Stimmen zum Aus der Hitparade

Das Ende der „ZDF-Hitparade“ ist besiegelt: Am 19. Oktober kündigte ZDF-Programmchef Markus Schächter an, dass ab 2001 keine „Hitparade“ mehr gesendet wird. Statt dessen will der Sender zwei Ersatz-Schlagergalas zur Primetime ausstrahlen. MUSIKWoche veröffentlicht Statements von Branchenexperten zum Aus der traditionsreichen Sendung.

Joachim Neubauer, Geschäftsführer Carolath Entertainment und Mitglied im Vorstand des Deutschen Musikverleger-Verbands: „Ich bin entsetzt über das Ende der Hitparade. Das ZDF vernichtet damit eine Tradition. Schuld daran hat zum einen das ZDF, das der Hitparade einen ungünstigen Sendeplatz gab und keine Modernisierung des Konzepts einleitete, aber auch die Industrie. Sie hat viele gute Künstler nicht mehr in die Sendung geschickt, was dazu führte, dass die Hitparade nicht mehr den aktuelle Schlagerbereich wiederspiegelte. Ich appelliere an den Fernsehrat des ZDF, seiner politischen Verantwortung gerecht zu werden und dafür zu sorgen, dass deutschsprachige Musik nicht noch weiter aus dem Programm des ZDF herausgedrängt wird.“

Hans R. Beierlein, Geschäftsführer montana Musikverlag: „Das Ende der,Hitparade‘ ist wohlverdient, denn die Sendung liegt seit Jahren im Koma. Jetzt hat sie das mildtätige Schicksal ereilt. Ihr Format ist überlebt und überholt. Dazu kommt, dass die wirklichen Stars die Sendung wie die Pest gemieden haben und die Ergebnisse der,Hitparade‘ deutlich die Handschrift der Fanclubs trugen. Die Musikbranche muss zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer sogenannten Spaßgesellschaft leben, dass gute Laune ein gutes Mittel gegen Langeweile und Lachen nicht verboten ist. Andere Zeiten brauchen andere Lieder. Der Schlager ist keineswegs tot, Stefan Raab beweist uns beispielsweise, dass man mit modernen Schlagern Rekordumsätze erzielen kann.“

Manfred Hertlein, Inhaber der Veranstaltungs & Kartenkiosk-GmbH und Tourneeveranstalter der „ZDF-Hitparade on Tour“ schrieb einen offenen Brief an ZDF-Programmchef Markus Schächter, aus dem MUSIKWoche zititert: „Die Branche jammert jahrein, jahraus, dass der Schlager tot sei – was nicht stimmt. Ich jammere nicht mit und würde mich freuen, wenn die Sendung entgegen aller Pläne nicht abgesetzt wird. Ich bin der Überzeugung, dass, wenn das Konzept stimmt, alle großen Künstler und die Plattenfirmen begeistert an das Thema herangehen. Gerade jetzt, wo alle davon ausgehen, dass es die Sendung nicht mehr gibt, könnte jeder euphorisch überrascht werden und somit wäre wieder ein akzeptable Quote möglich.“

Truck Branss, Erfinder der „ZDF-Hitparade“: „Dass man die Sendung nun einfach einstellt, trifft mich. Besonders auch, dass man offensichtlich nicht genug, oder bestenfalls falsch über eine neue, zeitgemäße Form nachgedacht hat. Denn dass die Glamourshow der 80er-Jahre überholt ist, ist doch ein alter Hut. Das reizüberflutete Publikum von heute kann nicht an einem Programm interessiert sein, dass mit Firlefanz und sinnlosen Schnitten von dem ablenkt, der eigentlich im Zentrum stehen sollte: dem Künstler. Denn was war denn die Idee der,Hitparade‘: Wir wollten dem Publikum auf möglichst einfache Weise Interpreten näher bringen. Dass uns das damals so gut gelungen ist, liegt nicht nur daran, dass wir publikumswirksamere Künstler auswählten, sondern ihnen ein Podium schafften, in dem sie sich publikumswirksam entfalten konnten. So schlecht sind die Künstler der,ZDF-Hitparade‘ heute nun wirklich nicht. Nur können sie sich eben deshalb nicht etablieren, weil Ihnen durch das Konzept der Sendung die Chance genommen wird, in der kurzen Zeit sich entsprechend zu entfalten und so dem Publikum in Erinnerung zu bleiben. Und ein neuer Künstler oder ein neuer guter Song hat durch die Berechenbarkeit der aktiven Fan-Clubs, die auf das TED-Wettbewerbsprinzip einwirken, von vornherein keine Chance. Aber für das Bestehen einer Sendung ist ihre Glaubwürdigkeit wesentlich. Für diese Glaubwürdigkeit haben wir damals Aufwand getrieben und die Postkarten nach Handschrift und Herkunft geprüft, was man bei Handy und Wahlwiederholung natürlich nicht mehr machen kann. Wenn ich nun über 30 Jahre die ‚Hitparade‘ Revue passieren lasse, muss ich zum Schluss kommen, dass die Sendung mit Heck stand und fiel. Heck ist kein schöner Mann, aber er hatte Aura. Er konnte die Künstler dem Publikum so gut vermitteln, dass sie heute wohl oder übel immer noch in den großen TV-Shows vertreten sind. Verständlich, dass sie sich heute keinem Wettbewerb mehr aussetzen möchten. Dass nun auch der Showpalast in seiner jetzigen Form nicht funktionieren kann, ist ebenso wenig verwunderlich. denn sein Konzept ist ebenfalls zu simpel gemacht. Selbst das hervorragende Ballett, das eines der besten Fernsehballette Europas war, ist zu einer zweitklassigen Revuebegleittanztruppe degradiert worden. Nur wäre es unklug, daraus den Schluss zu ziehen, die große Show sei tot. Warum funktioniert denn dann der Friedrichstadtpalast?‘