Musik

Antony And The Johnsons: Nachtigall aus New York City

Mit Reflexionen über Schmerz, Liebe, Schuld, Verletzlichkeit und Sehnsucht verzücken Stimmwunder Antony Hegarty und seine Combo auf ihrem zweiten Album „I Am A Bird Now“. Dabei assistieren dem androgynen Stimmwunder Förderer und Bewunderer wie Lou Reed oder Boy George.

Der Sänger des Culture Club wurde zum ersten prägenden Einfluss für den damals zwölfjährigen Antony Hegarty: „Boy George war eine Ikone. Er war für mich der erste da draußen in der Welt, der dem zu ähneln schien, was ich war“, beschreibt Antony im Gespräch mit MusikWoche sein Erweckungserlebnis. In den frühen Achtzigern begann er auch, eigene Songs zu schreiben – für den Heranwachsenden „meine Art, auf die Welt zu antworten“.

Seitdem hat der in England geborene und in Kalifornien aufgewachsene Antony nach eigenem Bekunden „Unmengen“ von Liedern verfasst. 1990 zog er nach New York, wo er mit der schrillen Kabarett-Truppe Blacklips Eintritt in die New Yorker Homosexuellen- und Transvestiten-Nachtclubszene fand. In diesem Umfeld trug er auch erstmals seine Songs vor. „Die Freude am Gesang“ nennt er als Triebfeder seines Tuns, und er bezeichnet Nina Simone, Marc Almond, Elizabeth Fraser (Cocteau Twins), Otis Redding und Donny Hathaway als Quellen der Inspiration.

Als „einen meiner Helden“ benennt Antony auch den deutschen Kontratenor Klaus Nomi, als dessen „verlorene Kinder“ man die Blacklips einst titulierte. „Ich liebte an Nomi, dass er einerseits lächerliche, tuntige Titel sang, aber auch zutiefst ernsthafte und herzerreißende Kunst schuf wie mit seiner Interpretation von Henry Purcells,The Cold Song'“. Diese Ernsthaftigkeit und Leidenschaft charakterisieren auch die Musik von Antony, für den der Durchbruch freilich auf sich warten ließ. Das Debütalbum „Antony & The Johnson“ mit Aufnahmen von 1997 und 1998 erschien erst im Jahr 2000 auf Durtro, dem kleinen Label des Londoner Avantgarde-Musikers David Tibet. „Die Platte fand damals keine große Verbreitung, aber sie hat die richtigen Leute erreicht“, resümiert Antony. Er knüpfte Beziehungen zu anderen Musikern, um „mein musikalisches Vokabular zu erweitern“. Lou Reed engagierte Antony als Gastsänger auf seinem Album „The Raven“ und auf Tour. Auf „I Am A Bird Now“ ist Reed als Gastmusiker auf „Fistful Of Love“ dabei, einem grandiosen Soulstück über die Freuden des Masochismus. Zu den Gästen der subtilen Songkollektion zwischen Kammermusik, Chanson, Pop, Gospel, Jazz und Soul gehört auch Antonys Jugendidol Boy George, der im Duett „You Are My Sister“ vielleicht die beste Gesangsleistung seiner Karriere liefert. „Wir haben uns vor einigen Jahren kennen gelernt, als George am Musical,Taboo‘ arbeitete und mir anbot, in der Broadway-Version aufzutreten. Ich lehnte das ab, aber wir wurden trotzdem Freunde“, berichtet Antony, der mit Rufus Wainwright und Devendra Banhart weitere prominente Mitstreiter für sein zweites Album fand, das „intimer und verführerischer“ werden sollte als das opulentere Debüt, „weil sich meine Stimme verändert hat und ich nicht mehr so laut wie früher singen will“.

Den intimen Ansatz verstärkt er auf seiner laufenden Europa-Tour, die ihn auch nach Deutschland führte. Die Shows inszeniert er ohne Schlagzeug als stille Kammermusikabende – und als perfekte Plattform für seine samtweiche, einzigartige Tenorstimme. Im November will er für drei Shows erneut nach Deutschland kommen.