Musik

Andy Bird, Co-President Turner Broadcasting System Int.

„Community-Gedanken aufs TV übertragen“

musikwoche.de: Wie kam die Idee für einen Kanal wie Viva Plus?

Andy Bird: Das geht zurück auf den Merger zwischen Turner und Time Warner, der nun vier Jahre zurückliegt. Dabei gab es eine Neuausrichtung der Besitztümer. Wir bei Turner übernahmen die Leitung von Time Warners Beteiligung bei Viva Channel V in Asien und Z+ in Ungarn. Ich wurde Aufsichtsratsmitglied bei der Viva Media AG. Dort begann ich, zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Dieter Gorny eine Strategie auszuarbeiten: Viva sollte viel mehr werden als nur ein Musiksender. Denn Viva ist eine fantastische Marke, die sich in Deutschland sehr großer Beliebtheit erfreut. Wir expandierten dann international, indem wir unser Wissen nutzten, wie man sehr gutes Musikfernsehen bewerkstelligt. Hierauf folgte vor nun 18 Monaten der Börsengang, seitdem haben wir unsere Unternehmungen verbreitert und weiter diversifiziert – immer mit dem Ziel, aus Viva ein vielschichtiges Medienunternehmen zu machen. Dazu gehört auch Viva Plus.

mw: Wie unterscheidet sich der Sender Viva Plus von seinem Vorgänger Viva Zwei?

Bird: Viva Zwei war immer sehr stark gegen den Viacom-Konzern und dessen Musikkanal-Marken wie VH-1 positioniert. So bezog sich Viva Zwei zunächst auch vor allem auf VH-1, und erst später wurde Viva Zwei eine sehr starke unabhängige Marke, die eine große Wirkung zeigte. Wir verwendeten sie in einem strategischen Sinn und gleichzeitig, um damit den Hauptsender Viva zu unterstützen. Auf Viva Zwei haben wir im Laufe der Jahre einige interessante Experimente ausprobiert. Aber der Kanal stand niemals im Kern des Unternehmens. Das hatte zur Folge, dass Viva Zwei nicht profitabel arbeitete. Im Aufsichtsrat wussten wir, dass wir etwas unternehmen mussten, um dies zu ändern. Zu der Zeit hatten wir gerade den Zusammenschluss mit AOL beendet, das als Unternehmen viele höchst interessante Erfahrungen im Bereich Internet und interaktive Medien mit einbrachte. Turner und AOL Time Warner haben im deutschen Fernsehmarkt schon immer einen der größten der Welt gesehen, der zudem nach den USA das zweitgrößte Kabelnetz aufweist. Und so entwickelten Dieter und ich nach und nach die Idee für Viva Plus.

mw: Welches Konzept steckt hinter Viva Plus?

Bird: Die grundlegende Idee ist „Musik und mehr“. Wir wollen das Music Programming international, nach vielen Genres und populärer als Viva Zwei ausrichten. Auch interaktive Zugriffsmöglichkeiten der Zuschauer werden eine enorme Rolle spielen – sei es über das Internet, Breitband, Telefon oder SMS. Alle verschiedenen Arten von Abstimmungsverfahren sollen zum Einsatz kommen. Eine der fantastischen Möglichkeiten des Internets liegt im Gemeinschaftsgefühl, das über Chat Rooms oder Instant Messaging aufgebaut wird. Wir werden versuchen, diesen Community-Gedanken auf das Fernsehen zu übertragen.

mw: Wie wollen Sie diese Idee umsetzen?

Bird: Viva Plus wird keine Studio-gebundenen Moderatoren haben. Für Viva Plus haben wir ein Netz aus VJs in allen großen Musikmetropolen der Welt aufgebaut, die täglich von der Straße berichten. Dabei gleichen sie einer One-Man-Band, denn sie sind ihr eigener Kameramann, der selbst entscheidet, wo er filmt. Das ist ein absoluter Gegensatz zu einem Studio-VJ und hat mehr mit dem Wert von Nachrichten und deren technologischer Verbreitung bei CNN zu tun. Das konnte man zuletzt in Afghanistan beobachten, wo CNN satellitengestützte Videophones einsetzte. So wird Viva Plus tägliche Shows von Köln, Berlin, Hamburg, London und Los Angeles ausstrahlen. Barcelona und Tokyo kommen später ebenfalls hinzu, während Köln den Knotenpunkt für diese Verbindungen bildet. Die Zuschauer werden die Moderatoren jeden Tag sehen, wobei die interaktiven Elemente bedeuten, dass sie mit ihnen mailen und chatten können. Davon versprechen wir uns, dass wir Zuseher emotional an die VJs binden können. An den Feinheiten der Musikfarbe von Viva Plus arbeiten wir indes noch. Dominik Kaiser, der Geschäftsführer von Viva Plus, ist hier auf einem sehr guten Weg. Im Allgemeinen bevorzugen wir jedoch neue, frische Musik, bevor sie in die Charts geht. Wir werden Musik nicht so behandeln wie VH-1 das tut.

