“Es scheint, als hätten wir damals etwas geschaffen, das wirklich etwas Besonderes war“, blickt Peter Hook, Bassist bei New Order und ehemaliger Mitinhaber der Hacienda, auf den Moment zurück, als im November 2000 die Abrissbirne der legendären Hacienda ein Ende bereitete. „Ein trauriger Moment. Ich bin aber andererseits auch ganz froh über den Abriss. So kann niemand mehr den Club wiedererwecken.“
Denn die Nachfolge der Hacienda ist bereits geregelt: Zusammen mit den Musiker-Kollegen Andy Rourke (The Smiths) und Gary „Mani“ Mounfield (Primal Scream, Stone Roses) sowie A&R-Mann Roddy McKenna, Managerin Nova Rehman, Fotograf Michael Spencer Jones, Gerry McKenny von der Event- und Entertainment-Firma F-F3, Andy Wood (Games-Programmierer) und Andy Payne (The Producers) hob Peter Hook zu diesem Zeitpunkt The Collectiv aus der Taufe.
The Collectiv soll jungen Talenten die Möglichkeit bieten, ihre musikalischen Vorstellungen ungehindert von den Zwängen des Popgeschäftes zu entwickeln. Das Collectiv umfasst derzeit eine Plattenfirma, einen Musikverlag, eine Video- und Fernsehproduktionsabteilung, Tonstudios, eine Managementabteilung sowie Programmierer, Web-Designer, Konzertveranstalter und schließlich einen eigenen Club. Dieser, die Bar Cuba, ist das eigentliche Herz des Collectivs und bietet im Obergeschoss Platz für die Büroräume der Mitglieder. Talente haben in der Bar Cuba die Chance, sich einem Publikum vorzustellen, das gespickt ist mit Insidern der Musikszene, Vertretern der britischen Musikpresse, Talentscouts der Plattenfirmen und Ravern. Wer auf der Bühne der Bar Cuba seinen Test besteht, der hat berechtigte Aussichten, Karriere im englischen Musikgeschäft zu machen.
Doch nicht unbedingt gemäß dessen Regeln, wie Andy Rourke erklärt: „Der derzeitige Zustand der britischen Musikindustrie ist traurig. Die Labels signen Nachwuchskünstler nur noch unter dem Aspekt der Vermarktbarkeit. Dieses hat zur Folge, dass wenn ein Projekt funktioniert hat, hundert andere auf den Markt geworfen werden, die dessen Masche kopieren. Wir hingegen halten nach Bands Ausschau, die kreativ sind, eine eigene Persönlichkeit haben und sich aus ausgetretenen musikalischen Pfaden herauswagen.“
Nova Rehman, A&R-Mann von The Collectiv, bestätigt: „Wir suchen nicht nach einer Gewinnformel, sondern nach Musikern, die eigenständig und interessant genug sind, etwas bewegen zu können.“ Rourke ergänzt: „Jeden von uns stört seit langem, dass Talent und Originalität, Kreativität und Innovationskraft im Pop kaum noch eine Rolle spielen. Stattdessen langweilt uns die Industrie mit immer neuen Boygroups, beliebig austauschbaren Mädchen-Kapellen und glatt gebügelten Pop-Bands. Ein unerträglicher Zustand. The Collectiv will diese Monotonie auflösen, wir wollen neue, spannende und durchaus auch kantige Musik mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln fördern.“
Seine eigene Rolle kann Rourke dabei nur schwer bestimmen. „Das Schöne ist, dass jeder mitarbeiten kann. Das Collectiv steht jedem offen, der mit einer guten Idee kommt. Für mich persönlich bedeutet das: Ich möchte gern Bands produzieren, außerdem reizte es mich schon immer, einmal vor der Fernsehkamera zu agieren. Diese Möglichkeiten habe ich jetzt.“ Eine eigene Fernseh-Show bereitet das Collectiv laut Rourke derzeit vor: „Diese Show wird in der Bar Cuba aufgezeichnet. Peter Hook, Mani und ich stellen als Moderatoren neue Bands vor, laden bekannte Acts ein und präsentieren jede Menge Livemusik. Für mich ist das Neuland. Bei Mani sieht die Sache anders aus, er hat bereits TV-Erfahrung. Ich hoffe, viel von ihm zu lernen.“
Zentrale Kommunikations-Schnittstelle für alle Angehörigen und Freunde des Collectivs soll die Website www.i-collectiv.com werden. Ein eigenes Online-Magazin gehört dazu, Webstreams von Bar-Cuba-Veranstaltungen sollen folgen, ein Shop wird gerade eingerichtet, geschlossene Nutzergruppen für Kollektivler sind in Vorbereitung. Hinzu kommen Standard-Angebote wie MP3-Downloads, Bandinfos, Streams und eine A&R-Ecke, in der Bands ihre Demos vorstellen können.
Einige Bands hat The Collectiv bereits unter Vertrag genommen. Auch eine erste Veröffentlichung des Labels gibt es bereits: Die Doppel-CD „Cohesion“ fasst Bands aus Manchester zusammen und verleitete den „New Musical Express“ zu einer enthusiastischen Kritik. Das Album bringt unveröffentlichte oder neu überarbeitete Songs von Stars wie New Order, Monaco oder Ian Brown ebenso wie erste Lebenszeichen von neuen Acts. Derzeit verhandelt The Collectiv mit interessierten Firmen-Partnern in Deutschland über eine Veröffentlichung der Compilation.
Die Hacienda war einst eine Liaison aus Musikern, der Plattenfirma Factory Records und dem Live-Club. The Collectiv mit der Bar Cuba, beteiligten Musikern, weiteren Kreativen und einer Geschäfts-Infrastruktur zeigt vergleichbare Ansätze. Andy Rourke bestätigt: „Ähnlichkeiten sind da. Trotzdem können wir beides nicht wirklich miteinander vergleichen. The Collectiv hat andere, breitere Ansätze. Was daraus entstehen kann, bleibt abzuwarten.“





