Musik

„Beim Film bestimmt der Produzent“

Philip Glass über seine Arbeit als Komponist und der oft schwierigen Zusammenarbeit mit Regisseuren und Produzenten.

“ „Warten auf die Barbaren“ wurde vom Stadttheater Erfurt in Auftrag gegeben. Kommt man auf Sie zu und beauftragt Sie mit einem Stück?

PHILIP GLASS: Nein, niemals. Ich arbeite an bestimmten Stoffen, ich kommuniziere dies und warte, bis jemand Interesse bekundet. Eine Oper zu schreiben, dauert etwa drei Jahre. Und obwohl man zwischendurch auch an anderen Dingen arbeitet, macht es keinen Spaß, sich drei Jahre lang mit einer Auftragsarbeit zu beschäftigen. Nein, ich komponiere nur Dinge, die ich mit Leidenschaft verfolgen kann.

“ Wie oft werden Ihre Opern aufgeführt?

Im ersten Jahr wird die Oper ein paar Mal aufgeführt, dann dauert es sechs, acht, zehn Jahre, bis sie neu interpretiert und wieder aufgeführt wird. Wenn es dann funktioniert, wird sie öfter gespielt. Man muss Geduld haben.

“ Was ist der Unterschied im Komponieren für die Oper, den Film oder nur für Songs?

Der Hauptunterschied ist die Kombination von Bildern und Musik. Die eigentliche Arbeit ist sich sehr ähnlich. Ein großer Unterschied ist die Natur des Arbeitsplatzes, die Struktur von Einfluss, Macht und Entscheidung. Als ich nach Erfurt kam, bekam ich alle Mitarbeiter, die ich wollte, da bei Opernhäusern das Selbstverständnis herrscht, dass die Oper dem Komponisten gehört. Beim Film bestimmt der Produzent, und jeder hat sich seinen Entscheidungen zu beugen. Wenn man das nicht versteht, wird man sehr unglücklich sein.

Beim Tanz ist es ähnlich. Hier gibt der Choreograph die Länge des Stücks vor. Und ich schreibe Musik für alle diese Bereiche, sogar für Werbung. Für den Komponisten ist es sehr wichtig zu wissen, welchen Entscheidungsspielraum er hat. Doch letztlich schreibe ich die Musik alleine. Es ist die Aufgabe des Komponisten, die Musik zum Bild zu bringen.

“ Wie sind die Arbeitsbedingungen in der Filmindustrie?

Sie können wunderbar sein, aber auch schrecklich. Godfrey Reggio, der Regisseur und Produzent von unter anderem „Koyaanisqatsi“, ist sehr daran interessiert, was die anderen Kreativen denken. Aber wenn man mit einem unsicheren Filmemacher arbeitet, dann hat man ein hartes Leben. Wenn jemand seiner Sache nicht sicher ist, macht er anderen nur das Leben schwer.

“ Sie arbeiten regelmäßig in Europa. Schreiben Sie auch für europäische Filme?

Erst seit kurzem. Die ersten Anfragen kamen aus Frankreich, aber ich denke, dass ich öfter Gelegenheit haben werde, für europäische Filme zu schreiben. Sie haben einen anderen visuellen Stil, und ich mag ihre Herangehensweise an ihre Themen. Auch bevorzuge ich den Gebrauch von Musik in europäischen Filmen.

In Hollywood-Filmen wird viel zu viel Musik benutzt, in Europa ist man zurückhaltender und benutzt Musik eher wie im Theater. Musik muss nicht in jeder Sekunde eines Films präsent sein. Für mich ist die europäische Art, Musik im Film einzusetzen, sehr viel interessanter. Dadurch, dass ich seit 35 Jahren regelmäßig in Europa mit Europäern arbeite und als Student in Paris gelebt habe, lernte ich europäische Kultur und europäisches Denken kennen, und das nutzt mir jetzt. Ich habe drei Opern geschrieben, die auf Filmen von Jean Cocteau basieren.

“ Wie wichtig ist es für Sie selber, live aufzutreten?

Ich gebe nach wie vor 50 bis 60 Konzerte im Jahr. Die Hälfte meines Einkommens bestreite ich aus Live-Auftritten. Und durch die Konzerte halte ich Kontakt zu meinem Publikum, dessen Reaktionen ich während und nach den Auftritten ungefiltert mitbekomme. Das ist ein aktiver Dialog. Ich kann nur jedem Komponisten raten, ein Programm zusammenzustellen, das er live aufführen kann.

“ Wenn Sie an einer Orchestermusik wie „Warten auf die Barbaren“ arbeiten, entsteht das Stück dann während der Proben?

Die Proben sind dafür da, das Stück zu Ende zu formen. Über die Jahre bin ich beim Komponieren immer geübter geworden, sodass ich die Emotionalität der Musik fertig habe, wenn die Proben beginnen. Für mich bedeutet die Probenarbeit mittlerweile nur noch, die Struktur der Musik zu verbessern, die Abstimmung der einzelnen Elemente zu perfektionieren und ihr den letzen Schliff zu geben, damit sie so ist, wie ich sie mir vorstelle. Bei einem Stück wie diesem, das 160 Minuten dauert, sprechen wir von Veränderungen, die vielleicht fünf Minuten maximal betreffen. Aber diese kleinen Veränderungen können einen großen Effekt haben.

“ Wie kommt die Länge einer Oper oder eines Konzerts zustande?

Die Länge entsteht aus einer Kombination von Gründen. Eine Oper darf heute inklusive Pause nicht länger als drei Stunden dauern, sonst langweilt sich das Publikum. Bei der Gesamtlänge spielen auch die Interessen des Theaters und Gewerkschaftsregularien eine Rolle. Ich kann jede Länge komponieren, die gewünscht ist, es ist nur eine andere Art des Arbeitens.

“ Behindern all diese Wünsche und Regeln Ihre Kreativität?

Nein, überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Je enger die Vorgaben gesetzt sind, desto kreativer und erfinderischer werde ich. Ich bin absolut in der Lage, einen Song von zwei Minuten 20 zu schreiben. Oder nehmen wir ein Orchesterstück mit Gesang: Wenn ich 40 Stimmen zur Verfügung habe, schreibe ich anders als bei 80 Stimmen. Über die Jahre des Komponierens habe ich gelernt, sehr flexibel zu sein. Für mich ist das Wichtigste, zu wissen, was mir für die Umsetzung der Musik zur Verfügung steht.