Das Motto von Most Wanted: Music (MW:M) lautet dieses Jahr „Rewire!“, neu verdrahten. Wo braucht die Musikbranche das am dringendsten?
Die Branche braucht es überall. Das ist kein theoretisches „Music Eco System“ weitoben über unseren Köpfen, sondern eine tief im Operativen verwurzelte Revolte: Wir müssen uns komplett neu verkabeln und neue Arbeitsbeziehungen zu anderen Menschen, Institutionen und Kontexten aufnehmen. Unsere beiden großen Zukunftsthemen sind Nachwuchsförderung und KI.
Bei diesen Themen wird sinnfällig, wie stark die Zukunft der Musikbranche sich über ihre Fähigkeit zur Öffnung entscheiden wird: für neue Trends, für marginalisierte Communities, für die Musikkulturen der Welt, für neue technologische Entwicklungen und vor allem for the next generation. Das Öffnen müssen wir jetzt in den Alltag auf unseren Tisch holen. „Rewire!“ – das klingt nach permanenter Revolution: Es kommen ständig neue Player ins Spiel, mit denen man sich neu verkabeln muss. Das ist operativ, aber eben auch permanent.
Der Branchentreff zieht ins Hotel nhow an die Spree. Warum?
Neue Energien fließen ein, wenn Menschen aus neuen Fenstern auf die Stadt schauen. Wir wollen ausprobieren, wie sich unser Format direkt an der Spree neu zusammen kabelt. Außerdem hatten wir ganz konkrete Handlungsbedürfnisse: Wir brauchen schlicht mehr Platz und wir brauchen die Räume auf einer gemeinsamen Ebene. Es war uns wichtig, unser Jugendfestival auch räumlich 1:1 auf Augenhöhe zur Industrie zu plazieren.
Unsere Standortwahl für das RAW-Gelände ist auch eine branchenpolitische Positionierung für bedrohte Orte. Das RAW-Gelände ist urban, offen, jung, rau und äußerst vielfältig. Die Durchmischung gehört zu Berlin wie die Luft zum Atmen. Wenn die Stadt durchgentrifiziert wird und alles einem Bild entspricht, sterben auch die Seele und die Kreativität der Stadt.

Wie steht es um die diesjährige Finanzierung der drei Tage?
Wir finanzieren uns über Eintritt, Kooperationen und Sponsoring, aber die öffentliche Hand spielt eine ausschlaggebende Rolle. Die Zukunft ist in Berlin mittlerweile sehr stark ein Ergebnis politischer Verhandlungen. Bei allem Verständnis für die Wahrung von Besitzständen: gerade die Ressourcen für die Zukunftsfähigkeit bedürfen einer strategischen Unterstützung durch die Politik.
Nachwuchs- und Jugendförderung kriegst du über den Markt nicht finanziert. Auch eine Ertüchtigungsstrategie für die Kreativszene können Freelancer:innen und kleine Unternehmen aus eigener Kraft nicht leisten. Beim globalen Innovationstempo in der KI kann man als Einzelner ohnehin kaum folgen. Aus unserer Sicht wird es zu einem Standortvorteil, wenn eine Stadt hier den Fokus setzt und die Akteure bei der Transformation finanziell unterstützt.
Wie positioniert sich MW:M zur KI?
Technologieentwicklung kriegst du nicht limitiert. Der einzige Weg ist, die Prozesse zu kennen, sie zu beherrschen und im Optimum sogar zu gestalten. Wir holen die Music-Tech-Unternehmen und die Musikakteur:innen an einen Tisch und fragen: Was müssen die Tools können, wie müssen sie miteinander kommunizieren, was sind unsere Ziele? Stichwort Verteilungsgerechtigkeit und Niedrigschwelligkeit. Technologie lässt sich immer gestalten. Als Musikbranche wollen wir dabei mit am Tisch sitzen.
Wie wollen Sie verhindern, dass die Konferenz im Vakuum stattfindet und der Status quo danach bleibt, wo er ist?
Indem wir die Konferenz öffnen und Verbindungen schaffen, die über die Veranstaltung hinausreichen. Mit Listen To Berlin: Youth holen wir die nächste Generation direkt an den Tisch. Das verändert auch die Atmosphäre: weniger staubige Konferenz, mehr Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und Professionen. Wir wollen keine kopflastigen Theoriegebilde errichten, sondern konkrete Erfahrungen und Wissen vermitteln, gemeinsam ausprobieren und auch der emotionalen Intelligenz Raum geben. Es geht nicht nur ums Reden, sondern ums Machen und Fühlen.
Dabei denken wir bewusst über die drei Veranstaltungstage hinaus. Wir stellen bereits die Artists vor, die uns im kommenden Jahr begleiten werden. Ein Beispiel ist Paoline Magnus, die bei Youth ihr Wissen weitergibt und 2027 als Botschafterin für das Jahr des Synthesizers aktiv sein wird. So entstehen Verbindungen zwischen Nachwuchsförderung, Musikpraxis und künftigen Projekten. Gleichzeitig holen wir Themen und Initiativen aus der Stadtgesellschaft in die Konferenz. Mit dem Club Festival auf dem RAW-Gelände setzen wir auch ein Zeichen für Berliner Musikorte, deren Zukunft nicht gesichert ist.
Für mich bedeutet „Rewire!“ genau das: nicht nur über Veränderung sprechen, sondern Menschen zusammenbringen, neue Verbindungen knüpfen und daraus konkrete Zusammenarbeit entstehen lassen.






