Wer viel einsteckt, der darf auch austeilen. Und Dolores O’Riordan hat einiges ertragen müssen. Zum Beispiel den Spießrutenlauf mit der englischen Presse, die im Herbst 1996 alles daran setzte, die irischen Superstars zu demontieren. Da gab es reißerische Features zu angeblicher Magersucht, geistigem Diebstahl und Live-Auftritten ohne Unterwäsche.
„Die Presseleute warten nur darauf, daß es dir richtig dreckig geht“, so die 27jährige. „Sie ergötzen sich an deinem Schmerz und können es nicht ertragen, wenn du glücklich bist. Das liegt einfach daran, daß wir Iren sind. Kämen die Cranberries aus London, würden sie uns lieben.“ Was Dolores O’Riordan aber richtig in Rage bringt, ist der eigentliche Anlaß für diese Verleumdungskampagne: „To The Faithful Departed„, ein Album, das seinerzeit unter extremem Erfolgsdruck durch Management (Leftbank) und Plattenfirma (Island) entstand.
Statt der jungen Truppe nach absolvierter Welttournee 1994/1995 eine kurze Verschnaufpause zu gönnen, schickte man sie postwendend ins Studio, engagierte Produzent Bruce Fairbairn (Def Leppard) und schusterte binnen weniger Wochen ein paar halbgare Songs zusammen. Die logische Folge: Das Album wurde zum Flop, eine bereits gebuchte Welttournee mußte wegen physischer Erschöpfung abgesagt werden. „Wenn du nicht weißt, wann du aufhören mußt, arbeitest du dich in ein Loch“, erinnert sich Dolores. „Als wir die dritte Platte aufnahmen, waren wir völlig erschöpft, verpflichteten uns aber trotzdem für eine Tour. Als wir erkannten, worauf wir uns da eingelassen hatten, war es schon zu spät.“
Zwei Jahre zogen sich die Cranberries daraufhin ins Privatleben zurück. Dabei versteht sich ihr neues Album, „Bury The Hatchet„‚ trotz des versöhnlichen Titels („Begrab das Kriegsbeil“) als Kampfansage an eine Industrie, die mehr auf uniforme Eintagsfliegen denn auf richtige Künstler setzt: „Für mich haben alle diese Boy-Bands denselben Sound und die gleichen Klamotten“, meint Dolores. „In Kanada will jedes Mädchen wie Alanis Morissette aussehen, in Amerika möchten die Jungs wie Pearl Jam sein, und in Europa gibt es nur noch Boyzone. Mit Rock’n‘ Roll hat das nichts zu tun.“
Dolores O’Riordan schlägt nicht nur große Töne an, sie läßt ihnen auch Taten folgen. So unterstreicht „Bury The Hatchet“ eindrucksvoll, daß moderne Popmusik sehr wohl von Individualität und handwerklichem Können lebt. Und weil sie aus Fehlern gelernt haben, präsentieren die Cranberries ihre neuen Songs auf einer kurzen Minitour. Einziger Deutschland-Termin war der 16. April in Hamburg; das Album selbst erschien drei Tage später – eine Woche danach war es an der Spitze der deutschen Verkaufscharts.






