Artists

Opus Klassik: Schmetterlinge, Gartenpflege und ein Schuldbekenntnis

Die neunte Verleihung des Opus Klassik brachte am 11. Oktober 2026 ein musikalisch vielfältiges und durchweg eindrucksvolles Programm auf die Bühne des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Die Ausrichter des deutschen Klassik-Preises konnten auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vor Ort begrüßen, der indes auch kritische Töne zu hören bekam.

In der Vorbereitung des Opus-Wochenendes habe man sich durch ein brasilianisches Sprichwort inspirieren lassen, verriet Clemens Trautmann als Sprecher der Geschäftsführung der ausrichtenden Gesellschaft zur Förderung der Klassischen Musik bei seiner Begrüßung: „Verschwende deine Zeit nicht damit, den Schmetterlingen nachzujagen, kümmere dich um deinen Garten und sie werden zu dir kommen“, zitierte Trautmann also im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt das Sprichwort aus Südamerika – und folgerte mit Blick auf das vielfältig besetzte Programm und das Echo des Events aus der Branche und aus den Reihen des Publikums: „Wenn man die Anziehungskraft des Opus Klassik in diesem Jahr beobachtet, so scheint es um den Garten nicht ganz schlecht bestellt zu sein.“

Wie es mit den Erfolgen aussieht, liefert Trautmann gleich nach: „Nie hatten wir beim Opus Klassik mehr Einreichungen, mehr Nominierungen als in diesem Jahr. Nie wurden mehr Tickets für die beiden Veranstaltungen des Opus Klassik verkauft als dieses Jahr für das gestrige Konzert in der Fotografiska, was uns sehr begeistert hat, und wie heute für die Gala.“ Für die Organisatoren im zweiten Jahr nach der Neupositionierung als gemeinnützige Gesellschaft und im neunten Opus-Jahr eine durchaus bemerkenswerte Bilanz.

Trautmann verwies noch auf jüngste Weichenstellungen beim Opus Klassik, die unter anderem einen neuen Sonderpreis für die „Musiklehrkraft des Jahres“ ins Portfolio hievten, was laut Trautmann „quasi das Gegenstück zum Opus Klassik School“ sei, bei dem wiederum hunderte von Schülerinnen und Schülern in die Rolle der Jury rücken würden. Er strich aber auch heraus, dass ein „florierendes Ökosystem“, in dem sich junge Talente entwickeln und Vielfalt gedeihen könne, keine Selbstverständlichkeit sei.

„Die Träger des Opus Klassik, finanziell wie personell, sind tatsächlich privatwirtschaftliche Labels und Konzertveranstalter, die hier eine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, ohne dass es eine staatliche Förderung gibt.“ Genau diese Unternehmen würden aber auch „kollektiv jedes Jahr eine gut zweistellige Millionensumme in die Entwicklung kreativer Talente investieren“. Wenn man aber kulturelle Vielfalt ebenso wie kreative Höchstleistungen wolle, so betonte Trautmann, „dann müssen wir zugleich auch die wirtschaftlichen Grundlagen dafür schützen“. 

Geistiges Eigentum sei „die absolute Grundvoraussetzung für kreatives Schaffen“ und kein kostenloser Rohstoff, der einfach aus einem Garten abgeerntet werden könne. Trautmann schob noch einen Dank an langjährige Partner:innen beim Opus Klassik wie das ZDF oder Volkswagen ein – „vielen Dank für das Mittun, für die Treue und den guten Geist“ – bevor er Staatsminister Wolfram Weimer auf die Bühne bat: „Lassen Sie uns alle gemeinsam daran arbeiten, dass dieser Garten weiter gedeiht“, appellierte er noch an die Runde.

Wolfram Weimer griff dieses irgendwie doch ziemlich grün angehauchte Bild sogar auf: „In diesem Garten will man gerne sein“, sagte der Kulturstaatsminister zur Begrüßung, verwies auf ein „großartiges Publikum“, auf „großartige Künstler“ und einen „außergewöhnlichen Abend“, der unter anderem der Würdigung und auch dem Respekt vor den Größen der Musik diene, zog aber auch einen im musikalischen Kontext nur bedingt passenden Oscar-Vergleich. 

„Die klassische Musik ist nicht nur Exzellenz, nicht nur das ganz große Orchester, sondern auch die Weite und Tiefe dessen, was die Magie der Musik ausmacht. In Deutschland gibt es 16 Millionen Menschen, die musizieren, über 40.000 Chöre und 12.000 Musikvereine. Das heißt, die klassische Musik wird von vielen Menschen in diesem Land getragen. Alle, die sie lieben, bilden gemeinsam eine Symphonie – und heute Abend feiern wir ihre Spitze.“ Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in seinem offiziellen Statement um Opus Klassik.

Er wolle aber nicht nur den Opus Klassik als Format unterstützen, sondern auch das weitere Feld der klassischen Musik, führte Weimer weiter aus und verwies auf immer mal wieder zu hörende Kritik, laut der er „doch sehr klassisch unterwegs“ sei und die klassische Musik „besonders fördern“ würde: „Ich bekenne mich schuldig“, räumte Weimer da ein: Denn die klassische Musik sei schließlich nicht allein Exzellenz und „das ganz große Orchester“, vielmehr würden in Deutschland 16 Millionen Menschen klassische Musikinstrumente spielen, hinzu kämen 40.000 Chöre und 12.000 Musikvereine. Vor diesem Hintergrund aber gelte es, „auch etwas zu verhindern“, unterstrich Weimer: Denn das, was „die Big Tanks und die KI mit unserer Musik machen“, das sei „gefährlich“ und „ein Raubzug“, sagte er: „Da muss die Politik nun ran.“ Das sei nicht bloß eine Frage des Respekts, sondern auch des Rechts.

