Musik

25 Jahre Rhino Records

Marktführer durch Qualität

Das graue Bürogebäude am westlichen Santa Monica Boulevard in Los Angeles täuscht: Hinter der tristen Fassade verbirgt sich das Hauptquartier von Amerikas führendem Reissue-Label: Rhino Records, ein unüber- sichtliches Konglomerat aus verschachtelten kleinen Büros, tonnenweise Rock-Devotionalien und coolem 60s-Interieur.

Das passt zum hier gefertigten Produkt: Neuauflagen von vergriffenen Schätzen aus Rock, Pop, Jazz, Punk und Soul. Dazu Sampler, Videos, DVDs und alles, was das Fan-Herz begehrt, aber kaum findet. Es sei denn, zu maßlos überteuerten Preisen. „Ich würde nie behaupten, dass wir nur Freaks bedienen“, lacht Gary Stewart, seit über 20 Jahren führender A&R-Mitarbeiter bei Rhino. „Aber wir haben uns eben darauf verlegt, nicht nur irgendwelche Oldies zu recyceln, sondern sie auch mit vielen Extras zu versehen. Etwa mit Bonus-Tracks und Liner-Notes.“

Was den unwiderstehlichen Charme der Rhino-Produkte ausmacht: die Liebe zum Detail und zur Qualität. So werden sämtliche Masterbänder liebevoll überarbeitet und restauriert. Und das in Kooperation mit dem jeweiligen Künstler, der bei allen Entscheidungen hinzugezogen wird – Artwork, Tracklisting, Mix, etc. „Man kann nicht hingehen und ein Album aus einer bestimmten Zeit unter heutigen Gesichtspunkten bearbeiten. Man muss es mit Herzblut angehen – und mit dem Respekt vor der Musik“, erklärt Stewart. Was zugleich den Unterschied zwischen Rhino und anderen Unternehmen der Musikbranche ausmache: Hier arbeiten keine BWL- und Marketingstudenten, sondern ausgewiesene Liebhaber. „Leute, die genauso verrückt sind, wie die Käufer dieser Alben“, lacht Stewart. Und das sei auch der Grund, warum Rhino mit einem Jahresumsatz von über 100 Millionen Dollar so erfolgreich ist.

Weil die 150 Mann starke Truppe aus Los Angeles die entsprechende Kompetenz besitzt – und selbst Künstler wie Elvis Costello, Grateful Dead oder Devo überzeugt, die so schlechte Erfahrungen mit der Industrie gemacht haben, dass sie eigentlich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen. „Gerade Costello war sehr skeptisch, seinen Backkatalog noch einmal aufzulegen. Eben, weil er das schon zweimal getan hat und immer ziemlich enttäuscht war. Also machten wir ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Wir ließen ihn die Bonus-Tracks auswählen. Das hat ihm wahnsinnigen Spaß gemacht.“ Was die oberste Maxime im Hause Rhino zu sein scheint. Denn das heutige Unternehmen der Warner Music Group, das einst als winziger Plattenladen im Studentenviertel Westwood anfing, betreut nicht nur Namen wie America, die Cars, Ray Charles, Chicago, Alice Cooper, Deep Purple, The Doors, Emerson, Lake & Palmer, Foreigner, INXS, Monkees, Randy Newmann, War oder X, sondern ist auch Spezialist für Compilations jeder Art.

„Wir kreieren Alben, die es nirgends zu kaufen gibt“, so Stewart, der selbst eines der besten Beispiele geschaffen hat: Die „Nuggets „-Boxsets mit Aufnahmen von obskuren Psychedelic-Bands der späten 60er. „Daran habe ich jahrelang gearbeitet“, so Stewart. „Eben, weil man nicht einfach in einen Laden geht, ein paar alte Singles kauft und daraus einen Sampler macht, sondern weil man die richtigen Diamanten finden muss. Und das geht nur über Sammler, die einen beraten und mit den entsprechenden Aufnahmen versorgen. Ein riesiger Aufwand.“ Momentan arbeitet Stewart an einem Boxset mit raren Punk- und New-Wave-Singles. Und pünktlich zum 25. Jubiläum erscheinen aufwändige Reissues von Yes, Chicago und den Grateful Dead – mit Neuauflagen sämtlicher Original-Alben, Anthologien und Boxsets. „Wir schlachten den Backkatalog bis zum Letzten aus“, lacht Stewart. „Aber wir tun es mit Fingerspitzengefül.“

Und mit Erfolg. So verkaufte die Doppel-CD „The Chicago Story – Complete Greatest Hits “ im letzten Herbst sensationelle 500.000 Einheiten. Zahlen, die zeigen, wie wichtig Rhino für die gebeutelte Industrie ist: „Wir sind keine Resteverwertung, sondern eine Goldschmiede. Wir haben den Plattenfirmen gezeigt, wie man mit seinem Backkatalog Geld verdient. Das haben inzwischen alle begriffen.“