Andreas Kraatz, freier Autor, ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift „Der Musikmarkt“
Napster, Schlepper, Bauernfänger?
oder
Liegt die Zukunft der Musik im Internet?
*Problemfelder und Lösungsansätze***
Liebe Kolleginnen, Kollegen und Teilnehmer dieses Treffens,
zur allgemeinen Einstimmung auf die mitunter doch komplexe wie kontroverse Materie zitiere ich die „Süddeutsche Zeitung“, die im Wirtschaftsteil unter der Überschrift „Die Musikbranche leidet und feiert trotzdem“ zur diesjährigen „Echo“-Verleihung Folgendes schrieb: „Die Geschäfte laufen nicht sonderlich gut. Im vergangenen Jahr war der CD-Umsatz zum dritten Mal in Folge rückläufig.
Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft erwartet Einbußen von zwei Prozent; mit einem Gesamtumsatz von rund 4,8 Milliarden Mark unterschreitet die Branche die Zahlen von 1996. (…) Die Kritik wird immer lauter. Dieter Gorny, der Chef des Clipkanals Viva, fragt, ‚ob die Industrie noch die richtigen Produkte für die Kunden hat‘. Und Zomba-Manager Kurt Thielen weiß, dass ‚die Leute wieder kaufen, wenn wir möglichst viele gute Platten herausbringen‘.“
Die Beziehung zwischen Produkt und Kunden ist schon seit einiger Zeit gestört, Tendenz steigend. Dass der musikinteressierte oder auch -begeisterte Kunde beziehungsweise Käufer sich im Laufe der letzten Jahre immer öfter und – fast noch schlimmer: für immer – von „seinem“ Musik-Markt und damit natürlich auch von „seinen“ Künstlern und Bands verabschiedet beziehungsweise sich „seine“ Musik auf anderen Wegen besorgt, ist längst eine Tatsache, die gleich mehrere Gründe hat.
Gestatten sie mir, dass ich an dieser Stelle ein wenig aushole, weil nur so das Szenario „Musik im Netz“ überhaupt plausibel wird:
Da ist zum einen Repertoireaufbau und Repertoirepflege in den großen Häusern der Musikindustrie, die in seltener Eintracht überwiegend nur das veröffentlichen, was mit massivem finanziellen Aufwand nach Möglichkeit auf Anhieb in die Charts steigt. Ein kurzer Blick auf die Singles-Charts des „Musikmarkt“ oder der „musikwoche.de“ zeigt das ganze Ausmaß dieser Politik: Da tummeln sich neben bekannten – national wie international populären – Interpreten allerhand kurzlebiger und dazu noch gesichtsloser Dance-Pop und die Erkennungsmelodien der jeweiligen „Big Brother“-Staffeln.
Neue Gesichter, neue Künstler, neue Musik? Weitestgehend Fehlanzeige, wenn man einmal von dem im Fernsehen gecasteten Quartett No Angels absieht. Auch im Longplay-Bereich wachsen die Bäume beileibe nicht in den Himmel, auch hier ergattern sich neben den seit Jahren und Jahrzehnten Etablierten nur wenige Neue mittel- oder langfristig einen Platz an der Sonne. Und was leistet die Kopplungs-Branche? Leider gehen von diesen Abteilungen bis auf wenige Ausnahmen kaum beziehungsweise überhaupt keine Impulse aus. Das spüren inzwischen die Verantwortlichen für die medienbeworbenen Compilations zu allererst an den deutlich geringeren Stückzahlen, die sie absetzen konnten. Das massive Kompilieren von Hits trägt gerade bei jungen Talenten nicht zum Aufbau eines Katalogs bei. Ganz im Gegenteil…
Die generelle Bereitschaft zur Förderung und zum Aufbau neuer Künstler und Gruppen beziehungsweise Aufspüren neuer Trends ist zumindest bei den Majors und in den Konzernen nur noch sehr bedingt vorhanden. Man muss in dem Zusammenhang ja nicht gleich so weit gehen wie der Kritiker Karl Bruckmaier, Autor des Artikels „Liebe deinen Napster“ in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 13. Februar 2001, wo es unter anderem hieß: „Einen neuen Trend, eine wirklich gute Band erkennt ein großer Musikkonzern selbst dann nicht, wenn man ihn damit übers Börsenparkett prügeln würde.“ Weniger provokativ, aber dennoch aufschlussreich sind hier meine jüngsten Erfahrungen mit einer Künstlerin, die ich vor kurzem wichtigen deutschen Plattenfirmen angeboten habe.
