musikwoche.de: Dieses Jahr feiert Tommy Boy sein 20-jähriges Jubiläum. Am Ende des Jahres läuft der Vertrag mit Warner Music aus. Gibt es bereits eine Entscheidung, mit wem die Firma in Zukunft zusammenarbeiten wird?
Silverman: Im Moment konzentriere ich mich darauf neue Künstler zu etablieren. Gleichzeitig bin ich aber auch damit beschäftigt, die verschiedenen Optionen, die das Label für die Zukunft hat, zu sondieren. Die Frage, die sich stellt, ist von fundamentaler Wichtigkeit. Liegt die Zukunft von Tommy Boy weiter bei einer Major-Company oder ist es an der Zeit, sich wieder allein am Markt zu behaupten? Wir hatten 15 sehr gute Jahre mit Warner als Partner, der sich nie in unsere Angelegenheiten eingemischt hat. Wir haben immer unsere Unabhängigkeit behaupten können, und darauf bin ich stolz. Im Augenblick bin ich mir noch nicht sicher, wie und auf welche Weise wir weiterarbeiten werden.
mw: Durch das Internet wird sich in Zukunft der Vertrieb von Musik grundlegend ändern. Wie wird Tommy Boy auf diese Herausforderung reagieren?
Silverman: In der Tat ist die Situation gerade jetzt nicht besonders übersichtlich. Der Vorteil von Independent-Labels ist nach wie vor, dass sie auch mit geringen Stückzahlen schwarze Zahlen schreiben können. Unsere Arbeitsweise war immer künstlerorientiert. Welches Major-Label hätte an einer Band wie De La Soul, deren Verkaufszahlen mit dem zweiten Album massiv einbrachen, über all die Jahre festgehalten? Durch die ganzen Merger hat sich die Situation in den letzten Jahren entscheidend verändert. Die großen Firmen haben fast nur noch einen ständig steigenden Gewinn im Blick. Das ist die Chance für Independent-Companys wie unsere, die ohne großen Apparat auskommen und deshalb auch mit weitaus geringeren Investitionen Geld verdienen können. Der Markt ist im Augenblick aus vielerlei Gründen in einer extrem schwierigen Situation. Es ist durchaus denkbar, dass in ein paar Jahren die Hälfte des Umsatzes durch den digitalen Musikvertrieb über das Internet erfolgen wird.
mw: Gibt es Strategien, wie Tommy Boy darauf reagieren wird?
Silverman: Der größte Fehler ist in meinen Augen, dass viele Leute denken, für Musik im Internet genauso viel Geld verlangen zu können wie bei einem physischen Tonträger. Das ist idiotisch, denn man hat keine Lagerkosten und keinerlei Aufwendungen für die Fertigung. Mir ist es egal, über welche Plattform unsere Musik in Zukunft vertrieben wird. Wichtig ist, dass die Menschen dafür einen Preis bezahlen, der angemessen ist.
mw: Wird Tommy Boy das 20-jährige Jubiläum feiern?
Silverman: Ich glaube nicht. Wir wollen uns lieber darauf konzentrieren, unsere Energie in neue Künstler wie Coo Coo Cal und 6 Shot zu stecken. Ich bin kein Freund davon, sich nostalgischen Gefühlen hinzugeben, denn das lenkt nur von den aktuellen Problemen ab. Ich freue mich schon, im Sommer erneut die Popkomm. zu besuchen. Außerdem werde ich im Herbst die Keynote-Speech auf dem Amsterdam Dance Event halten.
zur person Tom Silverman Gründer und Geschäftsführer von Tommy Boy Records Der am 10. Mai 1954 in New York geborene Tom Silverman erregte erstmals 1978 mit der Gründung der Fachzeitschrift „Disco News“ Aufsehen, die später in „Dance Music Report“ umbenannt wurde. 1980 zählte er zu den Gründern des New Music Seminar. 1981 veröffentlichte er die ersten Singles auf Tommy Boy, darunter Klassiker wie „Planet Rock“ von Afrika Bambaataa & The Soul Sonic Force. 1985 verkaufte er 50 Prozent der Labelanteile an Warner Music. In den folgenden Jahren avancierte Tommy Boy mit Künstlern wie De La Soul und Queen Latifah zu einem der weltweit führenden HipHop-Labels. 1989 ging die Firma dann ganz in den Besitz von Warner über. Tom Silverman blieb aber Geschäftsführer und nahm in den folgenden Jahren unter anderem Digital Underground, Naughty By Nature und House Of Pain unter Vertrag. 1996 kaufte er 50 Prozent der Labelanteile zurück. Tommy Boy veröffentlicht pünktlich zum Jubiläum ausgewählte Albumklassiker neu auf CD und Vinyl, darunter „In Full Gear“ und „On Fire“ von Stetsasonic, „Lost In Space“ von der Jonzun Crew, „Let Me Love You: The Greatest Hits“ von Force MD’s, „Planet Patrol“ von Planet Patrol sowie „Looking For The Perfect Beat 1980 – 1985“ von Afrika Bambaataa.



