Musik

„Auch ich war Teil des Systems“

Der Untergang der CD samt angeschlossener Vermarktung – Andreas „Bear“ Lasker hält ihn für unvermeidlich. Und dann? Dann geht’s endlich „wieder um Musik“.

Es muss irgendwann Mitte der Neunziger gewesen sein, ich war mit den Fantastischen Vier auf Tournee, als ich nach einem Interview mit dem deutschen „Rolling Stone“ das erste Heft dieser in Deutschland erstmals erschienenen Traditionsgazette in den Händen hielt und damit total aufgeregt in den Tourbus stürzte. Auf dem Heft war eine CD aufgeklebt mit ein paar Stücken vom Album von PJ Harvey. Ich hielt das Heft hoch, zeigte auf die CD auf dem Cover und sagte zu and.ypsilon von den F4: „Wir sind jetzt Zeugen vom Ende der CD-Ära!“

Andy schaute mich erst fragend, dann eher mitleidig an und fragte, wie ich das meine. Ich sagte: „Ab jetzt weiß jeder binnen kürzester Zeit, dass eine CD ein billiger Wegwerfartikel ist, der sich supergünstig herstellen lässt und den man sogar als nette Werbemaßnahme auf ein Magazin kleben kann, während der Fan diese Scheibe für mindestens 30 Mark kaufen muss. Die Leute werden das nicht lange mitmachen, sie werden jetzt glauben, dass die Gewinnspanne pro CD über 1000 Prozent liegt. Das ist der Anfang vom Ende der CD.“ Andy dachte darüber nach, stimmte mir zu, setzte seinen Kopfhörer wieder auf und drückte auf Play an seinem CD-Walkman.

Das Ende der Compact Disc

Und jetzt ist es so weit. Jetzt kann man es laut aussprechen, es feiern oder verteufeln, denn es ist in diesen Tagen zur Tatsache geworden: Das Ende der Compact Disc steht bevor. Das Ende eines Tonträgers, der keiner war. Denn auf diesen silbernen Scheiben hat sich nie Musik befunden – sondern Daten. Daten, die durch elektronische Schaltkreise und Laserabtastung wieder in Musik umgewandelt wurden. Die Schallplatte hingegen, das war ein Tonträger. Die CD war nur zufällig auch rund und drehte sich, aber nur um die Daten am Laser vorbeizuführen.

Im Grunde war die CD nichts anderes als ein Übergangsmedium auf dem Weg ins finale digitale Entertainment. Denn ist Musik erst einmal digitalisiert, ist sie selbstverständlich auf jedem Medium speicherbar, das eben in der Lage ist, mit Daten beschrieben zu werden. Das macht sie nicht besser, aber kopierbarer, billiger, besser zu verbreiten, einfacher zu handhaben. Die Gefahr, die dadurch gegeben war, die Möglichkeit der einfachst herzustellenden Kopie, ist kein Problem der Musik, kein Problem des Konsumenten – es war und ist ein Problem der Musikschaffenden, der Musikindustrie, der Autoren, der Künstler, der Vertriebe und Verlage. Denn die Kopierbarkeit macht die Sache unkontrollierbar für das bislang vorherrschende Vermarktungssystem. Der Fehler lag ausschließlich bei diesem System.

Es geht wieder um Musik

Auch ich war ein Teil des Systems, das ich heute als marode bezeichne, als todgeweiht und als lächerlich. Auch ich habe davon profitiert und darunter gelitten, ohne es geändert zu haben. Zugegeben, ich war immer ein inhaltlich gesteuerter Arbeiter, der sich einen Dreck um Politik und Konzerndenken gekümmert hat – und darauf kann ich heute mehr als stolz sein. Der Rest ist mir durchaus partiell peinlich. Wie sagt man? Ich war jung und brauchte das Geld… Aber ich war kein Entscheidungsträger in der Industrie, und ich weiß auch genau, warum ich es nie sein wollte: Ich hatte Angst, meine Sache zu verraten oder verraten zu müssen.

Vielleicht wird es jetzt, angesichts des von der Industrie höchstselbst vergraulten Kundens und im Zuge des Zwangs-Großreinemachens auf allen Ebenen, wieder möglich, einen guten Job für die Musik zu machen und dabei trotzdem welche zu hören. So einfach sich das anhört, so schwierig scheint es den Verantwortlichen zu fallen.

Jetzt gibt es mit dem Apple Music Store wenigstens einen funktionierenden Online-Shop. Und der hat neben dem Aufrütteln der Musikindustrie und dem Image- und Umsatzfaktor seitens Apple einen wirklich befreienden Effekt: Es geht wieder um Musik.