Thorsten Weßel über die Zukunft der Independents

Seit sieben Jahren macht sich der Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten für die Belange der Independents stark. MUSIKWoche unterhielt sich mit VUT-Präsident Thorsten Weßell über die Ziele und Erfolge des Verbands.

MUSIKWoche: Wie sind Sie mit dem Verlauf des Symposiums zufrieden? Wie sieht ihr persönliches Fazit aus?

Thorsten Weßel: Dieses Symposium war das gelungenste bisher. Die Zweiteilung der Referate in einen Anfängerteil und in Themen für Fortgeschrittene bewährte sich. Ich konnte sogar selbst noch einiges lernen während der beiden Tage. Das Symposium funktionierte auch bestens als Kontaktbörse für Labels, Verlage und Dienstleister.

MW: Werden die Verbands-Mitglieder immer professioneller in ihrer Einstellung?

Weßel: Es wird immer schwerer, in den Grenzen von Subkulturen zu überleben. Indies müssen, um derartige Grenzen zu überschreiten, auf dem Marketingklavier genauso spielen wie die Großen. Direktmarketing beispielsweise war vor ein paar Jahren für kleine Labels noch kein Thema. Das ist jetzt anders.

MW: Den VUT gibt es seit 1993 – wie haben sich die Schwerpunkte der Verbandsarbeit verändert, in welchen Bereichen führte das „Miteinander“ in einem Verband zu konkreten Verbesserungen?

Weßel: Es ging stets darum, die Situation der unabhängigen Firmen zum einen durch Lobbyarbeit bei anderen Verbänden, Verwertungsgesellschaften und politischen Instanzen zu stärken. Zum anderen soll die Vermittlung von Wissen, insbesondere bei den Symposien, den Mitgliedern zu helfen, professioneller zu arbeiten. Hier führte das Miteinander zu Verbesserungen für den Einzelnen. Kein Independent kann es sich leisten, ständig das Rad selbst zu erfinden. Andererseits sind unsere Mitglieder nicht in der Lage, entsprechendes Know How einfach zu kaufen.

MW: Welche Leistungen des VUT für seine Mitglieder halten Sie für besonders hervorhebenswert?

Weßel: Der von H. P. Malten und Peter James in Zusammenarbeit mit Frank Dostal ausgehandelte Rahmenvertrag für die Tonträgerlizenzierung mit der GEMA – auch VUT-Vertrag genannt – ist das greifbarste Ergebnis. Derzeit wird die politische Lobbyarbeit immer wichtiger. Durch die jüngst erfolgte Gründung des Dachverbandes FIPI nehmen wir die Belange der Independents auch auf europäischer Ebene wahr. Dies ist angesichts der laufenden Gesetzgebungsverfahren dringend von Nöten.

MW: Wieviele Gründungsmitglieder hatte der Verband, wie ist der Stand heute? Wie sehen die Perspektiven aus?

Weßel: Wir starteten mit elf Mitgliedern und begrüßten im letzten Jahr das fünfhundertste Mitglied. Die Tendenz ist steigend. Viele unserer Mitglieder sind zusätzlich oder sogar ausschließlich verlegerisch tätig. Da wir keinen Widerspruch darin sehen, uns auch um die Belange von Verlagen zu kümmern, verstärkten wir ab 1998 unsere Aktivitäten in diesem Bereich. Aus diesem Grund erfolgte auch die Umbenennung in ‚Verband für unabhängige Tonträgerunternehmen, Produzenten und Verlage‘.

MW: Wie sehen Sie die Rolle der Independent-Labels im Hinblick auf die gigantischen Fusionen der Majors? Wird die Luft zum Atmen für die kleinen Firmen weniger, oder erwachsen neue Chancen?

Weßel: Selbstverständlich erwachsen hier neue Chancen. Abgesehen von der Frage, welche Rolle lokale Konzernzentralen in Zukunft überhaupt spielen, verkommen bei den Majors angesichts der Unsicherheiten der derzeitigen Entwicklungen Labels zu Marketingapparaten. Niemand wagt musikalische Experimente, Entscheidungen können aufgrund fehlender Konzernentscheidungen nicht getroffen werden. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung der Kernkompetenz des A & R in der Branche zu. Hier liegen Chancen für Independents.

MW: Was bedeutet das Internet für die kleinen Plattenfirmen? Überwiegen die Chancen oder die Risiken?

Weßel: Erstmal überwiegen die Chancen. Auf welchem Wege sonst kann eine kleine Firma beispielsweise günstig und effektiv Direktmarketing betreiben? Wer sagt, daß es im Netz mehr Spaß machen wird, in eine Kaufhauskantine zu gehen, als in die Bar, in der Freunde sitzen? Allerdings sind auch die Independents auf die Durchsetzbarkeit von Rechtsansprüchen für Nutzungen im Internet angewiesen. Es ist eine Frechheit, das unerlaubte Einspeisen von Musik ins Netz unter den Schutz der Meinungsfreiheit stellen zu wollen, wie derzeit einige Politiker behaupten. Hier sitzen wir mit den Majors in einem Boot.

MW: Können die Indies mit dem Internet womöglich sogar die Majors ausstechen?

Weßel: Punktuell natürlich schon. Flexibilität und Entscheidungsfreude sind gefragt.

MW: Wie bringen Sie Ihre Tätigkeit für den Verband, den Gold Musikverlag, das Label Lado und die Gruppe Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, bei der Sie Bass spielen, unter einen Hut? Sind Sie ein Workaholic?

Weßel: Bestimmt nicht. Aber ich arbeite gern und bin ein überzeugter Team-Player. Allerdings habe ich den Bass erst einmal an den Nagel gehängt. Man muß Sachen richtig machen, damit sie Spaß bringen.