Die Bilder, die Weimer anschließend zur Bestätigung bemühte, lagen indes auf einem ähnlichen Niveau wie der Oscar-Vergleich kurz zuvor: Er sprach einerseits von humanoiden Robotern „mit einem versteckten USB-Anschluss“ und einem Tech-Orchester, das „scheppernde Musik von chinesischen Servern aus“ darbieten würde, andererseits von „Diven, die ihre Proben verzweifelt abbrechen, weil in der Maske das Schnittchen nicht mehr vegan“ gewesen sei. Während man also das eine nicht wolle, wolle man doch auf das andere nicht verzichten, weil doch das Menschliche an sich „der Kern der Musik“ sei. 

Er freue sich „mit allen Preisträgern“, sagte Weimer noch, und zeigte sich zuversichtlich in der Aussicht auf einen Abend voller künstlerischer Genüsse. 

Bevor die Kameras anliefen, dankte Moderatorin Désirée Nosbusch dem Kulturstaatsminister noch für seine Worte – „schöner bei uns als bei der Buchmesse, oder?“ –, verwies darauf, bereits durch ihren sechsten Opus Klassik führen zu dürfen, und bedankte sich dafür unter anderem beim ZDF-Team und hob den beim Sender als Redakteur unter anderem für den Opus Klassik zuständigen Jörg Hitzemann heraus, der auf den Ruhestand zusteuere.

Den Auftakt zum Programm der TV-Gala machten dann die Preisträger:innen Jonas Kaufmann und Katharina Konradi mit einem Duett aus der Operette „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmáns. Es folgte ein Auftritt des Gitarren-Duos Café del Mundo, das am selben Abend noch ein eigenes Konzert im Berliner Admiralspalast gab, bevor die Pianistin Alice Sara Ott mit einem Stück von John Fields ebenso beeindrucken konnte wie Sopranistin Shira Patchornik mit dem Chaarts-Ensemble und einer Arie von Niccolò Piccinni. Alice Sara Ott brach in ihrer Dankesrede eine Lanze für den menschlichen Faktor in Musik und Kultur und machte sich dafür stark, dass Kunst nicht von Beliebigkeit verdrängt werden dürfe.

„Die Plattenindustrie hat sich grundlegend verändert: Heute konkurrieren wir nicht nur im Streaming mit künstlicher Intelligenz, sondern fragen uns gleichzeitig, welchen Wert Musiker in einer solchen Zeit haben. Es muss eine klare Grenze gezogen werden zwischen KI als Hilfsmittel und menschengeschaffener Musik – Kunst darf nicht von Beliebigkeit verdrängt werden.“ Preisträgerin Alice Sara Ott in einem offiziellen Statement zum Opus Klassik.

Gregor A. Mayrhofer brachte sein mit dem „Innovationspreis für Nachhaltigkeit“ ausgezeichnetes „Recycling Concerto“ zwar nicht live auf die Bühne, aber immerhin mit einem Einblick per Einspieler. In seiner etwas länglichen Dankesrede betonte der Komponist, der ein Schlagwerk mit unter anderem Plastikflaschen in sein Werk einbaute, den Dank an seine „Mitmusiker:innen“ um die Percussionistin Vivi Vassileva und verband das explizite Gendern mit einem kleinen Seitenhieb auf Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.

Das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Anna Rakitina punktete derweil mit einem Ungarischen Tanz von Johannes Brahms. Auf dem Programm standen zudem Auftritte des Pianisten Alexander Malofeev, der Violinistin Esther Abrami, der Pianistin Shani Diluka und von Andrè Schuen. Der als „Sänger des Jahres“ ausgezeichnete Bariton erhielt bei seiner Würdigung auf der Bühne Unterstützung von Anna Lucia Richter, die nur wenige Tage zuvor eine Tochter zur Welt brachte und nun den Preis als „Sängerin des Jahres“ erhielt. Wie schon beim Konzert der Preisträger:innen am Abend zuvor sorgten Sarah Willis mit dem Ensemble The Sarahbanda mit einer Kleinen Nachtmusik im Mambo-Crossover für einen besonderen Moment.

Standing Ovations blieben in diesem Jahr aus, denn die für ihr Lebenswerk geehrte Pianistin Martha Argerich kam – wie beinahe zu erwarten – nicht persönlich zur Gala.

„Heute werden nicht nur kreative Spitzenleistungen auf der Bühne und im Studio gewürdigt, sondern mit dem Sonderpreis Musiklehrer*in des Jahres auch diejenigen, die die absolute Grundlagenarbeit für unser Musikleben leisten. Die privatwirtschaftlichen Träger des gemeinnützigen Opus Klassik investieren jedes Jahr massiv in das Genre und stehen für ein Ökosystem, in dem Kreativität und Vielfalt sich entwickeln können. Unser Anliegen bleibt es, weitere Innovation zu ermöglichen, ohne den Menschen aus der Wertschöpfung herauszudigitalisieren oder geistiges Eigentum zu verwässern. Wie begeisternd Performances klassischer Musik live, im TV und im Streaming sind, konnte ein Millionenpublikum bei den diesjährigen Preisträgerkonzerten eindrucksvoll erleben.“ Clemens Trautmann von der Gesellschaft zur Förderung der Klassischen Musik in seinem offiziellen Statement zum Opus Klassik.