anderem daran messen, wie ernsthaft sie sich mit obigem Forderungskatalog (der beliebig erweiterbar ist und nur einen Ausschnitt sinnvoller Schritte darstellt) auseinandersetzen. Denn nicht zuletzt sind auch Musikkonsumenten, gleich ob Konzertgänger oder CD-Käufer, Wählerinnen und Wähler.