Roundtable zum Thema ‚CD-Brenner und Musik aus dem Internet‘

Illegales Downloaden aus dem Internet und das „Schwarzbrennen“ von CDs nehmen immer größere Ausmaße an. MUSIKWoche lud deshalb Vertreter von Handel und Industrie zum Grundsatzgespräch.

MUSIKWoche: Wie schätzen die Plattenfirmen die Situation ein?

Magnus von Zitzewitz: Von den CD-Brennern geht schon jetzt, aber vor allem mittel- und langfristig eine große Gefahr aus. Ein Konsument, der sich ein solches Gerät kauft, tätigt diese Investition auch, weil sie sich schnell amortisiert. Er kann sich ausrechnen, daß ihn eine überspielte CD rund zwei Mark kostet, die im Handel zwischen 25 und 35 Mark kosten würde. So „spart“ er dann zwischen 20 und 30 Mark pro CD. Hochgerechnet heißt das, daß sich ein Brenner bereits bei rund 15 CDs amortisiert. Dieser durch den geringen Preis der CD-R bedingte Preisunterschied ist äußerst gefährlich. Daß diese Kopien zudem noch unter dem Aspekt der privaten Vervielfältigung laufen, ist nicht mehr zeitgemäß. Schließlich handelt es sich bei den CD-Rs nicht mehr um minderwertige Kopien wie bei der MC, sondern um geklonte Originale.

Eberhard Kromer: Das CD-Brennen ist im Umfeld der gesamten Neuen Medien zu sehen. Die brennbare und wiederbespielbare CD ist das erste, aber sicher nicht das letzte Medium, das ein viel einfacheres Home Taping ermöglicht. Zukünftige Träger werden bei noch größeren Kapazitäten sogar noch einfacher zu bedienen sein. Und der Gesamtmarkt wird immer flexibler, flüchtiger, schwerer greifbar und entmaterialisierter. Dazu gehören das Multi-Channel-Radio, die Online-Möglichkeiten und etliche andere Techniken. Wenn man das im Zusammenhang sieht, merkt man, daß es nicht allein nützt, gegen das CD-Brennen zu wettern. Selbst wenn wir das ab morgen verbieten könnten und wenn auch die private Vervielfältigung nicht mehr zulässig wäre, würde das selbstverständlich jeder auch weiterhin machen.

MW: Was läßt sich also tun?

Kromer: Man muß mit allen Beteiligten der Unterhaltungsindustrie reden, und dazu gehören auch der Handel und die Hardware-Hersteller, die letzten Endes von unserer Software leben. Die Regularien auf nationaler oder EU-Ebene müssen den Gegebenheiten angepaßt werden; da gibt es sehr viel Handlungsbedarf. Genauso wichtig ist, auf mental-psychologischer Ebene zu arbeiten, so daß Endverbraucher, Eltern und Hardware-Hersteller sensibilisiert werden. Seit dem Aufkommen des Computers haben wir einen schrecklichen Erodierungs-Prozeß, der das dahinterstehende geistige Schutzrecht kommunisiert und popularisiert. Es ist völlig normal, irgendeine Text- oder Bild-Datei zu kopieren. Da erscheint es als logischer Schritt, daß man sich auch Musik einfach runterlädt und kopiert. Der nächste gefährliche Schritt ist, daß das jemand halb- oder sogar vollgewerblich macht – und für zehn Mark die neue „Bravo Hits“ verkauft.

Albert Wagner: Ich habe manchmal den Eindruck, daß man sich erst in den letzten sechs Monaten Gedanken über dieses Thema macht. Was da abgeht, kriege ich am besten über meinen Sohn mit. Der ist zehn Jahre alt und erzählt mir, was es auf dem Schulhof so alles gibt. Das erschreckendste Beispiel war, daß es die „Bravo Hits“ an der Schule schon vor der Handels-VÖ für 15 Mark gab. Der Handel steht dieser Situation ohnmächtig gegenüber, weil er objektiv am wenigsten machen kann. Man kann höchstens versuchen, nicht mehr so großzügig zu sein bei CD-Rücknahmen. Denn wir haben festgestellt, daß die Leute immer öfter CDs zurückgeben wollen, weil sie ihnen angeblich nicht gefallen haben. Tatsache ist: Sie wollen sie nach dem Brennen wieder umtauschen. Ein großes Problem ist auch das Klauen der Booklets. Und da wir die Hüllen nicht nachgeliefert kriegen, ist es für uns fast das gleiche, ob einer die CD oder das Booklet klaut.