Doch genau dieser Mut zu neuen Gesichtern, neuen Stimmen, neuen Karrieren ist die Basis aller Kreativen, wie der kürzlich und viel zu früh Verstorbene Rudi Gassner dem englischen Fachmagazin „Music Business International“ kurz vor seinem Tod erklärte: „In tomorrow“s world people who create music will be in enormous demand. Our key business is to develop attractive repertoire.“ Forderungen dieser Art sind so alt wie das Musikbusiness selbst, werden sie jetzt sagen. Das stimmt wohl, nur leben wir eben auch in einer Zeit, die sich mit der noch so nachdrücklichen Widerholung solcher Statements einfach nicht mehr vertrösten lässt. Doch dazu später mehr…
Damit wir uns nicht missverstehen, ich bin hier nicht angetreten, um Schuldzuweisungen an die Majors oder andere Partner auf dem Markt zu verteilen. Glauben sie mir, ich weiß sehr wohl um den Drahtseilakt, den die Executives, A&Rs oder Product Manager speziell in den anglo-amerikanisch dominierten Firmen vollführen müssen, ich weiß sehr wohl um die Vorgaben aus New York und London bezüglich der Priorität von anglo-amerikanischem Repertoires gegenüber solchem aus dem eigenen Land. Trotzdem kommen wir nicht umhin, auch und gerade angesichts der ungeheuren Dynamik des Internets, die offenkundigen Unzulänglichkeiten und Schwächen der Branche kritisch und ungeschminkt unter die Lupe zu nehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger möchte ich mit meinem Beitrag leisten.
Eine weitere Säule des klassischen Musikgeschäfts, der Handel, steckt derzeit ebenfalls in einer Phase der Umorientierung und Neubesinnung auf die eigenen Stärken. Das ist auch dringend geboten. Denn mit der vielbeschworenen Angebotsbreite und -tiefe ist es wahrlich nicht weit her, von der ebenso viel beschworenen Beratungs- und Service-Hoheit ganz zu schweigen. Auch hier wird das Sortiment immer mehr auf die Genres zugeschnitten, die sich sehr schnell ab- beziehungsweise umsetzen lassen.
Die vorrangig betriebswirtschaftliche Konzentration auf die optimale Stellflächenauslastung hat eine stetige Verengung des gesamten musikalischen Spektrums zur Folge. Ich möchte hier nur ein Beispiel aus meiner langjährigen Erfahrung anfügen: das Beispiel des deutschsprachigen Schlagers. Wie soll eine solche Musikrichtung wachsen und gedeihen, wenn derjenige, der sich nicht nur dafür interessiert, sondern die Neuerscheinungen seiner Stars auch sofort kaufen möchte, in etlichen Läden – Tendenz steigend – die immer wieder gleiche Auskunft: „Führen wir nicht oder führen wir nicht mehr“ – anhören muss.
Diese Entwicklung allein dem Handel anlasten zu wollen, wäre aber verkürzt, denn die Vertriebspolitik vieler Plattenfirmen sehen dieses so genannte Nischenprodukt in einer für ihre Verhältnisse derart geringen Auflage beziehungsweise Stückzahl gar nicht mehr vor. Das heißt, schon die Versorgung des Handels mit Schlagerprodukten geschieht wenn überhaupt nur sehr schleppend oder auf Bestellung meist zu spät.
