MUSIKWoche: Provokativ gefragt: Braucht Dance das Internet?
Thorsten Kaiser: Im Prinzip schon. Dance hat in Deutschland bei den Medien einen sehr schweren Stand, im Radio findet er fast gar nicht statt. Das Internet bietet durch die zeitlosen Zugriffsmöglichkeiten der User ideale Voraussetzungen, Musik zu verbreiten.
Florian Lormes: Bei BMG Modul wird das Internet die Basis eines Künstlers. Wenn man dann nämlich im Auto sitzt und Musik hört, die einem gefällt, braucht man bloß das Internet aufzurufen und erfährt, was es dazu noch gibt. Zudem haben wir mit West E.P. das DJ-Label Westnetrecords gegründet, wo man den DJs in einem virtuellen Produktionsraum zuschauen kann. Und durch den Ideenaustausch der DJs entstehen online möglicherweise neue Trends, die es ohne das Internet dann nicht gäbe.
Sebastian Bohnenberger: Sonix versteht sich als Internetplattform für Dance mit Radio, Live-Streaming, Künstler- und Plattenvorstellungen. Wir finanzieren uns hauptsächlich durch Content-Providing für andere Websites im Radiobereich. Da Dance am Computer entsteht, ist das technische Know-How der Dance-Community so groß, dass das Internet hier nicht mehr wegzudenken ist.
Christian Reinecke: Im Dance-Bereich sind viele DJs und Produzenten für uns tätig, die jede Woche alle neuen Titel semantisch einordnen und kategorisieren. HiFind versteht sich als virtueller Einkaufsberater. Allerdings glaube ich nicht, dass insbesondere Dance-Titel sich über das Internet überdurchschnittlich gut verkaufen lassen.
MW: Ist Dance ein technik-affines Genre oder durch die Vinyl-Fixierung eher konservativ?
Kaiser: Ich sehe keine Probleme zwischen MP3 und Vinyl. Ohne Schallplatte ist die Dance-Szene nicht möglich. Unser Anliegen bei Netrecord-z sieht vor, Künstleraufbau zu betreiben, der sich von dem herkömmlichen Weg unterscheidet. Der ursprüngliche Gedanke war, statt Maxi-CDs nur MP3-Downloads anzubieten, um damit eine Longplay-CD für den Käufer interessant zu machen. Als wir dann Mitte vergangenen Jahres unsere Strategie umgestellt haben, lag das nicht daran, dass Downloads nicht funktioniert haben, im Gegenteil. Erfolgreiche Tracks liegen im hohen vierstelligen Download-Bereich. Das ist gemessen an Maxi-Verkaufszahlen immer noch wenig, aber im Vergleich mit Download-Zahlen anderer Anbieter sehr hoch.
MW: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Kaiser: Der Endverbraucher wird irgendwann die Maxi-CD nicht mehr brauchen. Denn die meisten wollen nur den Song, nicht aber fünf verschiedene Mixe davon. Deswegen sind Compilations so erfolgreich. Im schlimmsten Fall brennen sich die Leute ihre eigenen oder laden sich die Songs bei Napster hinunter. Da setzen wir an: Denn wenn es den Konsumenten nur um diesen einen Song geht, können sie sich den beispielsweise bei uns downloaden.
MW: Florian, wie beurteilst Du das als Vertreter einer Major-Firma?
Lormes: Ich gebe Thorsten grundsätzlich recht. Denn das schöne an der Zukunft ist, dass jeder sich das aussuchen kann, was er mag. Ich denke aber nicht, dass irgendein Format verschwinden wird. Problematisch im Dance-Bereich ist lediglich das One-Artist-Album. Der Dance-Longplay ist nun einmal die Compilation – ob legal, selbstgebrannt oder von Napster. Download-Verfahren finde ich hochspannend, aber wir als Major müssen natürlich auf die Sicherheit bedacht sein. Dennoch setzt BMG bereits Zeichen. So gibt es auf der Homepage des Modul-Künstlers DJ Tomekk Links auf den Online-Händler BOL und auf Download-Möglichkeiten. Auch bei Westnetrecords planen wir einen großen Store mit Downloads.
MW: Welche Vorteile bietet Sonix als Dance-Community für die Industrie?
Bohnenberger: Wir geben neuen Künstlern die Chance, sich und ihr Produkt vorzustellen, denn uns stört im Internet vor allem, dass sich viele Websites auf große Namen stürzen, um sich damit zu profilieren. Uns geht es aber um die Musik. Wir sehen uns als Online-Forum, das einen Austausch zwischen allen Styles aus dem Dance-Bereich ermöglicht. Und ein DJ mit einem guten Track kann über uns den Kontakt zu einem Label finden.
MW: Gibt es noch Hemmschwellen?
Bohnenberger:Wir verspüren in der Dance-Branche immer noch eine gewisse Angst vor dem Internet. Die Firmen wollen nicht, dass ihre Musik in die falschen Hände gerät. Deswegen verzichten wir auf Downloads und bieten nur Streamings an.
MW: Ist das Dance-Segment bei dem Leuten, die bei HiFind Musik-Orientierung suchen, besonders gefragt?