Klaus Petri: Wir als Hardware-Industrie wollen natürlich nicht den kreativen Ast absägen, auf dem auch wir selbst sitzen. Ohne Software gibt es tatsächlich keine Hardware. Wir wollen bei Philips weiter Hardware verkaufen und wollen, daß es auch weiterhin Software zu kaufen gibt. Unser Ziel ist nicht, daß von jeder Software nur noch ein Exemplar verkauft und alles andere grau oder schwarz kopiert wird. Wir lehnen aber die jetzt bei der EU diskutierten Vorschläge ab. Da will man jede Art von privatem Kopieren generell verbieten, und zwar im Audio- wie im Videobereich. Das sehen wir als konsumentenfeindlich an. Der richtige Weg ist, zu versuchen, gemeinsam finanziell tragfähige Lösungen zu finden.

Wagner: Schlimm finde ich auch, daß in Zeitschriften richtiggehend zum Kopieren aufgefordert wird. Die Leute, die CDs brennen, haben diese früher am meisten und intensivsten gekauft. Und die nehmen so stark ab, daß es uns hart trifft.

Jörg Hottas: Ich kann das nur bestätigen. Es betrifft wirklich alle Bereiche der Konsumenten. Selbst unsere schon etwas ältere Reinigungskraft sprach mich letztens darauf an, warum wir keine CD-Rohlinge verkaufen. Das Problem ist dabei auch, daß es keine lange Entwicklung gab, sondern daß wir fast schon vor vollendete Tatsachen gestellt sind. Mehrere Grossisten, von denen wir immer noch Leercassetten beziehen, verzeichnen in diesem Bereich seit Mitte letzten Jahres einen Umsatzrückgang von 40 Prozent. Auf der anderen Seite weiß ich von einer bekannten Firma im Handel, die im letzten Jahr etwa zwei Millionen CD-Rohlinge verkauft hat.

Petri: Weltweit wurden 1998 etwa 600 bis 800 Millionen verkauft.

Hottas: Es ist in Zukunft wirklich wichtig, daß wir da mit einer Kombination von technischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Maßnahmen versuchen, gegenzusteuern. Der Kopierschutz für CDs, DVD etc. ist ein Thema, auf das ich immer wieder angesprochen werde, nämlich inwieweit künftig nicht nur Musik aus dem Netz, sondern auch CDs wirkungsvoll gesichert werden. Das ist eine Frage, die mir bisher noch niemand zufriedenstellend beantworten konnte.

Benedikt Lökes: In unserem Joint-Venture mit den Kollegen von Universal heißen die Topseller „Bravo Hits“, „Viva Hits“ und „Mega Hits“. Wenn wir sehen, was am Point of Sale Schulhof passiert, wissen wir wirklich nicht, wie wir dem noch Einhalt gebieten sollen. Das ist eine Katastrophe.

Klaus-Georg Siemer: Mich interessiert, wie die Industrie dem einen Riegel vorschieben will. Ich denke an Marketingkampagnen, die den Leuten klarmachen, daß das nicht legal ist.

Lökes: Wir brauchen eine Aufklärungskampagne, die klarmacht: Wer Musik will, der muß sie auch mitfinanzieren. Außerdem ist der Gesetzgeber gefordert. Ohne staatlichen Druck werden auch Telekommunikationsunternehmen kaum bereit sein, Technologien zur Kontrolle von Datenflüssen zu entwickeln. Ohne den Druck des Staates hätten die Automobilhersteller Anfang der 80er Jahre sicher auch nicht den Katalysator eingeführt.

Hartmut Peine: Ich habe vor vielen Jahren in einer Branche gearbeitet, in der ich die ersten digitalen Kopiergeräte verkaufte. Ich kann mich noch an das Theater erinnern, als es um Urheberrecht ging und jeder Kopiergeräte-Hersteller eine Seitenabgabe machen mußte. Ich verstehe nur nicht, warum wir nicht die Kraft haben, die Dinge in diese Richtung zu bewegen – ob das nun in der Geräte- oder Rohling-Abgabe liegt.

von Zitzewitz: Wir brauchen dringend eine erhöhte Vergütung. Diese Vergütung muß sich jedoch nicht nur um ein paar Pfennige erhöhen, sondern um Potenzen. Da es sich bei einer CD-R um ein geklontes Original handelt, ist der Wert dieser Kopie für den, der sie erstellt, fast ebenso hoch wie der des Originals. Somit muß die Leermedien-Vergütung mindestens der Lizenzbelastung eines bespielten Tonträgers, also zwischen fünf und acht Mark, entsprechen.

