Über 80 Prozent der Teilnehmer bejahten die Frage. Das ist schon insofern ein bemerkenswert hoher Wert, als man bislang annehmen konnte, dass „Quote“ im Sprachgebrauch der Musikbranche eher auf der Liste der Unwörter stand. Das mag mit der Forderung nach einer „nationalen Quote“ zusammen hängen, wie sie bereits vor einigen Jahren heftigst und kontrovers diskutiert wurde. Den Fokus auf die Newcomer zu legen, erscheint da heutzutage einfach einleuchtender und sinnvoller, wenngleich damals wie heute Frankreich als Vorbild diente und sich am Kern des Ganzen so viel nun auch wieder nicht verändert hat. Popmusik braucht stetige Erneuerung, den nächsten heißen Trend, den potenziellen Hit von Morgen, auch wenn sie heute vom etablierten Mainstream lebt; Nischen und Randgruppen benötigen Raum zum Atmen und Wachsen, um in der Zukunft von der Peripherie in den Brennpunkt des Geschehens zu rücken.
Frankreich hat es schon früh verstanden, diesen Freiraum zu schaffen- und zwar mit einer Quote, die sowohl eine nationale wie eine Newcomer-Komponente umfasst. Die Auswirkungen lassen sich fast täglich im französischen Fernsehen und im Radio studieren: Da herrscht keine strikte Klassengesellschaft der Formate, da treten höchst unterschiedliche Künstler in den gleichen Sendungen auf – und da gibt es immer wieder Überraschungen. Zum Beispiel bei der Verleihung der Victoires de la Musique, dem Gegenstück des Echos, als die Gruppe Noir Désir ein kritisches Pamphlet an den „Genossen Jean-Marie Messier“ verlas: Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Künstler in der deutschen Medienlandschaft dermaßen die Spielregeln bricht. Und wie sich die Lage im deutschen Radio in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat, lässt sich aus den Playlists der großen Servicewellen ablesen: Von Jahr zu Jahr gab es weniger Newcomer. Nachzulesen im Buch „Popmusik im Radio“, erschienen bei Nomos. Also her mit der Quote!
Manfred Gillig-Degrave [mailto:[email protected]@@@[email protected]] Chefredakteur



