Während Händler wie Shirokko in München oder Weltrecord in Hamburg bereits letztes Jahr deutliche Umsatzrückgänge auf dem Weltmusiksektor beklagten, meldet die WOMEX im Vorfeld ihrer diesjährigen Fachmesse Wachstumsraten bis zu 25 Prozent. Diese widersprüchliche Situation löst sich für Volker Dueck, Geschäftsführer von Sunny Moon in Köln, folgendermaßen auf: „Weltmusik ist und bleibt ein Nischenprogramm, hat aber ein treues Publikum, das einen konstanten Absatz garantiert. Unser Vertrieb kann in 2002 zwar nur einen geringen Zuwachs verzeichnen, muss aber eben nicht mit Einbrüchen kämpfen, wie sie von der populären Musik gemeldet werden.“ Der Grönemeyer-Erfolg zeige, dass es genügend Käufer für „Adult Contemporary Music“ gibt. Dazu zählen für Dueck auch Weltmusik und Jazz. Wenn sich diese Einsicht auch im Einzelhandel, bei den Medien und bei den Majorfirmen durchsetzt, sieht Dueck beruhigt in die Zukunft.
„Grundsätzlich glaube ich, dass das Interesse an World Music gewachsen ist“, meint Georg Schmitz, Managing Director bei Soulfood Music Distribution. „Allerdings ist der Markt für den Endverbraucher doch recht unübersichtlich. Deshalb setzt unser Vertrieb auf gut zusammengestellte Compilations, da hier die Verkaufszahlen stabil geblieben sind.“ Dagegen rechnet das Marburger Label Tropical Music mit „um die 15 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr“, wie Promoter Alexander Trofimow erklärt. Die Firma Blue Flame wiederum setzt ihre Chill-Out- und Lifestyle-Compilations vorwiegend im Ausland ab. „Frankreich verkauft beispielsweise 8000 Einheiten, Deutschland vom selben Produkt nur 2000“, meint Geschäftsführer Friedemann Leinert und weiß auch warum: „Der Handel dort ist kooperativer. FNAC oder Virgin Megastore platzieren Weltmusik besser. Hierzulande gibt es maximal bei WOM und in einzelnen kleinen Geschäften eine gute Platzierung.“ Auch Daniel Dinkel von Galileo Music aus Grafrath beklagt „zu wenige qualitativ hochwertige Verkaufsflächen.“ Durch Fusionen und die Schließung traditioneller Einzelhändler würden spezialisierte Angebote noch weiter ausgedünnt zu Gunsten rentabler Segmente. Große Umsatzsteigerungen schließt auch Zombas Label-Manager Dirk Bremshey für die nahe Zukunft aus. „Das Interesse für Musik aus Afrika, Asien und Lateinamerika wird zwar weiter zunehmen, dennoch bleibt Weltmusik ein Nischenmarkt, in dem lediglich popaffine Ausreißer wie der Buena Vista Social Club für Umsatz sorgen.“ Die meisten Befragten vertreten mit Bremshey die Meinung, dass Downloads und CD-Brennerei die Weltmusik weniger stark betreffen als den Popsektor: „Das Weltmusik-Publikum dürfte – auf Grund günstiger sozio-ökonomischer Voraussetzungen – tatsächlich eher den Weg in den Plattenladen finden, was für stabilere Umsätze sorgt.“
Dem allerdings hält Trofimow entgegen: „Auch die VHS-Trommelkurs-Besucherin brennt mal eben für ihre Kurs-Damen Kopien ihrer liebsten Afrika-CD.“ In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer des Berliner Labels Piranha sieht auch WOMEX-Chef Christoph Borkowsky die Gefahr, dass gerade CDs für den ausgefallenen Geschmack gerne kopiert und verschenkt werden. „Das hat zwar nicht die Größenordnung wie bei Mainstream-Artisten, ist aber häufig im Verhältnis zu den geringen Auflagen, die diese Art von Tonträger haben, prozentual höher und kann für das Überleben gerade der kleineren Spezial-Labels tödlich werden.“ Die Frage, wie es Peregrina Music gehe, beantwortet Geschäftsführerin Rita Falkenburg lakonisch wie folgt: „Das Renommee steigt, und die Verkäufe sinken.“ Das jedoch sei kein Grund, mutlos in die Zukunft zu blicken. „Es ist eben mehr Kreativität und Ideenreichtum gefordert, um weiterhin gute Produktionen zu realisieren“, so Falkenburg, „Künstler, Label, Konzertagentur und Vertrieb müssen ihre Energien strategisch bündeln und eine offene, stetige Kommunikation pflegen. Dann hat ein neuer Act auch eine Chance auf dem Markt.“ Der gegenwärtige Latin-Boom in der Popmusik führt nach Überzeugung Falkenburgs das jüngere Publikum auch an die traditionelle Musik Lateinamerikas heran. „Wenn die Qualität stimmt, kann Weltmusik auch breitere Hörerschichten erobern. Prinzipiell sind die Ohren offen für andere musikalische Kulturen.“



