Anja Garbarek mag es nicht besonders, wenn man sie für berechenbar hält. Kein Wunder, dass auch ihr neues Soloalbum, „Briefly Shaking„, nicht den gewohnten Hörpfaden folgt. Die 1970 in der Gegend von Oslo geborene Sängerin hielt schon als Kind nicht viel davon, Regeln zu folgen.
„Ich dachte damals, dass alle Klavierlehrer gleich strikt seien, und habe nicht kapiert, dass es da durchaus unterschiedliche Typen gab“, erzählt sie. Obwohl sie nie ein Instrument erlernt hat, spielte Musik in ihrem Leben eine besondere Rolle. „Mein Vater hat immer, wenn ich beim Musizieren mal wieder besonders ungeduldig war, auf meine Stärke verwiesen, die doch gerade darin liegt, dass ich die Regeln nicht kenne und deshalb fast automatisch ganz andere Wege beschreite.“
Nicht ohne meinen Vater
Und genau das macht sie auch auf „Briefly Shaking“, ihrem vierten Soloalbum. Hier verbindet sie sanftmütige Popmelodien mit kontrastreichen Sounds und oft recht eigensinnigen Geschichten. Die Zusammenarbeit mit ihrem Vater Jan Garbarek erwies sich auch diesmal wieder als sehr fruchtbar:
„Er half mir bei allen meinen Platten sehr. Und er verfügt über ein immenses Musikwissen. Ich kann ihm sehr schnell erklären, was ich eigentlich suche. Ich frage ihn dann immer, ob er eine Platte kennt, die so klingt, wie ich mir dieses Stück vorstelle, und er geht dann zielstrebig zu seiner riesigen Plattensammlung und holt ein entsprechendes Exemplar hervor.“
Neuer Weg
Schwierig wird es für Anja Garbarek dann, wenn ein fremder Musiker das Studio betritt und sie ihm erklären muss, was er auf diesem oder jenem Stück spielen soll. „In solchen Fällen schreibt mir mein Vater die Noten auf. Ich entwickle meine Songs meist am Keyboard und Sampler, und erst danach spielen die Musiker die Titel ein.“
Der wichtigste Mitstreiter bei der Produktion von „Briefly Shaking“ war diesmal allerdings Gisli Kristjansson, ein sehr vielseitig talentierter isländisch-norwegischer Produzent. „Als ich zum ersten Mal durch Zufall ein Stück von ihm in einem Studio hörte, wusste ich sofort, dass ich mit ihm zusammenarbeiten wollte. Seine Stücke klangen genau so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte.“ Statt wie bisher erst am Ende der Aufnahmen einen Produzenten hinzuzuziehen, band Anja Garbarek Gisli Kristjansson von Anfang an in den Entstehungsprozess des Albums ein.
Zurück zur Familie
„Für mich war es zunächst sehr schwierig, die Kontrolle aus der Hand zu geben und jemand anderem zu vertrauen“, erzählt sie. „Zunächst dachte ich noch, wir nehmen nur ein paar Songs gemeinsam auf, doch je länger wir an den Stücken arbeiteten, desto klarer wurde mir, dass Gisli der richtige Produzent für das ganze Album ist.“
Ihre letzte Platte, „Smiling & Waving„, erschien bereits im Jahr 2001. Der lange Abstand erklärt sich vor allem aus familiären Gründen. So zog die Sängerin von London zurück nach Norwegen. „Ich habe nach der Geburt meiner Tochter einfach schnell gemerkt, dass mir in London das soziale Netz fehlt, auf das ich als Künstlerin angewiesen bin“, sagt sie. „Ich wollte wieder näher bei meiner Familie sein, und das hat letztlich den Ausschlag gegeben.“


