Magst Du Keychange umreißen, für diejenigen, die noch nicht in Kontakt mit Euch gekommen sind?
Keychange ist eine internationale Kampagne und ein Netzwerk für die Gleichstellung der Geschlechter, das darauf abzielt, die Musikindustrie zu diversifizieren und nachhaltige Veränderungen in der Branche zu bewirken.
Aktuelle Studien* zeigen, dass es in der lokalen und internationalen Musikszene und in Verwertungsgesellschaften immer noch einen drastischen Mangel an Geschlechtervielfalt gibt. Wir glauben, dass dieser Mangel an Sichtbarkeit ein System geschaffen hat, in dem Frauen und andere marginalisierte Geschlechter konsequent zurückgedrängt wurden.
Um eine gleichberechtigte und vielfältige Repräsentation in der Musik zu erreichen, müssen wir als Gemeinschaft dringend daran arbeiten, die Sichtbarkeit, den Output und die Beteiligung unterrepräsentierter Geschlechtergruppen zu erhöhen. Dazu gehören Frauen ebenso wie nichtbinäre und transgender Individuen aller Geschlechter.
Keychange wurde 2015 von Vanessa Reed, der ehemaligen CEO der PRS Foundation, gegründet und 2017 mit ersten Partnern ins Leben gerufen: Reeperbahn Festival, Musikcentrum Öst, BIME, Tallinn Music Week und Iceland Airwaves.
Unterstützt durch das Creative Europe Programm der Europäischen Union und geleitet vom Reeperbahn Festival, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) ist Keychange heute ein globales Netzwerk und eine Gleichstellungsbewegung, die Partner und Mitarbeiter*innen in zwölf Ländern umfasst.
„Es muss sich etwas in den Bereichen der Arbeitsbedingungen, dem Recruiting und der fairen Vergütung – Stichwort Gender Pay Gap – bewegen.“ Lea Karwoth, Keychange.
Die Geschlechtergleichstellung steht im Fokus. Was bedarf es nach Euren Evaluierungen, um diese zeitnah herbeizuführen? Wo liegt der Anfangspunkt, von dem aus sich viel bewegen kann?
Zunächst einmal muss die Situation der strukturellen Ungleichheit in der Musikindustrie in allen Bereichen der Branche anerkannt werden. In der vom Reeperbahn Festival und von der MaLisa Stiftung erhobenen Studie zu Geschlechtervielfalt in der Musikkultur und Wirtschaft, die wir 2021 erhoben haben, ist klar geworden, dass noch keine Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern in der Musik besteht. Es muss sich etwas in den Bereichen der Arbeitsbedingungen, dem Recruiting und der fairen Vergütung – Stichwort Gender Pay Gap – bewegen. Darüber hinaus muss dafür gesorgt werden, dass das Arbeiten in der Musikbranche sicherer wird – Stichwort Sexuelle Belästigung. Essenziell ist, dass auch im A&R-Bereich mehr Frauen im Führungsverantwortung übernehmen.
Dann müssen mehr Mittel bereitgestellt werden, damit FLINTA*-Künstlerinnen gezielt gefördert werden können. Dabei ist es wichtig in Bildungs- und Karriereentwicklungsprogramme sowie Mentoring zu investieren, damit Karriereentwicklungsmöglichkeiten entstehen und neue Role Models gefördert werden.
Darüber hinaus bleiben Studien zu diesem Thema und das Monitoring von Geschlechterverhältnissen in Musikunternehmen und auf Musikveranstaltungen wichtig, damit wir die Zahlen schwarz auf weiß haben und nicht von gefühlten Wahrheiten sprechen.
Ihr habt eine Zählweise für die Festival Line-ups aufgestellt, magst Du uns die erläutern?
Die Keychange-Pledge ist 2017 von den Festivalpartnern der Keychange-Initiative ins Leben gerufen worden. Die Keychange-Pledge ist eine Vereinbarung zwischen Keychange und internationalen Partnern und Unterzeichnerinnen, sich zu einer globalen Bewegung zusammenzuschließen, um die Geschlechterausgewogenheit in der Musikindustrie zu verbessern. Das Kernstück der Keychange-Pledge ist das Versprechen, mindestens 50 Prozent Frauen und unterrepräsentierte Geschlechter bei der Programmgestaltung, Personalbesetzung und darüber hinaus einzubeziehen. Das bedeutet für das Booking konkret, dass eine All-Female Band, ein gemischter Act unter dem Namen einer Frontfrau oder auch ein mixed oder non-binärer Act positiv auf die Quote einwirkt. Eine All Male oder gemischte Band unter dem Namen des Frontmanns zahlt nicht auf die Quote ein.
