Udo Lange über Künstler und Märkte

Seit ihrer Gründung im September 1982 leitet Udo Lange die Virgin Schallplatten. Er ist damit einer der dienstältesten Geschäftsführer der Branche. Im Gespräch mit MUSIKWoche erklärt er, warum es heute mehr als teuer ist, Künstler durchzusetzen, und daß Berlin auch Virgin lockt.

MUSIKWoche: Es ist ja kein Geheimnis, daß es der Musikbranche nicht so toll geht. Wie sieht’s bei Virgin aus?

Udo Lange: Die Lage ist insgesamt nicht so rosig, vor allem in einigen Ländern in Europa, und da insbesondere in Deutschland, aber auch in Südostasien und Lateinamerika. In anderen Ländern ist es, wie wir wissen, nicht so schlimm; einige Märkte können sogar Zuwächse verzeichnen. Die Lage in Deutschland muß ich schon als ernst bezeichnen. In den ersten fünf Monaten 1999 hatten wir mehr als zehn Prozent Marktverlust. Ob wir das im Herbst aufholen, weiß ich nicht.

MW: Welche Konsequenzen müssen die Tonträgerfirmen aus dieser Lage ziehen?

Lange: Die Frage, auf die wir dringend eine Antwort finden müssen, lautet: Warum interessieren sich immer weniger Leute in Deutschland für den Kauf von Musik? Liegt das am Mangel an attraktivem Repertoire? Oder liegt es doch eher daran, daß die Deutschen anders als Konsumenten in anderen Ländern auf neue Technologien reagieren und lieber kopieren als zu kaufen? Das Downloaden aus dem Internet ist hierzulande ja noch wenig verbreitet, aber das wird leider nicht so bleiben. Hauptsächlich ist jedoch das verbreitete Kopieren von CD zu CD schuld am Rückgang des Konsumenteninteresses. Ein neues Phänomen hierbei ist, daß es nicht wie früher nur die Kids sind, die CDs digital vervielfältigen, sondern auch die eigentlich finanzkräftigen älteren Käufer. Das CD-Brennen ist für sie eine technische Innovation, das sie als Hobby reizt, deshalb machen sie das gern. In anderen Ländern gibt es diese Geräte auch, nur scheint man sie dort einfach nicht so oft zu benutzen.

MW: Wie kann die Industrie dieser Entwicklung gegensteuern?

Lange: Man muß das Bewußtsein der Leute dahingehend schärfen, daß das Kopieren von CDs nicht immer legal ist. Das Problem ist, daß man nur schwer den Unterschied zwischen erlaubten und unerlaubten Kopien richtig erklären kann. Die Kopie zum Eigengebrauch darf man herstellen, die Compilation zum Verschenken auch, eine Kopie für einen Freund gegen Erstattung der Kosten aber nicht. Doch wer versteht das schon? Kein Mensch.

MW: Manche behaupten, daß man jetzt in Deutschland möglicherweise das Fehlen des Back-Repertoires spürt, das man in den 70er und 80er Jahren versäumt hat, aufzubauen.

Lange: Das stimmt definitiv nicht. Repertoire wird immer aufgebaut. Das der letzten Jahre war vielleicht allzu vergänglich, damit ließ sich kein Katalog von Bestand aufbauen. Nicht alle, aber sehr viele Dance- und Pop-Produkte gehen vielleicht ein paar Monate oder Jahre ganz gut, aber dann ist Schluß. Aber gerade in den erwähnten 70er und 80er und 90er Jahren wurden genug Interpreten aufgebaut. In Deutschland waren das zum Beispiel Grönemeyer, Westernhagen und Pur. Auch die Toten Hosen und die Böhsen Onkelz kommen genau aus dieser Zeit, und heute verkaufen sie eine Million Tonträger und mehr.

MW: Was macht den Aufbau von Newcomern für eine Plattenfirma heute schwieriger als früher?

Lange: Die Förderung von neuen Künstlern und Bands erfordert wesentlich mehr Kapital. Heute ist man darauf angewiesen, daß man mit einem Act relativ schnell Erfolg hat, sonst hält man das finanziell nicht durch. Wenn man mit den ersten zwei, drei Veröffentlichungen eines neuen Künstlers sehr viel Geld verliert, dann kann man betriebswirtschaftlich bedingt nur sehr schwer an seinem Aufbau weiterarbeiten. Heute braucht man einfach eine breite Medienunterstützung und große Marketing-Budgets, um einen neuen Interpreten durchzubringen. Wenn es dann nicht klappt, ist es leider schnell wieder vorbei. Deswegen muß man sich heutzutage schneller als noch vor zehn Jahren von Künstlern trennen. Nicht, daß wir das gern möchten, aber so ist es leider. Es ist wegen der gestiegenen Ausgaben und des damit verbundenen Risikos ein wirtschaftlicher Zwang.

MW: In welchen Verkaufsdimensionen begegnen sich Erfolg und Mißerfolg?

Lange: Wenn man heute einen Künstler unterstützt und vom ersten Album 50.000 bis 60.000 Stück verkauft, dann ist das ein sehr schöner Erfolg. Allerdings rechnet man das Ergebnis nur als Aufbau, denn man hat Geld erst einmal verloren und nicht verdient. Ganz deutlich: Ich spreche jetzt nicht von den Bands, die von der ersten Platte gleich 500.000 Einheiten verkaufen. Die sind ein anderes Thema. Man fängt normalerweise ohne großen Single-Hit mit 5000 Tonträgern an, und erst nach 18 Monaten hat man hoffentlich 60.000 auf der Uhr stehen. Und das kostet Geld.

