Manche seiner Mitarbeiter geraten schlichtweg ins Schwärmen, wenn sie vom „Heinz“ reden. Und selbst aus der Distanz vermittelt der President & CEO GSA der EMI in Köln den Eindruck, dass man mit ihm Pferde stehlen könnte. Woran auch immer das liegen mag – er wirkt einfach zuverlässig, integer, ausgeglichen; er strahlt selbst dann noch Zuversicht und Gelassenheit aus, wenn andere den Kopf verlieren. Dabei verliert er dennoch nicht den Blick für die – nicht immer erfreulichen – Realitäten, und auch mit unangenehmen Konsequenzen kann er elegant umgehen.
Als Heinz Canibol Ende Januar 1999 in London seinen Vertrag unterschrieb, war ihm sicher klar, auf was er sich da einließ – dennoch dürften sich die ersten Monate seines neuen Postens als EMI-Chef eher alptraumartig dargestellt haben. Denn zunächst galt es, radikal Stellen abzubauen, um die ehrwürdige Firma, die man gemeinhin „Tante EMI“ nannte, für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen – was nicht zuletzt auch bedeutete, dass sie für einen Fusionspartner namens Bertelsmann möglichst attraktiv zu sein hatte. Mit solchen Maßnahmen sind stets auch menschliche Schicksale verknüpft, und deswegen gehören sie zu den unerfreulichsten Aufgaben eines Managers.
Wohl niemand, der sich mehr oder minder plötzlich mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes konfrontiert sieht, wird dies ohne negative Reaktionen oder Gefühle so einfach akzeptieren können. Dass im Zuge des Personalabbaus bei EMI solche Konflikte wenigstens nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen wurden – zumindest dafür dürfte die Ursache auch in der Person von Heinz Canibol zu finden sein.
Mit seinem trockenen Humor hatte er schon früher einmal geäußert: „Manchmal ist dies natürlich ein Scheißjob, aber es ist immer noch besser, als richtig zu arbeiten.“ Den verbliebenen EMI-Leuten vermittelte er neuen Optimismus schon zu Zeiten, in denen die Charts-Performance der Firma noch recht betrüblich ausfiel. Und da sich mittlerweile auch die Anstrengungen im Repertoire-Bereich in Form von Hitparadenplatzierungen und einem beachtlichen Marktanteil auszahlen, sind sich jetzt alle einig: Mit Heinz geht“s voran – Bertelsmann hin oder her.
Canibol steht als Garant für Sicherheit und Erfolg. Vielleicht liegt das ja an seiner ruhigen Art – dass er mal ausrastet, ist schwer vorstellbar. Dazu würde schon allein seine sonore Stimme gar nicht passen. Dass er in seiner Jugend den Bass in einer Gruppe namens Wellington bediente, („die Gitarre hatte mir zu viele Saiten“), passt da schon eher ins Bild: Er ist eben nicht nur Musikkaufmann oder Marketingmanager, sondern ein Mensch, der sich seine Faszination für die Musik und die Künstler bewahrt hat, seit er als Jugendlicher für Beatles, Rolling Stones und Animals schwärmte. „Ein Künstler ist wesentlich mehr als ein Produkt“, lautet sein Credo.
Nach wie vor interessieren ihn nicht nur Zahlen und geschäftliche Angelegenheiten, sondern vor allem auch die Musiker, und wenn er einen neuen Act unter Vertrag genommen hat, dann hält er mit seiner Begeisterung nicht hinter dem Berg. Das war früher bei Markus („Ich will Spaß“) bei CBS ebenso der Fall wie bei den Abstürzenden Brieftauben, dem Rödelheim Hartreim Projekt oder Illegal 2001 bei MCA. In einer Musikbranche, die sich unter dem Diktat des Marktes und der technologischen Entwicklung in weiten Bereichen von einem sympathischen Rock“n“Roll-Chaotenhaufen zum verunsicherten Fähnlein Fieselschweif der Shareholder-Value-Erfüllungsgehilfen gewandelt hat, strahlt Canibol noch immer nicht nur Ruhe, sondern auch jenes Feeling aus, das die Stones seinerzeit auf den Punkt brachten: „It“s only Rock“n“Roll, but I like it.“
Heinz Canibol liebt und lebt das, was er verkauft, und so simpel – oder doch kompliziert? – ist letztlich wahrscheinlich auch das Geheimnis seines Erfolgs. Er selbst zeigt sich überzeugt: „Musik ist ein Grundnahrungsmittel und wird es auch bleiben.“ Für den jungen Heinz aus Gelsenkirchen galt dieser Grundsatz allemal: „Als Jugendlicher zog ich mit dem Daumen im Wind durch die Welt. Natürlich auch nach England, um die heiligen Stätten des Beat und Rock“n“Roll zu besichtigen.“
Während seiner Studentenzeit von 1971 bis 1974 stand er dann in einer Kneipe hinter dem Zapfhahn; später gehörte ein Drink namens „Rebell Yell“, eine Mischung aus „viel Jim Beam und wenig Ginger Ale“, den er während einer Sales Convention mit Keith Richards und Ron Wood ausgiebig genoss, zu seinen prägenden Erlebnissen. Kein Wunder, dass er als Chef der MCA nach deren Übernahme durch den Spirituosenhersteller Seagram“s dafür sorgte, dass jeder Gast der Vertriebstagung eine Flasche Jack Daniels auf seinem Hotelzimmer vorfand. Auch nicht weiter verwunderlich ist seine Beliebtheit bei den Künstlern – ob früher Michael Jackson und die Stones bei Sony Music, ob Guns „N Roses und Aerosmith bei MCA oder Pur, Tina Turner, Joe Cocker bei EMI.