Ich war etwas überrascht, dass „nur“ ein nicht-weiblich gelesenes Bandmitglied adäquat mit einer All-Female Band ist, Wie seid ihr auf diese Schlüssel gekommen?
Aktuelle Studien zeigen, dass die Musikbranche in hohem Maße männlich dominiert ist: Musik in den deutschen Wochencharts wird zu mehr als 85 Prozent von Männern komponiert. Auf den Festivalbühnen beträgt die Beteiligung weiblicher Musikerinnen mit einem Durchschnitt von 16 Prozent noch 2019 deutlich unter 20 Prozent. Ausnahmen bilden vor allem kleinere oder mittelgroße Festivals, die es auf bis zu 29 Prozent Frauenanteil schaffen.
Es ist ein realistisches Ziel dafür zu sorgen, dass an mindestens 50 Prozent der Auftritte mindestens eine Frau beteiligt wird, aber weitaus schwieriger, eine 50:50-Aufteilung bei der Gesamtzahl der Künstler*innen zu erreichen. Viele Female-Fronted Acts haben zum Beispiel immer noch eine rein männliche Band.
Als die Keychange-Pledge 2017 ins Leben gerufen wurde, wurde als Ziel festgelegt, dass mindestens 50 Prozent der Auftritte von mindestens einer Frau bestritten werden sollten – und diese Person konnte eine beliebige Rolle in der Band übernehmen. Damals dachten viele Veranstalterinnen, dass selbst das Erreichen dieses Ziels schwierig sein würde. Der bisherige Erfolg und die Wirkung des Keychange-Pledge haben jedoch gezeigt, dass gezielte Maßnahmen funktionieren, dass die Talente da sind und nach Möglichkeiten suchen, aufzutreten. Mittlerweile haben sich viele Festival-Signatories verpflichtet, dass mindestens 50 Prozent aller Künstlerinnen auf der Bühne weiblich* sein sollen.
Gibt es Ambitionen, künftig Bands mit einer Frontfrau oder reine female beziehungsweise non-binäre Bands anders zu gewichten?
Organisationen, die sich der Keychange-Pledge verpflichten, können natürlich das Ziel definieren, 50 Prozent Frauen bei der Gesamtzahl der Künstler*innen zu erreichen oder sich sogar ein definiertes Mindestverhältnis diverser Acts zum Ziel setzen. Diese Zielsetzung nehmen immer mehr Organisationen in ihre Absichtserklärung mit auf. Jede Absichtserklärung kann also individuell für die Organisation formuliert werden, die sie abgibt – im Sinne des Wirkungsbereichs, Zeitrahmens und der konkreten Ziele, die die unterzeichnende Organisation für sich definiert um Veränderungen zu bewirken.
Um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Musikindustrie erreichen zu können erfordert es darüber hinaus Maßnahmen, die FLINTA*-Personen aus allen unterrepräsentierten Schichten vertreten. Dies erfordert einen starken Fokus auf Intersektionalität bei dem Monitoring.
Welche Herausforderungen siehst Du bei dem Booking-Ziel von mindestens 50 Prozent weiblichen und non-binären Acts?
Wir haben unsere jahrelange Arbeit mit Organisationen, die sich der Pledge verpflichtet haben, ausgewertet und festgestellt, dass sich die Unterzeichnerinnen bei der Verwirklichung ihrer Ziele mit einer Reihe von externen und internen Herausforderungen konfrontiert sehen. Es gibt zum Beispiel bei einigen Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Organisationen, die nicht die gleichen Ziele verfolgen, und/oder von Problemen bei der Buchung eines geschlechtergerechten Line-ups aus einem begrenzten Pool – zum Beispiel bezogen auf das Genre oder den lokalen Kontext. Während sich COVID-19 für alle Organisationen in der Musikindustrie als Herausforderung erwies, gaben die Unterzeichner*innen an, dass dies auch einen Moment der Reflexion für viele war und eine Möglichkeit bot, bereits bestehender Praktiken zu ändern. Dann gibt es innerhalb der Organisationen Herausforderungen in Bezug auf Überwachung der Ziele, finanziellen Druck oder bereits bestehende Regeln, Vorschriften und Buchungsstrategien, die den Keychange-Zielen nicht zuträglich sind, sowie kontraproduktive teaminterne Dynamiken.
zur Person: Lea Karwoth ist Kultur- und Popularmusikwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Senior Projektmanagerin für das Hamburger Reeperbahn Festival. Das Clubfestival gilt als eine der größten Plattformen für Newcomer:innen aus der ganzen Welt und wichtiger Treffpunkt der Musikwirtschaft. Die 26-Jährige arbeitet dort im deutschen Team der internationalen Initiative Keychange, die Gender Diversity in der Musikbranche fördert und vorantreibt. Derzeit macht sie berufsbegleitend ihren Master im internationalen Kulturmanagement.