Peine: Was spricht dagegen, das zu fordern?

Martin Schaefer: Gar nichts. Und deshalb tun wir es ja auch.

Kromer: Wobei bemerkt werden muß, daß das für die reine Audio-CD gilt. Wir haben aber das Problem des Computer-Rohlings, wo argumentiert wird, daß die große Mehrheit davon nicht zum Brennen von Audio-CDs benutzt wird. Heikel ist die Forderung, daß die privat vervielfältigte Kopie beibehalten werden muß, weil sie Verfassungsrang habe. Diesem Satz muß widersprochen werden. Man muß politisch und inhaltlich darüber debattieren, ob sie tatsächlich Verfassungsrang hat und ob sie im digitalen Zeitalter beibehalten werden muß.

Schaefer: Ich denke nicht, daß sie Verfassungsrang hat. Ganz im Gegenteil. Man darf eines nie vergessen: Es geht um das Eigentum der Tonträgerhersteller, die hier am Tisch sitzen. Das bedeutet: Nicht wir müssen uns dafür rechtfertigen, daß wir ein Exklusivrecht haben, sondern jeder, der die Ausnahme in Anspruch nimmt.

Peine: Vielleicht müßte man auch stärker abschrecken, denn es gibt derzeit kein Unrechtsbewußtsein. Es ist schließlich auch verboten, auf dem Schulhof mit Drogen zu handeln.

von Zitzewitz: Nach den uns vorliegenden Zahlen werden mit einem CD-Brenner rund 100 Kopien pro Jahr gezogen. Es ist also nicht nur eine bessere Qualität, sondern auch eine größere Anzahl von Kopien je Gerät.

von Zitzewitz: Die Hardware-Industrie wird auf der anderen Seite kein Interesse daran haben, einen Recorder zu verkaufen, der im besten Fall nur eine Kopie erstellen kann. Welcher Kunde würde das kaufen? Die Gerätehersteller haben ganz andere Ziele als die Tonträger-Industrie.

Schaefer: Richtig. Doch wenn die Initiative des Europäischen Parlaments durchgeht, könnten wir am Ende das Kontrollrecht bekommen, mit dem sich solche Auswirkungen sinnvoll steuern ließen.

Wagner: Wie sehen Sie denn die Zeitabläufe? Der Handel ist schon jetzt sehr extrem betroffen. Wenn ich aber die Rechtsveränderungen im Urheberrecht sehe, ist das ein Prozeß von zehn bis 20 Jahren. Kommt da nicht schneller etwas, das uns weiterhilft?

Schaefer: Die Richtlinie zum Schutz in der EU ist jetzt ungefähr zu einem Drittel durch. Wir können aber leider kaum damit rechnen, daß sie bis Ende des Jahres verabschiedet ist. Es ist leider noch gar nicht gesagt, daß unsere hochfliegenden Vorstellungen Wirklichkeit werden. Im besten aller Fälle hätten wir die gesetzliche Grundlage für eine technische Kontrolle, also eine Basis dafür, daß wir uns mit der Hardware-Industrie noch einmal vernünftig zusammensetzen können. Das passiert hoffentlich parallel schon bei SDMI. Dennoch: Es wird vielleicht nicht zehn oder 20 Jahre dauern, aber zwei bis fünf Jahre auf jeden Fall.

Kromer: Die GfK-Zahlen für 1998 gehen von mindestens sieben Millionen privat kopierten Musik-CDs aus. Bei einer konservativen Hochrechnung für das laufende Jahr müßte man mindestens mit zehn bis 15 Millionen privat kopierten Musik-CDs rechnen. Das ist eine mittlere Plattenfirma, die da sozusagen über den Jordan geht. Und entsprechende Verluste gibt es auch im Handel. Wir haben schon heute eine Menge illegaler Vorkommnisse.

Lökes: Wichtig ist jedenfalls, das Thema in der Öffentlichkeit zu kriminalisieren. Einen Schokoriegel zu klauen, bereitet den meisten Mitbürgern – und so soll es ja auch sein – größte Skrupel. Doch geistiges Eigentum zu stehlen, gilt in unserer Gesellschaft nicht einmal als Kavaliersdelikt.