Reinecke: Das stimmt, wenn auch Charts-Titel am häufigsten gefragt werden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es bei Dance-Leuten nicht so viele Experten gibt, wie man annimmt. Wir sehen, dass viele User bei großen Namen anfangen und dadurch unbekanntere entdecken. Oder sie geben allgemeine Fragen ein, um sich einen Überblick über die Szene zu verschaffen.
MW: Wie sieht Euer Geschäftsmodell aus?
Reinecke: Primär geht das über den Verkauf von CDs, an denen wir über einen ausgehandelten Prozentsatz beteiligt sind. Auf unseren Seiten wird natürlich auch Werbung geschaltet, aber davon lebt eine Internetfirma nicht mehr. Zunehmend wichtiger wird die Lizenzierung unserer Suchmaschine. Das heißt, Labels oder Shops erwerben unsere Abfragemöglichkeiten und Datenbänke, um ihre Seiten interessanter zu gestalten.
MW: Es gibt Gerüchte, HiFind wird bei Napster mit BMG kooperieren.
Reinecke: Von unserer Seite möchte ich da nichts ausschließen – wo immer die Reise mit Napster auch hingeht.
Lormes: Die Grenzen zwischen Major und Independent verwischen. Im Netz redet man anders miteinander. Es gibt immer eine Schnittmenge der unterschiedlichen Interessen, und wir können schauen, was man daraus macht. Kooperationsmöglichkeiten sehe ich auf jeden Fall, denn Suchmaschinen wie HiFind bieten Orientierung an.
Reinecke: Der Fall Napster zeigt zudem, wie wichtig es ist, dass die Leute eine zentrale Anlaufstelle für Musik haben. Der gegenwärtige Trend, dass jede Firma ihr eigenes Portal mit eigenen Standards einrichtet, ist für mich die falsche Entwicklung. Deswegen müssen wir gerade im Dance-Bereich ein gemeinsames Portal auf die Beine stellen – gern auch mit integrierter Suchmaschine -, das dem User eine Alternative zu den illegalen Websites bietet.
MW: Bietet das Netz denn profitable Vertriebswege?
Kaiser: Ich denke, wir sind uns alle einig, dass das Internet oder sonstige drahtlose Distributionsformen den Vertrieb der Zukunft bilden. Und diese Zukunft liegt nicht mehr so fern von uns. Breitband und UTMS werden schon in absehbarer Zeit die heutige Situation komplett verändern. Das Problem zur Zeit ist, dass mit dem Netz allein nicht profitabel zu arbeiten ist, weder mit Werbung noch mit Downloads. Deswegen nutzen wir als next generation music company auch die klassischen Vertriebswege.
Lormes: Wir alle haben ein Hardware-Problem. Ehrlich gesagt, ich lade mir nichts herunter. Das ist mir viel zu stressig. Aber sobald ich im Auto ein Internetradio, das genau meine Musik spielt, komfortabel anwählen kann, wird eine neue Ära beginnen. Denn das gibt mir die Freiheit, gleichsam ohne Werbung MTV zu konsumieren.
Kaiser: Das ist ein gutes Beispiel. Wenn mir der Song im Radio gefällt, drücke ich nur einen Knopf und er landet per Kreditkarte auf meiner Festplatte.
Reinecke: Sobald die rechtlichen Probleme geklärt sind und die Bedienungsfreundlichkeit gestiegen ist, werden wir herzlich gerne dabei sein. Aber bis dahin bieten wir noch keine Links zu Downloads an.
MW: Was bedeutet das für die Künstler?
Kaiser: Downloads sind bei uns fest in die Verträge integriert. Wir handeln dort andere Prozentsätze aus als die Majors, wo die Download-Zahlen stark reduziert werden. Doch die Zeit arbeitet für uns, denn alle anfallenden Kosten werden billiger und die Standleitung zuhause wird kommen.
Lormes: Das sehen wir anders. Denn hinter den Downloads steckt ein Monster mit enormen Kosten. Und Verträge mit einer Aufteilung bei den Download-Verkäufen im Verhältnis 50 zu 50 machen ja nur Sinn, wenn man überhaupt ein Geschäft macht. Das meiste Geld geht bei Majors immer noch in die Werbung. Es gibt keine guten oder schlechten Verträge, der Künstler muss sich überlegen, was er will.
MW: Löst denn bei Euch das Internet als Werbeträger Print oder TV allmählich ab?
Lormes: Das hängt vom Produkt ab. Wir machen gerade eine Testkooperation mit der House-Compilation „Muschihaus“. Diese hat eine Firma erstellt, die ausschließlich über das Netz arbeitet. Und wir unterstützen sie hauptsächlich online. Wenn das funktioniert, kann man sagen: Das war Internet. Es würde uns jedenfalls helfen, denn bisher herrscht bei den Firmen meist die Annahme, dass man Internet irgendwie haben muss, obwohl man weiß, dass es Geldverschwendung ist. Das glauben wir bei Modul nicht, konnten bislang aber noch nicht den ultimativen Gegenbeweis antreten.
