Umfrage im Handel zum Geschäft im 1. Quartal 2000

Laut IFPI ging der Tonträgerabsatz im Jahre 1999 in Deutschland um 1,4 Prozent zurück. musicbiz fragte im Handel nach, ob sich diese Entwicklung im ersten Quartal dieses Jahres fortgesetzt hat.

Peter Bertram, Inhaber des Phonohauses in Frankfurt/M., erklärt, dass sein Geschäft im Januar und Februar „mit Glück das Vorjahresergebnis erreicht hat, wobei wir von vornherein mit relativ geringem Absatz gerechnet hatten. Der März lief allerdings deutlich schlechter als 1999“. Zu den Umsatzträgern im ersten Quartal zählte Tom Jones, der „als alter Mann für fantastische Ergebnisse sorgt“. Generell sei im Tonträgermarkt aber ein Rückgang der verkauften Stückzahlen festzustellen. „Das Einkaufsverhalten hat sich geändert. Der Tonträger leidet, weil die Leute anderen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, die Geld kosten. Vielen Jugendlichen genügt tägliche Musikberieselung durch Viva, und sie investieren ihr Taschengeld in Computerspiele.“ Die Zuwachsraten der Vergangenheit sind laut Bertram „nie wieder zu erreichen“. Renée Genzel, Abteilungsleiterin Rock/Pop/Oldies beim Medienhaus Prinz in Mannheim, berichtet von einem „sehr verhaltenen Januar, in dem gar nichts Attraktives auf den Markt kam, was schon sehr schmerzhaft ist.“ Die Bündelung der Veröffentlichungen im Februar und März sei hingegen fast schon zu viel – „etwa im Alternative-Rock-Bereich, wo es besser gewesen wäre, wenn die neuen Alben von The Cure oder den Smashing Pumpkins mit mehr zeitlichem Abstand auf den Markt gekommen wären“. Zu den Verkaufsrennern bei Prinz zählt Genzel den „Oberhammer“ Santana, Tom Jones und AC/DC. Sie vermisst hingegen in diesem Jahr entsprechende Highlights von jungen, aufstrebenden Interpreten. Ein großes Problem sei der Preisdruck durch Konkurrenten, „die die neuen Alben von Peter Maffay für 17,99 Mark und von ‚N Sync für 14,99 Mark verkaufen. Wir sind entprechend vorsichtiger geworden bei den Stückzahlen, die wir von der Industrie ordern.“ Auch Dagmar Schilling, stellvertretendende Abteilungsleiterin Tonträger bei Karstadt in Karlsruhe, würde es begrüßen, wenn die Industrie sich im Januar, „bei uns eigentlich eine starke Zeit“, weniger mit Veröffentlichungen zurückhalten würde. In den ersten drei Monaten des Jahres konnte Karstadt Karlsruhe „ein ganz leichtes Umsatzplus im Vergleich zu Anfang 1999 erreichen – aber nur durch einen erhöhten Werbeaufwand mittels neuer monatlich erscheinender Prospekte.“ Zu den Top-Titeln zählt Schilling die Alben von Santana mit „nochmaligem Schub nach den Grammys“, Tom Jones und dem Buena Vista Social Club, die Böhsen Onkelz sowie tv-beworbene Themen wie Stefan Raab“. Die Nachfrage nach „Stuff Upper Lip“ von AC/DC habe nach anfänglich gutem Start stark nachgelassen. Für Hugo Heinzen, Inhaber der Plattenkiste Bad Neuenahr und dem aktiv Musik Shop in Rheinbach, verlief der Januar und Februar „sehr positiv aufgrund gut laufender Themen aus dem letzten Jahr und Karnevalsrennern wie,Ostermanns Erben‘,,Kneipenhits – Die Kölsche‘ oder den Maxis der Höhner“. Überhaupt sei die Maxi stark im Kommen. Insgesamt sei seit Mitte März aber ein „dramatischer Einbruch“ zu verzeichnen, da etwa die Alben von Stefan Raab oder The Cure „nur kurz gefragt waren und dann das Interesse schnell abgeflaut ist“. Erfolgreiche Langzeitrenner wie die aktuellen CDs von Metallica oder den Red Hot Chili Peppers seien leider die Ausnahme. Deutliche Umsatzsteigerungen von 600 bis 800 Prozent gebe es hingegen bei DVDs und im Vinyl-Bereich, der auch bei Jugendlichen immer mehr Akzeptanz finde. Ein düsteres Bild der Marktsituation zeichnet Dietmar Waegner, Betreiber des WaBu Musikcenter in Berlin: „Die Umsätze in diesem Quartal liegen um 50 Prozent unter denen des entsprechenden Vorjahreszeitraums.“ Als Ursachen sieht er unter anderem die schlechte wirtschaftliche Gesamtlage, zunehmende CD-Brennerei und Internet-Verkäufe sowie den Preiskrieg, dem die kleinen Fachhändler auf Dauer nicht gewachsen seien. „Die Margen werden immer kleiner. Immer mehr Läden geben auf. Auch ich habe jetzt Konkurs anmelden müssen.“ Über kurz oder lang werde der Fachhandel völlig aussterben, so Waegner.