MW: Gilt also die Devise „schnell breaken oder gar nicht“?

Lange: Relativ schnell breaken jedenfalls. Die Band muß touren, aber trotzdem braucht man für eine Single das Video, das dann auch nicht unbedingt immer bei Viva oder MTV eingesetzt wird- um es einmal vorsichtig zu sagen. Man kann das vorher nicht wissen, andererseits hat man ohne Video auch schlechte Karten. Wenn man allerdings 100.000 Mark oder mehr für ein Video ausgegeben hat, dann fehlt das Geld in anderen Segmenten des Marketings. Wenn das Video gar nicht gespielt wird, hat man mal eben so 100.000 Mark weggeblasen. Auch nicht gerade schön.

MW: Nun hat Virgin in den letzten Jahren ziemlich gezielt auch deutsche Acts aufgebaut, was sich teilweise sehr bald bezahlt gemacht hat. Wie sieht das heute aus?

Lange: Wie man weiß, haben wir vor einiger Zeit die Toten Hosen verloren, die wir lange Jahre aufgebaut hatten. Dieser Mega-Erfolg führte auch dazu, daß wir ein bißchen bequem wurden. Wenn man so einen Act mit siebenstelligen Verkaufszahlen hat, fühlt man sich ganz großartig. Um solche Zahlen wieder zu erreichen, muß man viele erfolgreiche Newcomer finden. Das haben wir in den letzten Jahren mit sehr vielen Bands erfolgreich getan, davon war bisher jedoch keine in der Größenordnung der Toten Hosen dabei.

MW: Virgin war immer eine ziemlich „schlanke“ Firma mit relativ wenig Mitarbeitern. Ist sie es noch?

Lange: Virgin ist jetzt eine große Firma mit 100 Mitarbeitern. Im Verhältnis zum Umsatz sind wir aber immer noch sehr schlank, und das wird auch so bleiben. Das teilt sich auf in 15 Mitarbeiter in der Administration, 25 Vertriebsmitarbeiter inklusive Vertriebsadministration und 60 Mitarbeiter im Marketing-, Repertoire- und Promotionbereich.

MW: Die Sogwirkung von Berlin ist derzeit so groß, daß kaum eine Plattenfirma noch nicht über Umzüge nachdenkt. Gab es eine Debatte, daß Virgin woanders als in München sitzen könnte?

Lange: Es ist kein Geheimnis, daß ich seit längerem daran denke, in Berlin eine Dependance aufzumachen. Das wird unabhängig von der Intercord-Präsenz in Berlin passieren. In Berlin könnten wir eine kleine Firma von bis zu zehn Leuten in den nächsten zwölf Monaten haben.

MW: Gemäß der Reporting Lines in der EMI-Gruppe müßte das aber nicht Heinz Canibol genehmigen, oder?

Lange: Mein lieber Kollege Heinz Canibol ist ganz klar zuständig für EMI und Intercord, nicht für Virgin. Das ist unsere Struktur. In Europa ist Virgin ein eigener EMI-Sektor, der Virgin Continental Europe heißt und seine Zentrale in Paris hat. Meine Reporting Line läuft also über Paris nach London, zum Teil aber auch direkt in die britische Hauptstadt. Der Europa-Chef in Paris heißt im übrigen Emmanuel de Buretel und ist auch Geschäftsführer von Virgin France.

MW: Sie haben vor einiger Zeit eine Abteilung für Special Marketing eingerichtet. Bereitet die schon die nächste CD für McDonald’s vor?

Lange: Die nächste CD bei McDonald’s kommt nicht von Virgin, mehr sage ich dazu nicht. Wir haben ein paar vorsichtige Anläufe gemacht, im Bereich der Compilations etwas Eigenes zu schaffen. Nach der in England sehr erfolgreichen Serie „Best Of… Ever“ sagten wir uns, daß wir das jetzt auch machen. Die erste CD dieser Reihe war in den Compilations-Charts recht erfolgreich. Wir haben in Deutschland 60.000 Stück verkauft, dazu 20.000 in Österreich und 5000 in der Schweiz.

MW: Wie ist das Verhältnis von Virgin zur EMI in Köln?

Lange: Wir sind keine Konkurrenten, sondern zwei Schwestern, die voneinander profitieren. Wir hatten zur EMI Köln immer ein gutes Verhältnis, und die Tatsache, daß Heinz Canibol und ich persönlich sehr gut miteinander klarkommen, verstärkt das noch.

MW: Auf welchen Ebenen läuft die Zusammenarbeit mit EMI?

Lange: Das läuft weniger in den Bereichen A&R oder Marketing, sondern eher auf der Ebene von Geschäftsleitung, Vertrieb und Finanzen. Wir koordinieren überall, wo es Sinn macht. Und beim A&R nehmen wir uns nicht gegenseitig die Butter vom Brot. Wenn wir an einem Deal dran sind, werden uns die Kölner den Act nicht wegnehmen und umgekehrt. Die ursprüngliche Konkurrenz zwischen den drei deutschen EMI-Firmen gibt es nicht mehr.