MW: Ein Dance-Künstler wie Gigi D’Agostino lehnt Fernsehauftritte zugunsten von Internetpromotion ab.
Lormes: Wunderbar. Wir werden den „Muschihaus“-Test auch bei unseren Künstlern anwenden. Dann wird es wichtiger sein, statt TV- oder Radioauftritten die Homepage des Künstlers zu kommunizieren.
Kaiser: Das kann ich bestätigen. Die Stärke des Web besteht darin, einen Fan an den Künstler zu binden. Fernsehauftritte oder -spots haben einen Einmal-Effekt, das Internet kann jedoch eine regelmäßige Beziehung aufbauen. Dabei spielt vor allem der Newsletter eine sehr wichtige Rolle.
MW: Aber auch eine Netrecord-z-Künstlerin wie Lady Tom muss sich erst einmal einen Namen verschaffen, bevor die Fans ihre Homepage anklicken.
Kaiser: Das ist richtig. Wir müssen einen Namen bekannt machen. Das schafft das Internet noch nicht von alleine. Ohne Fernsehen, Club-Touren oder andere Vermarktungsstrategien ist das derzeit noch nicht möglich. Bohnenberger: Das Internet ist noch zu schwach, um von sich aus Namen zu generieren. Dafür kann es ein Produkt gezielter an die Leute heranbringen und die Streuverluste geringer halten.
Lormes: Eins kann das Internet genausowenig wie eine Zeitschrift: Emotionen entwickeln. Deswegen sollten wir auch nicht von „Usern“ reden, sondern sie als Fans bezeichnen. Denn diese Leute haben einen Grund, im Internet nach Musik zu suchen. Irgendetwas hat beispielsweise im Club ihre Emotionen geweckt.
Reinecke: Wir bekommen immer wieder E-Mails, in denen uns Leute schildern, wie sie nach unseren Empfehlungen nach mehreren Jahren erstmals wieder in den Plattenladen gegangen sind, um dort Tonträger von Acts, die sie vorher nicht kannten, zu kaufen. Häufiger werden jedoch bekannte Künstler abgefragt. Denn die Internetstruktur ist nur bis zu einem gewissen Grad gleichmacherisch. Jeder kann seine Musik ins Netz stellen, aber danach greift doch die klassische Label-Arbeit mit Marketing und Promotion ein.
MW: Also steht momentan die Community-Funktion des Internets im Vordergrund. Kann man das aus der Sicht einer Online-Plattform bestätigen?
Bohnenberger: Durch das Internet haben wir die Chance, auch international eine Menge Menschen zu erreichen, wenn wir etwa neue Vinyl-Label vorstellen. Aber letztlich lösen wir nur den Impuls aus, der den Endverbraucher in den Laden treibt, um dort ganz konventionell Platten zu kaufen.
MW: Ein grundsätzliches Problem bei der Frage Dance und Internet scheint mir, dass vor allem dieses Genre durch das soziale Miteinander im Club bestimmt ist, während der PC-User vor allem als Einzelkämpfer in Erscheinung tritt.
Bohnenberger:Wir glauben, dass unsere User Musikfreaks sind, die nach dem Besuch im Club online noch nach weiteren Informationen zu Musik und Künstlern suchen. Und gerade solche Leute kommen aus dem Dance, weil sie sich sehr für neue Medien interessieren, alle ihren Rechner zuhause haben und sehr oft damit selbst Musik produzieren. Deswegen wird Dance die erste Musikrichtung sein, die sich speziell über das Internet verbreiten oder zumindest darauf konzentrieren wird.
Lormes:Das Internet ist vor allem die Gegend für Entdecker, die dort etwa nach coolen Mixen fahnden, um dann am nächsten Samstag zu sagen, sie kennen noch bessere Mixe als die Version, die der DJ gerade spielt.
gesprächsdrang…
… zum Thema Dance und Internet fand auf der zweiten Ausgabe der German Dance Awards (GDA) ein Ventil. Wie schon im Januar 2000, bei der GDA-Premiere, versammelte sich bereits am Mittag ein interessiertes Fachpublikum, um den von MUSIKWoche und Popkomm. präsentierten Panels zuzuhören. Im Januar stand die Gesprächsrunde unter dem Thema „Dance und Radio – das Ende einer Beziehung“. Diesmal hatten sich die Organisatoren auf das Thema Internet geeinigt. Unter der Moderation von MUSIKWoche-Redakteur Dietmar Schwenger debattierten im Tagungssaal des Hotels InterContinental Florian Lormes, Head Of Modul bei BMG Ariola Media, Thorsten Kaiser, COO/ Head Of A&R bei Netrecord-z, Sebastian Bohnenberger, Musikchef des Online-Portals Sonix, und Christian Reinecke, Content Director bei der Musiksuchmaschine HiFind.com. Alle waren sich einig, dass bei der Vermarktung von Dance-Titeln noch keine Profite über das Internet allein zu erzielen sind. Als Promotion-Tool biete es jedoch hervorragende Möglichkeiten. Trotz der Vinyl-Fixierung der Dance-Szene seien Fans des Genres sehr technik-affin und nutzten die bestehenden Angebote intensiv.






