“ Ihren Vertragsverpflichtungen bei Geffen/Universal für Nordamerika sind Sie mit Ihrer neuen „Hit„-Compilation nachgekommen. Ihr Vertrag mit Virgin/EMI für den Rest der Welt wird mit der nächsten Veröffentlichung erfüllt sein. Dient „Hit“ in erster Linie dazu, aus diesen Verträgen raus zu kommen?
Peter Gabriel: Die „Hit“-CD war überfällig, da meine letzte Compilation, „Shaking The Tree“ bereits dreizehn Jahre zurückliegt. Für alle, die nur „Sledgehammer“ oder vielleicht auch gar nichts von mir besitzen, gibt es jetzt „Hit“. Andererseits half „Hit“ mir auch bei der Vertragsauflösung für den amerikanischen Markt. Ich fühlte mich von meinem dortigen Label Geffen/Universal seit langer Zeit nicht mehr unterstützt. Da sie seinerzeit mein „Ovo„-Album gar nicht veröffentlicht hatten, bot ich ihnen zwei Projekte zur Veröffentlichung an. Das eine war eine Songwriter-Version des „Ovo“-Albums, die den Titel „Son Of Ovo“ trägt. Das andere war die „Hit“-Zusammenstellung. Sie entschieden sich für „Hit“, und ich wundere mich warum…
“ Wie sehen Sie generell die Zukunft des Musikgeschäfts?
Ein Ende der Plattenfirmen erkenne ich nicht. Aber ich denke, dass es zukünftig mehr echte Partnerschaften zwischen Künstlern und Plattenfirmen geben wird. Und es wird mehr Spielraum im Markt geben, der es Künstlern erlauben wird, unabhängig zu arbeiten, wenn sie es wollen. Andererseits werden Künstler kaum Marketing- und Distributionsjobs übernehmen wollen. Zusammen mit A&R sind das Dienstleistungen, die Majorlabels zum Teil hervorragend erledigt haben und auch weiterhin erledigen können.
“ Werden Sie sich weiterhin von einem Major unterstützen lassen, oder sehen Sie Ihre Zukunft in der digitalen Welt?
Bei den Majors hat mich ihre Haltung Künstlern gegenüber oft geärgert. Du wirst wie ein Kind behandelt, und daran hat sich im Grunde nie etwas verändert. Es ist das klassische Managerdenken: Du suchst dir einen Rockstar, machst eine Menge Kohle, kaufst dir eine Villa, ein schnelles Auto, suchst dir eine Frau mit dicken Titten – und brennst mit dem Geld des Künstlers durch. Kein Wunder, dass die Rap-Künstler zurzeit die besten Deals haben. Vermutlich haben sie diese mit Waffengewalt erzwungen. Zur Abwechslung halten mal die Künstler Gewehre in den Händen.
“ Wird es für den Erneuerer Peter Gabriel schwieriger, innovativ zu sein?
Ich liebe es, neue Sachen zu kreieren, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich innovativ sein muss, weil man es von mir erwartet. Es gibt auf der „Hit“-CD und auf der neuen DVD den Zugang zum interaktiven „Noodle Player“. Damit kann man sich über das Internet eigene Mixe von Songs aus meinem Katalog erstellen. Ich glaube also nicht, dass es schwieriger geworden ist, weiterhin innovativ zu sein.
“ Glauben Sie immer noch daran, dass Fans für Downloads zahlen würden?
Viele Musikfans suchen sogar nach einer solchen Chance für neue Musik und würden dafür auch bezahlen. Ein anderer Aspekt: Manchmal will ein Song 20 Sekunden lang sein, manchmal wiederum 20 Stunden. So etwas würde niemals in die Welt der Plattenfirmen oder zum Medium CD passen. Aber die digitale Welt bietet Möglichkeiten für solche Extreme. Eine weitere, fundamentale Veränderung, die wir mit OD2 sehen, liegt darin, dass wir mit der digitalen Distribution das Kaufverhalten der Kunden ändern können. Ein Musikliebhaber könnte nämlich den Prozess des Musikmachens und nicht nur das Produkt erwerben. Man könnte seinen Lieblingskünstler beim Schreiben, beim Versagen im Schreibprozess, in Proben oder in akustischen Versionen von Songs belauschen.


