Musik

Alice Cooper: Das Publikum muss die Zwangsjacke spüren

Mit 57 Jahren könnte sich Alice Cooper eigentlich in Ruhe um seine Restaurantkette Cooper’stown, seine Leidenschaft für das Golfspielen und das Zählen von Tantiemen für Hits wie „School’s Out“ kümmern. Doch weit gefehlt: Fast jährlich legt der Altmeister ein neues Album vor.

Sein jüngstes Werk, „Dirty Diamonds“ (Spitfire/Eagle/edel), knüpft an die Experimentierfreude der 70er-Jahre an. „Ich fühle mich mental und körperlich extrem gesund, mir geht es sehr gut“, erklärt ein blendend gelaunter Cooper im Gespräch mit MusikWoche seinen derzeitigen Kreativschub. Nach einer ruhigen Phase in den 90er-Jahren hat er seit 2000 vier neue Alben veröffentlicht und seine berühmt-berüchtigte Horrorshow in jedem Jahr auf die Bühnen gebracht.

Auch 2005 macht da keine Ausnahme. Der Veröffentlichung von „Dirty Diamonds“ am 4. Juli folgt eine Europatournee, die ab dem 15. Juli auch fünfmal Station in Deutschland macht (Moderne Welt). Dass es dabei nicht mehr die ganz großen Hallen sind, in denen er auftritt, stört Cooper nicht weiter. Für den Showman sind auch gute Sichtverhältnisse ein wichtiges Kriterium: „Wenn Alice auf der Bühne in der Zwangsjacke steckt, will ich, dass das Publikum die Klaustrophobie spüren kann.“ Auf dem neuen Album dominiert hingegen weniger Grusel, sondern in erster Linie Spaß. Cooper spielte mit Ryan Roxie, Damon Johnson (Gitarren), Chuck Garric (Bass), Teddy Zigzag (Keyboards) und Tommy Clufetos (Drums) 13 neue Songs ein. Unter der Regie der Produzenten Steve Lindsey und Rick Boston ist ein klassisches Rock-Album im zeitgemäßen Soundgewand entstanden. Stilistisch sieht sich Cooper im Fahrwasser seines 1973er-Megaerfolgs „Billion Dollar Babies“. In der Tat knüpft „Dirty Diamonds“ an diese experimentierfreudige Frühphase an. „Zombie Dance“ oder der Titelsong überzeugen mit ausgefeilten Instrumentalparts, „Pretty Ballerina“ kommt folkig daher, und bei „Six Hours“ und „Perfect“ lässt der Altmeister seine Bewunderung für die Beatles durchklingen. Cooper selbst bietet einige herausragende Gesangsleistungen, offenbar inspiriert von der kreativen Atmosphäre im Studio. „Insgesamt war die Songwriting-Session zu,Dirty Diamonds‘ wohl die beste, die ich in den vergangenen 20 Jahren erlebt habe.“

Auch der rabenschwarze Humor des Texters Cooper kommt nicht zu kurz, etwa in der bizarren Country-Ballade „The Saga Of Jesse Jane“ oder im zynischen Titel „Sunset Babies (All Got Rabies)“. Die Frage nach der Gestaltung der neuen Bühnenshow weiß er mit einem hintergründigen Lachen zu kommentieren: „Natürlich bringe ich auch die Guillotine mit auf Tour“, stellt Alice Cooper klar. „Sie wird diesmal mehr Funktionen haben als früher. Lassen Sie es mich so sagen: Das Publikum wird mit einbezogen.‘