Welche positiven Schritte sind wir in den letzten Jahren gegangen?
Seit 2018 sind Musikorganisationen und alle Akteure der Branche aufgefordert, Bereiche ihrer Arbeit zu identifizieren, in denen sie einen dauerhaften, repräsentativen Wandel nicht nur für Frauen, sondern für alle unterrepräsentierten Geschlechter bewirken wollen, und sich dem Keychange-Pledge zu verpflichten, um dies zu unterstützen. Mehr als 600 Musikfestivals und Organisationen auf der ganzen Welt haben sich der Keychange-Pledge verpflichtet, implementieren nachhaltige Strukturen und Praktiken und schaffen mehr Auftritts und Präsentationsmöglichkeiten für FLINTA-Künstlerinnen und Fachleute in der Musikindustrie als je zuvor. Darunter mittlerweile auch Big Player wie zuletzt SACEM in Frankreich.
Eine vielfältige Vertretung der Geschlechter ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Zukunft für die Musikindustrie, und Vielfalt führt zu Erfolg: Die McKinsey-Studie „Diversity Wins“ aus dem Jahr 2020 zeigt auf, dass „Unternehmen mit hoher Gender-Diversität eine um 25 Prozent und damit signifikant größere Wahrscheinlichkeit haben, überdurchschnittlich profitabel zu sein“. Und dass Musikfans das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern auf Festivalbühnen, in Radio-Playlists zunehmend auffällt, zeigen die Daten unserer Studie aus dem Jahr 2022. Junge Musikkonsumentinnen werden die Geschlechter(un)gleichheit beim Kauf von Musikangeboten zunehmend berücksichtigen. Die Unterzeichnerinnen des Keychange-Pledge haben in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt und bewiesen, dass gezielte, positive Maßnahmen funktionieren. Aber die Musikindustrie muss dringend weitere Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die Barrieren für FLINTA aus dem Weg geräumt werden.
Ein Vorurteil ist: „Sollen wir uns jetzt für den nicht-männlichen Act entscheiden, obwohl er schlechter ist?“ Was entgegnest Du dem?
Talent ist erstmal nichts, mit dem ein Geschlecht mehr gesegnet ist als das andere. Fatal ist, dass wir jeden Tag Talente verlieren, weil die Chancengleichheit in der Musikindustrie bei weitem noch nicht hergestellt ist.
Inwiefern beeinflusst, pusht oder auch verhindert das Musik-Genre die Parität? Zum Beispiel scheinen sich Dinge im EDM-Bereich schneller zu bewegen als im Rockbereich.
Einige Genres wie Heavy Metal und Hardrock sind in Sachen Parität weit abgeschlagen, das stimmt. Ich denke, dass hier ganz unterschiedliche Faktoren einen Einfluss auf die Geschlechterparität haben, zum Beispiel eine historische Ungleichheit auf der einen Seite und die Etablierung neuer Genres auf der anderen Seite. Darüber hinaus aber auch der Faktor, dass Stereotype und Images durch bestimmte Musikgenres gefördert werden.
Was lässt Dich hoffnungsvoll in die Zukunft schauen?
Dass die junge Generation jetzt schon stärker für das Thema sensibilisiert ist und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zunehmend einfordert und sich FLINTA*-Acts ihren Platz in der Industrie erkämpfen. In der Arbeit mit unseren Talents im Keychange-Programm sehe ich außerdem, dass großartige Kollaborationen entstehen, wenn sich weibliche, non-binäre und transgender Individuen international vernetzen. Gezielte Maßnahmen zeigen Wirkung. Wir schaffen mit Keychange ein globales Movement und eine Zukunft, in der alle Stimmen Gehör finden!
zur Person: Stefanie Kim wurde 1977 in Westfalen geboren. In Köln betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC Giga. 2000 ging sie für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI. 2005 wechselte Kim vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels/Virgin/ Mute. 2010 gründete sie KimKom. Neben Künstlern und Brands finden sich auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag der Agentur. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig. Nach einer Station bei Warner Music Central Europe als Director Corporate Communications, Diversity, Equity & Inclusion widmet sich Steffi Kim inzwischen wieder ganz ihrer Agentur KimKom.