Ein anderes Kapitel betrifft die musikalische Grund- und Rundumversorgung durch Radio und Fernsehen. Dass die Radioanstalten – öffentlich-rechtlich wie privat – ihre Rolle als musikalischer Anwalt der Massen, der früher erheblich mit zur Entdeckung und zum Aufbau vor allem auch nationaler Produkte beigetragen hat, inzwischen anders definieren, ist uns allen längst und mir speziell aus vielen Diskussionsrunden bekannt. Hits, egal aus welcher Ecke, werden nicht mehr gemacht, sie werden nur noch gespielt – und zwar ganz konsequent nach den wöchentlichen Charts und telefonischen Stichproben unter Hörern, die jedem Sender gleichzeitig das Futter für seine werbewirksamen Marktdaten und -forschung liefern.
Darunter leidet vor allem der heimische Nachwuchs, aber auch Etablierte, die mit Ausnahme deutschsprachigen Raps und Hiphops kaum noch die Chance haben, ihre Musik einem größeren Publikum einmal wenigstens zugänglich machen zu können. Machen wir uns doch nichts vor: Im Zweifelsfall landet, sagen wir zum Beispiel ein Bon Jovi, mit größter Wahrscheinlichkeit auf Heavy Rotation, während ein Stefan Waggershausen nicht einmal mehr erwähnt, geschweige denn gespielt wird. Mir liegt eine Diplomarbeit zum Thema: „Die Quotenregelung zur Sicherung französischen Liedguts im Hörfunk“ vor, aus der eindeutig hervorgeht, dass die hierzulande immer wieder öffentlich gescholtene Quotenregelung, zumindest in Frankreich, jedenfalls zu einer spürbaren Belebung nicht nur der nationalen Musikkultur, sondern darüber hinaus auch des Marktes insgesamt geführt hat. Die Studie weist nach, dass aufgrund dieser Regelung die Independents 24 Prozent mehr nationales Produkt erfolgreich auf den Markt bringen und damit internationalem Repertoire Anteile abnehmen konnten.
Beim Fernsehen schließt sich nun der Kreis, viele sprechen inzwischen gar von einem Teufelskreis der Medien. Denn auch Viva oder MTV orientieren sich – bis auf wenige Alibi-Programmfenster – in ihren Angeboten hauptsächlich an den Charts, also an dem, was die so genannte Majorität der Zuschauer sehen und vielleicht auch kaufen will beziehungsweise wird. Wie teuer uns – Verlage, Künstler ebenso wie Label – gerade diese Clip-Abspielkultur zu stehen kommt, weiß derjenige, der schon einmal eine Videoproduktion für Viva in Auftrag gegeben hat, wohlgemerkt eine aufwändige Produktion nur für eine Single. Und zu allem Überfluss werden gerade jetzt auch noch die Programme eingestellt, die sich bis dato um die Pflege des Katalogs einigermaßen verdient gemacht haben. Sowohl Viva Zwei wie auch VH-1 haben sich allen Beteuerungen der Verantwortlichen zum Trotz wohl letztlich doch nicht gerechnet und fallen nun dem Rotstift zum Opfer.
Verzeihen sie mir den langen Vorspann, doch er ist nötig, um den thematischen Hintergrund zu skizzieren, vor dem allein sich erst die ganze Internet-Euphorie wie auch Tabuisierung verstehen lässt. Eines ist jedenfalls jetzt schon gewiss: Das globale Internet legt in punkto Musik die Defizite einer ganzen Branche bloß. Da hilft alles Zeter und Mordio am Beispiel Napster nichts. Selbst der Sieg von Vivendi Universal, Sony, Time Warner, BMG und EMI vor ordentlichen amerikanischen Gerichten kann sehr schnell zu einem Bumerang werden.