mw: Dieter Gorny beschreibt Viva Plus als „das erste voll konvergente Musik-TV“, das Fernsehen, Internet und Mobiltelefon zu einer Einheit verbinden soll. Andererseits ist es notorisch schwer, über das Netz Geld zu verdienen, oder?

Bird: Wir haben über AOL ein hohes Maß an Expertise, wie man das Internet kapitalisieren kann. Der Vertrag bezieht sich nicht nur auf Viva Plus, sondern auch auf die interaktiven Seiten von Viva. Wenn das deutsche Kabelsystem digitalisiert wird, werden die Grenzen zwischen dem, was Fernsehen ist und dem, was Internet ist, verwischen – da sind wir uns sicher. Handys sind ein anderer Wachstumsbereich. Dabei betrachten wir einen langfristigen Zeitraum über die nächsten fünf bis zehn Jahre.

mw: Betrachten sie www.viva.tv als Erfolg?

Bird: Nun, die Akzeptanz der Site war zu Beginn fantastisch, aber sie war einfach fortschrittlicher als es die damalige Technologie erlaubte. Der Auftritt brauchte eine dickere Verbindung und war somit seiner Zeit voraus. Aber wir glauben ganz stark an das Internet. Es bildet eines unserer Hauptgeschäftsfelder im Unternehmen. Deswegen sind wir sehr zuversichtlich, dass der Online-Bereich und die interaktiven Elemente von Viva Plus profitabel arbeiten werden.

mw: Wie sieht die Berichtsstruktur zwischen Viva und Turner aus?

Bird: Auf Seiten von AOL Time Warner und Turner ist Turner absolut verantwortlich für unseren Gruppenanteil an Viva Plus und dessen Unternehmungen. Turner und Viva haben einen Aufsichtsrat eingerichtet, um Viva Plus als GmbH zu kontrollieren. Hier sitzen drei Mitglieder vom Turner-Management und drei Viva-Vertreter. Als Zeichen unseres Engagements für Viva Plus gehört auch der Turner-Chairman Jamie Kellner zum Aufsichtsrat, neben meiner Wenigkeit und Lynne Frank, dem Managing Director bei Entertainment Networks Turner. Dieter Gorny vertritt dort Viva, und Dominik Kaiser wird an den Aufsichtsrat berichten.

Zur Person

Andy Bird

Co-President Turner Broadcasting System International

geboren am 3.Januar 1964, verheiratet, zwei Kinder Andy Bird ist Co-President des Medienunternehmen Turner Broadcasting System International (TBS). Neben Co-President David Levy betreut er das Kabelfernsehen-Netzwerk und interaktive Geschäftsaktivitäten in Asien, Europa und Lateinamerika. Zudem fungiert Bird auch als Vice-Chairman der Viva Media AG und sitzt im Aufsichtsrat des ungarischen Musiksenders Z+, der zum Firmenkomplex der Kölner Viva Media AG gehört. Bird stieß 1994 zu Turner als Senior Vice President und General Manager, stieg dann 1997 zum Exe- cutive Vice President und Co-Managing Director von TBS auf. Für zwei Jahre ernannte der Konzern ihn zum President, Entertainment Networks TBS Europe. Vor seiner Zeit bei Turner arbeitete Bird zwei Jahre lang als Managing Director bei Unique Television, wo er Programmideen für englische Fernsehsender entwickelte, unter anderem für die BBC. Davor war Turner beim englischen Lokalradio und bei Virgin Broadcasting beschäftigt, bevor er 1991 seine eigene TV-Produktionsfirma, Big &Good, gründete. 1999 nahm ihn Großbritanniens Royal Television Society wegen außerordentlicher Verdienste für die Satelliten-Industrie als Mitglied auf.