30 Jahre Virgin: Anno 1972 bastelte Mike Oldfield in den Manor Studios, einem alten Landsitz, den der Tonmeister Tom Newman im Auftrag von Richard Branson zum Tonstudio ausgebaut hatte, sein Album „Tubular Bells“ zusammen. Im Januar 1973 bot Branson das Tape auf der Midem potenziellen Label-Partnern an – vergeblich. Branson gründete kurzerhand seine eigene Plattenfirma Virgin Records, heuerte seinen Freund Simon Draper als Chef an und veröffentlichte „Tubular Bells“ selbst. Das Album wurde ein weltweiter Millionenseller und versorgte Virgin jahrelang mit dem nötigen Kleingeld, um jedem noch so exotischen Nischenprodukt eine Chance zu geben – was sehr zum Charme und legendären Ruf des Labels beitrug.
So nahm ich dann auch im Frühjahr 1974 erstaunt zur Kenntnis, dass das Album „Phaedra“ von der Berliner Elektronikformation Tangerine Dream hoch in den britischen Charts schwebte – und das wiederum führte im Sommer 1974 zu einer Einladung von Virgin, für die Zeitschrift „Sounds“ am Londoner Konzert von Tangerine Dream in der Royal Albert Hall teilzunehmen. Das Gespräch mit den Musikern fand nach dem Auftritt im Partykeller von Richard Branson statt. Dessen Haus lag mit seiner rot gestrichenen Fassade im Stadtteil Notting Hill gleich um die Ecke von der Portobello Road und damit in unmittelbarer Nähe zum Virgin-Office, das in einem verwinkelten Hinterhof residierte.
Anfangs verfolgte Virgin eine gewagte Repertoirepolitik: Da erschienen neben den Cash-Cows von Tangerine Dream und Oldfield dubiose Produktionen wie „Lady June“s Linguistic Leprosy“, geschliffene Minimal Music von Philip Glass, verquaster Hippierock von Gong oder wunderbare Werke von Robert Wyatt, auch das eine oder andere Solo-Album von Tonmeister Tom Newman oder die semi-klassische Gedichtvertonung „The Rhyme Of The Ancient Mariner“ von David Bedford. Und die ersten Soloalben von Kevin Coyne waren dann Anlass genug, um im Frühsommer 1975 abermals nach London zu pilgern und mit dem „singenden Sozialarbeiter“ zu reden. Mit OMD beim Rennen in Windsor Wir trafen uns im Büro des ersten Virgin-Shops gleich bei der U-Bahn-Station Notting Hill Gate; Coyne lud mich ein, am nächsten Abend seinem Konzert in der Hamburger „Fabrik“ beizuwohnen. Der Auftritt war grandios; hinterher ging man mit der Band in der Gegend der Davidswache italienisch essen. Der örtliche Ariola-Promoter verabschiedete sich, bevor die Rechnung kam; die Zeche zahlte ich, weil sonst keiner deutsches Geld dabei hatte, und um drei Uhr morgens war ich dann froh, dass es auf St. Pauli billige Stundenhotels gibt…
Der Umgang mit Virgin-Produkten und Virgin-Künstlern geriet indes schlagartig professioneller, als Udo Lange in der Münchner Ariola-Zentrale Produktmanager für Virgin (und übrigens auch Island) wurde. Der Mann wusste, was er tat, wenn er sich mit Leidenschaft und Überzeugungskraft für Virgin-Produkte einsetzte. Die Engländer schafften 1976 den Übergang in die Punk-Epoche ohne allzu viele Blessuren und veröffentlichten bald wegweisende Gruppen wie XTC, Motors oder Magazine und mit „Never Mind The Bullocks… Here“s The Sex Pistols“ den Punk-Klassiker schlechthin. Unsereiner durfte dank Udo Lange (und Island) zum Interview mit Brian Eno und Phil Manzanera von Roxy Music nach London fliegen oder an der Themse Eddie And The Hot Rods und eine Band namens Ultravox live erleben; ein Abstecher nach Birmingham, wo die „Anarchy In The UK“-Tour mit den Pistols, den Damned, The Clash und Johnny Thunders Station machte, war auch noch drin.
Auch nach Gründung der Virgin Schallplatten GmbH war es stets ein besonderes Vergnügen, mit den Münchnern zu arbeiten. Mal kam Michael Beck mit Mike Oldfield zum Interview vorbei. Oder Pressechefin Anne Heidenreich lud nach Windsor ein, wo OMD 1984 beim Pferderennen ihr Album „Junk Culture“ vorstellten. Ebenfalls 1984 gab es in London die festliche Uraufführung des Films „The Killing Fields“. Beim anschließenden Empfang schwärmte Richard Branson davon, dass er eine Luftlinie aufbauen wolle. Da hatte er sich innerlich wohl schon ein wenig von seiner Plattenfirma entfernt, die er dann später an EMI verkaufte. Die deutsche Dependance entwickelte sich dessen ungeachtet weiterhin prächtig – mit eigenen Künstlern wie Sandra, Michael Cretu oder den Toten Hosen. Aber das ist eine andere Geschichte – nämlich: „20 Jahre Virgin“.