Der Reihe nach. In den letzten Wochen und Monaten ging ein Rauschen durch die internationalen Medien, kein Tag verging, ohne dass der Name Napster stellvertretend für den illegalen Tausch von nicht lizenzfreier Musik in den Schlagzeilen, mal pro, mal contra, auftauchte. Erst recht die Übernahme der Tauschbörse durch den deutschen Medienkonzern Bertelsmann sorgte für zusätzlichen Zündstoff – und das ausgerechnet nachdem die Europäische Kommission Monate zuvor bereits der Übernahme des amerikanischen Time-Warner-Konzerns durch den Netzpionier AOL zugestimmt hatte. Dazu passt die Meldung, dass die Attraktivität von Napster trotz gerichtlicher Auflagen zum Filtern nach wie vor ungebrochen ist. Laut „Webnoize“ lag die Zahl der Downloads im Monat Februar immer noch bei sage und schreibe 2,49 Milliarden Mark.
Wie titelte die „Süddeutsche Zeitung“ vor Wochen in einem Leitartikel so treffend: „Im Netz spielt die Musik“ und führte dazu aus: „Nach dem Schwächeanfall der New Economy sind nun auch manche Geschäftsmodelle der Old Economy in Gefahr, darunter vor allem die der Musikindustrie. Mit einer Atombombe verglich ein Vertreter des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft die Erfindung von MP3, einem System, das Musikstücke in handliche digitale Päckchen presst. Das Datenformat MP3, das die Musikindustrie vor einigen Jahren hochmütig ablehnte, die Bedeutung verkennend, hat eine unvermeidliche Entwicklung nur beschleunigt.“ Und noch eins: Wenn hier von der Musikindustrie die Rede ist, bezieht sich das ausdrücklich nicht nur auf die Majors, sondern auf sämtliche Teilnehmer auf dem internationalen Musikmarkt. Das heißt, es haben nicht nur einige wenige, sondern wir alle geschlafen oder doch zumindest Augen und Ohren geschlossen und damit der technologischen Entwicklung hinsichtlich des Transfers musikalischer Inhalte einfach viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
MP3, das Datenkompressionsverfahren, das im renommierten deutschen Fraunhofer Institut erfunden und zur Serienreife entwickelt wurde, machte und macht den Download von Musik erst möglich. Im Aufkommen von MP3 und der massenhaften Verbreitung von entsprechenden Playern sahen viele Branchenexperten ausschließlich eine Gefahr für die traditionelle Distribution. Ja, einige hohe Repräsentanten gingen gleich zu Beginn daran, eifrig und mit aller gebotenen Schärfe auf das massive Drohpotenzial hinzuweisen, anstatt mit den Herren der neuen Netze über mögliche Kooperationen zu sprechen – zum Vorteil der Musik, zum Vorteil der Künstler und Interpreten, aber auch zum wirtschaftlichen Vorteil der einzelnen Firmen. Statt dessen bestimmt bis heute juristisches Hickhack das Geschehen. Vielleicht hätte man sich gleich zu Beginn gemeinsam mit Herrn Robertson (mp3.com) und anderen an einen Tisch setzen sollen, um allen Napstern, Gnutellas, Freenets und wie sie noch alle heißen werden von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen zu können.
So ist bis dato die einzig erkennbare praktische Lehre, die man aus dem Versäumnis gezogen hat, die Etablierung eines zusätzlichen Vertriebsweges, der so genannten Online Distribution, die aber, was die ständig wachsenden Kapazitäten des oder der Netze betrifft, viel zu kurz greift.
Lassen sie mich noch kurz zwei Aspekte anfügen, die das weitere Umfeld genauer kennzeichnen:
- Verfügbarkeit des gesamten Repertoires. Wenn der Präsident einer großen deutschen Plattenfirma erklärt, dass nur gut 20 Prozent seines gesamten Repertoires im Laden erhältlich seien, die restlichen 80 Prozent des Katalogs aber als totes Kapital brachliegen, weil sich eine Neuauflage bei derart geringen Stückzahlen nicht lohne, kann die Konsequenz daraus doch nur lauten: digitalisieren, digitalisieren und noch einmal digitalisieren.