Lökes: Es ist sicher richtig, an die Wurzel zu gehen wie zum Beispiel auf die Schulhöfe. Doch was wir nicht vergessen dürfen: Wir reden über das Internet, ein grenzüberschreitendes, weltweit operierendes Netzwerk. Letztlich ist es völlig egal, ob ein Track in Deutschland, Hongkong oder New York eingespielt wurde. Das Vorgehen auf EU-Ebene ist sicher völlig richtig, aber es ist leider mittlerweile ein weltweites Problem geworden. Diese Dimension muß also immer mitschwingen.

Peine: Wenn wir über neue Technologien reden, die sich überhaupt erst durchsetzen wollen, etwa als Medium DVD, dann garantiere ich Ihnen heute schon, daß spätestens im Herbst jeder zweite Computer ein DVD-Laufwerk haben wird statt eines CD-ROM-Laufwerks. Wenn wir diesen Gedanken einmal weiterspinnen, dann werden wir bald auch keine DVD-Software mehr verkaufen, weil man die dann auch kopieren kann.

Peine: Das hat Auswirkungen in jeglicher Hinsicht – ich meine die Ausdünnung der Handelslandschaft insgesamt. Das wirkt sich weiter aus auf die Vertriebe und die Marketing-Gesellschaften. Da gehen in der Tat Arbeitsplätze verloren.

Schaefer: Daß Arbeitsplätze verloren gehen und daß die Handelsstrukturen Schaden nehmen – das würden die meisten Leute auch sofort einräumen. Viele sehen aber leider nicht, daß dieses Produkt Musik ein Kulturgut ist. Der gesamte kreative Bereich mit Text, Bild und Musik hebt sich ab von gewöhnlichen Konsumgütern. Und das kann man nicht mit dem Hinweis auf internationale Entwicklungen abtun. Kultur ist eben nicht immer internationalisierbar. Selbstverständlich können wir ein erfolgreiches deutsches Stück international vermarkten, doch produzieren können wir es nur national.

Wagner: Wenn ich mir alle genannten Facetten betrachte, komme ich zur Feststellung, daß es keine Tabus mehr gibt. Deshalb könnte es den Handel in der jetzigen Form vielleicht schon sehr schnell nicht mehr geben.

MW: Was spricht denn gegen den Vorschlag, die CD-Rohlinge teurer zu machen?

Peine: Das muß man machen, wenn auf anderen Wegen keine zusätzlichen Lizenzen herausschauen.

Schaefer: Es wird sich zeigen, wie weit die Politik bereit ist, sich hier zu exponieren. Wir in Deutschland müssen in diesem Bereich des Urheberrechts zeigen, daß wir nicht willens sind, diese Zumutungen weiter hinzunehmen. Der einzige Weg, die Rohlingpreise zu erhöhen, ist tatsächlich, daß wir die Leermittelvergütung massiv anheben. Die gleiche Diskussion läuft überall im Ausland auch. Aber wenn wir uns jedesmal, wenn wir über Themen wie Internet-Piraterie, Privatkopien und ähnliches sprechen, auf die internationalen Rechtsdiskussionen verweisen lassen, machen wir einen Fehler. Jede internationale Ebene verzögert diese Sache um weitere zwei Jahre.

von Zitzewitz: Das Problem ist, daß wir es zu 99 Prozent mit den CD-Rs zu tun haben, die ursprünglich nur für Computersoftware vorgesehen waren. Daher wird es schwierig sein, höhere Abgaben zu fordern, weil sie eben auch für andere Zwecke genutzt werden.

Kromer: Lobby-Arbeit ist gefragt, denn es geht nicht um Wissen oder Nichtwissen, sondern um knallharte Machtinteressen. Online-Provider wollen möglichst viel in ihre Kabel einspeisen, und die Hardware-Hersteller haben ihre klaren wirtschaftlichen Interessen. Nur wenn Handel, Industrie und Hardware-Hersteller diesen Hebel alle gleichzeitig und mit immenser Kraft ansetzen, werden wir es schaffen, das Wachstum der Entertainment-Branche insgesamt auch in Zukunft fortzuschreiben.

Hottas: Eben deswegen brauchen wir mit der Industrie eine gemeinsame Strategie, wie wir den Tonträger auch künftig auf hohem Niveau halten. Für mich ist es zur Zeit nur möglich, bei meinen Kunden Aufklärungsarbeit über die strafrechtliche Relevanz zu leisten, um ein Unrechtsbewußtsein zu erzeugen.

Siemer: Vielleicht müßte jeder CD im Handel ein DIN-A-6-Infoblättchen beiliegen mit einer Warnung. Der Handel müßte das in seinen Anzeigen ergänzen. Die strafrechtlichen Folgen sind das, was am schnellsten wirkt.