MUSIKWoche: Seit Monaten diskutiert die Musikbranche über das Thema Internet, gibt es dabei aus Ihrer Sicht so etwas wie ein vorläufiges Fazit?
Wolfgang Geisel: Wir wissen jetzt, dass viele Wunschträume bereits geplatzt sind. Beispiele: „Im Internet können die Indies gross rauskommen“ – das Gegenteil ist der Fall. „Man braucht nur eine Datenbank ins Netz zu stellen und schon verkauft man Downloads. Viel Net-Traffic gibt viele Verkäufe“ – die Wahrheit ist dagegen, dass das einzige, was bis jetzt absehbar ist und funktioniert hat, der Klau via Napster ist.
MW: Mit der Napster-Übernahme durch den Bertelsmann-Konzern hat die Frage des Umganges mit den WWW-Piraten neue Aktualität gewonnen. Wird jetzt alles besser, kann man dem Motto „If you can’t beat them, join them“ im Hinblick auf die sensible Urheberrechtsproblematik denn trauen?
Geisel: Die Urheberrechtsproblematik bleibt. Das Problem ist die Einfachheit der Realisierung. Herr Fanning hat nicht etwa eine neue Technologie entwickelt. Salopp gesagt, bekommt das jeder Informatikstudent im vierten Semester hin. Man braucht dazu eine Datenbank, die gibt es gratis per Download, und ein Peer-Protokoll, wie das DCC. Vor Gnutella und Freenet braucht man allerdings keine Angst zu haben, das ist technischer Nonsense.
MW: Was immer auch zukünftig über Napster der Internet-Kundschaft angeboten wird – für wie kauffreudig halten Sie die User des Netzes?
Geisel: Es wird mit Zahlen von 40 Prozent bis 70 Prozent spekuliert. Das wären die Leute, die bereit seien, für die Napster-Downloads zu zahlen. Ich bin da pessimistischer und rechne mit maximal einem Prozent. Beim Versand von Tonträgern bin ich dagegen durchaus viel optimistischer.
MW: Gibt es Zahlen und Fakten, die die Gewinnerwartungen und Absatzmöglichkeiten der Musikwirtschaft über E-Commerce definieren bzw. einen Rahmen vorgeben?
Geisel: Für Spekulationen über die Absatzmöglichkeiten und Gewinnerwartungen via Netz ist es jetzt noch zu früh. Beim digitalen Vertrieb ist allerdings höchste Zurückhaltung geboten.
MW: Welche Maßnahmen hat PhonoNet aktuell ergriffen, um dem Handel weiterhin ein starker Partner zu sein? Welche Pläne gibt es, was wollen Sie im neuen Jahr erreichen?
Geisel: Mehrere Neuentwicklungen stehen kurz vor dem Abschluss bzw. sind gerade fertig geworden, wie etwa die Musik-Infostation, die den Verbrauchern die Recherche im Laden ermöglicht und zu der wahlweise einer der Phononet-Soundserver geschaltet werden kann. Weiterhin die neue MID, also Musikinformation in einer neuen Dimension. Die PhonoNet-Katalogdatenbank, die in jede andere Anwendung innerhalb von Minuten eingebunden werden kann, steht ebenfalls bereit. Schliesslich wären noch die PhonoNet-Soundserver zu erwähnen, die in wenigen Monaten zum Marktführer bei Vorhörstücken geworden sind und in wenigen Tagen mit neuen Funktionen aufwarten werden.
MW: Die rasanten Sprünge der technologischen Entwicklungen in den letzten Jahren verblüffen hinsichtlich ihrer soziokulturellen Auswirkungen oft sogar diejenigen, die an Forschung und Entwicklung beteiligt waren. Woran sollte die Industrie daher heute schon denken, was kommt nach der Internet-Problematik?
Geisel: Der Festplattenrecorder wird erlauben, mehrere Rundfunksender einzustellen, die automatisch aufgenommen werden. Bei der Aufnahme werden die Stücke digitalisiert und die Sprache gefiltert. Die Software dafür ist schon seit über einem Jahr verfügbar, läuft aber nur auf PCs. Per Fernbedienung kann man dann die Fingerprints markieren, um seine personalisierte Lieblingsmusik zu archivieren und gegebenenfalls auf DVD zu kopieren. Dabei geht es um analogen Rundfunk. Ich werde in Bälde eine Vorschlagsliste für geeignete Maßnahmen vorlegen, die dann aber sicherlich zuerst intern besprochen wird.
MW: Welche Bilanz lässt sich kurz vor dem Jahresende für PhonoNet formulieren, war es ein erfolgreiches Jahr, haben Sie ihre Ziele erreicht?
Geisel: Das Jahr 2000 wird das erfolgreichste Jahr in der PhonoNet-Geschichte. Wir werden beim Bestellvolumen eine neue Rekordmarke aufstellen und ebenso als ASP (Application Service Provider, Anm.d.Red.) unsere Marktführerschaft behaupten. Die Qualität unseres Kataloges hat einen Quantensprung hinter sich. Ebenso unsere technologische Basis. Einziger Wehrmutstropfen ist die verspätete Fertigstellung von PhonoNet-Client, dem Nachfolgesystem für die Workstation.
MW: Eine letzte und persönliche Frage. Welche Internet-Seiten suchen Sie persönlich gerne auf, welches sind Ihre Favoriten und haben Sie schon einmal Internet-Shopping betrieben?
Geisel: Meine persönlichen Lieblings-Sites beziehen sich auf mein Spezialgebiet, also auf virtuelle Welten und synthetische Filme. Hier halte ich engen Kontakt zur Weltspitze, wie z.B. Dreamteam. Beruflich besorgen wir viele Komponenten im Netz. Privat kommt der Württemberger bei mir durch: mir gebet nix, on mir kaufet au nix.





