Inzwischen sind alle westlichen Firmen mit eigenen Niederlassungen vertreten. Die Plattenfirma Sojuz, früher beherrschend auf dem Piraterie-Markt und später drei Jahre lang Lizenzabnehmer von Warner Music, ist nicht mehr Partner des US-Konzerns. Jetzt soll ein neuer Verbund für Warner-Produkte entstehen- eine Kooperation der Plattenfirma www.records mit dem Ex-Sojuz-Chef Maxim Schwatschko an der Spitze, der Vertriebsfirma Nikitin und des ehemaligen Warner-Mitarbeiters Markus Troscher.
Ein Problem der ganzen Branche bleibt, dass ein sogenanntes „Memorandum Of Understanding“, das Regeln für Copyright-Abgaben der Major-Firmen in Russland schaffen soll und seit Mai letzten Jahres diskutiert wird, noch nicht verwirklicht ist. Die Vollendung des Schriftwerks scheint in weiter Zukunft – und so bestehen beispielsweise für Polygram Russland nach wie vor legitime Möglichkeiten, diese Abgaben vorerst nicht zu zahlen.
Alle Major-Firmen in Russland haben die gleichen Probleme, insbesondere das Fehlen effizienter Vertriebsnetze. Landesspezifische Geschäftsmodelle sollen helfen: etwa die Produktion verbilligter CD-Versionen der Major-Acts (wie im Falle von BMG und Universal), die mit Handelsabgabepreisen zwischen 2,80 bis sechs Mark für CDs preislich dem Piraterie-Niveau angepasst sind. Das schafft für einige Mitbewerber aus dem halbillegalen Sektor, der in Russland immer noch sehr groß ist, Verkaufsprobleme: Firmen wie Landy Star, CD-Maximum, Classic in Moskau oder Phono in St. Petersburg nutzen eine Lücke in der russischen Gesetzgebung aus. Westliche Aufnahmen aus der Zeit vor März 1995 sind nicht geschützt. Um ein Blue-System- oder Beatles-Album legitim zu produzieren, benötigt man lediglich die Einrichtung einer Copyright-Pauschale bei der einheimischen Verwertungsgesellschaft RAO.
Immerhin hindert die schwierige Situation einige neue Firmen nicht, ihre Positionen im legitimen Sektor weiter aufzubauen. Companies wie Rise Music oder Nox sind stark im nationalen Pop/Rock-Sektor vertreten, die frühere Vertriebsgesellschaft TME entwickelt das Li- zenzgeschäft mit westlichen Indies wie SPV oder Blue Flame aus Deutschland und Produktionsfirmen aus England, Frankreich und Israel. Teilweise haben solche Firmen besser funktionierende Vertriebe als mancher westliche Major und setzen Fertigware westlicher Indies wie SPV, V2, Indigo, Century Media, Oreade, Scorpio, Magna Carta, Castle Music in relativ guten Stückzahlen ab.
Das Verlagsgeschäft im Lande ist noch in der Entwicklung. EMI Publishing und Warner Chappell verwalten ihre Kataloge im mechanischen Bereich selbst und haben Verträge mit der RAO für die Aufführungsrechte. Universal und Sony/ATV sind ebenfalls vertreten. Der ehemalige Rechtemonopolist RAO versucht, sich den neuen Marktgegebenheiten anzupassen: Bei den Wahlen des neuen Aufsichtsrates im April sind zum ersten Mal einige Sitze für Verleger vorgesehen. Von florierenden Verlagsgeschäften ist dennoch nicht viel zu spüren. Nationale Musikverlage wie Liga Praw (Russen-Schlager) und Sojuz (Pop/Rock) und die, auf die Vertretung westlicher Indie-Verlage spezialisierte, Firma Mish Music sind zu wenig, wenn man bedenkt, dass über 80 Prozent der Komponisten und Texter Direktmitglieder von RAO bleiben.
Auch die Preisgestaltung im Tonträger- und Aufführungsbereich und die geringe Kaufkraft der Endverbraucher bremsen die Entwicklung der Verlagsszene. Doch insgesamt geht die Piraterie langsam zurück. Noch 1994 waren über 90 Prozent aller verkauften Tonträger Raubkopien, ihr Anteil heute beträgt 60 Prozent. Es sieht so aus, als ob eines Tages auch in Russland alles etwas anders laufen könnte.