Wenn sich schon die Auflage in physischer Form nicht lohnt, müssen diese 80 Prozent totes Kapital eben schleunigst digitalisiert werden und den jeweiligen Kunden übers Netz käuflich zugänglich gemacht werden. Wenn das nämlich nicht passiert, wenn ihm seine Musik nicht angeboten wird, er sie nicht im Handel bekommt oder sie nicht im Rundfunk gespielt wird, dann wird er sie eben kurzerhand aus dem Netz downloaden, egal ob das legal, illegal oder scheißegal ist. Das Unrechtsbewusstsein ist bei den zumeist jungen Internet-Usern nämlich kaum ausgeprägt.
- Gravierende Veränderungen auf dem Markt. Waren Kunden und Käufer über Jahrzehnte hinweg auf die saisonalen Angebote der Musikindustrie und Medien im wahrsten Sinne des Wortes angewiesen, so haben sich die Gewichte spätestens mit dem Aufkommen des Internet gravierend verschoben. An die Stelle des Verkäufermarktes ist der Käufermarkt getreten und hat das traditionelle, aber eben in Teilen auch bereits überholte Geschäftsmodell in Windeseile aus den Angeln gehoben. Das Internet hat den Kunden zum König im Netz und auf dem virtuellen Musikmarkt gemacht.
Er als User bestimmt von nun an, wann er welche Musik in welcher Form und Größe haben möchte, ungeachtet der klassischen Vertriebsformen. Dazu eine kurze Anmerkung aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 8. März diesen Jahres, wo Eben Moglen, Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Universität, schrieb: „Die Musikindustrie geht an einer grundlegenden ökonomischen Wahrheit zugrunde. In der Welt der digitalen Erzeugnisse, die gänzlich ohne Kosten kopiert und transportiert werden können, erweisen sich Vertriebsstrukturen, die auf dem Besitz der Inhalte oder der Nutzungsrechte basieren, als ineffizient.“
Liebe Kolleginnen und Kollegen ich möchte ihnen versichern, ich habe garantiert nicht vor, ausgerechnet von dieser Stelle aus uns allen den Untergang zu prophezeien. Das Zitat dient lediglich dazu, ihnen zu illustrieren, dass die digitale Welt des Internet nach anderen Regeln funktioniert, als wir sie in der real physischen solange kennen und schätzen gelernt haben.
Die Frage, die sich uns allen stellt, ist doch: Was lernen wir für uns und unser Geschäft daraus? Oder: Wie können wir das Internet für die Musik nutzbar machen?
Hier nun Lösungsansätze und nützliche Hinweise. Nur so viel vorweg: Das Beispiel Napster sollte bitteschön keinem von uns den Blick für die Möglichkeiten der Musik im Internet verstellen. Napster hin oder her. Ich stütze mich bei meinen folgenden Ausführungen zum Teil auf die wegweisende Studie „Wanted: ein Überlebensmodell für die Musikindustrie – Napster und die Folgen“ von den Autoren Andreas Becker und Marc Ziegler sowie auf weitere aktuelle Quellen.
I. Da heißt es zunächst: „Der zu späte Markteintritt, (gemeint ist die Musikindustrie,) überzogene Pricing-Vorstellung, ein nicht existenter Markenname sowie das nach wie vor zu kleine Titel-Angebot haben dazu beigetragen, dass die Online-Konkurrenten überhaupt erst die momentan besetzten, dominanten Positionen im Internet erreichen konnten. Die größte (wenn nicht gar einzige) Chance, bestehende Strategien und Geschäftsmodelle derzeit weiter entwickeln zu können, ist die Schaffung einer gemeinsamen (globalen) Vermarktungsplattform aller Labels.“
Das ist ein schönes Stück Arbeit und kostet viel Zeit. Doch genau die ist im Zeitalter des Internet das kostbarste, weil „knappste Gut, das der Phonoindustrie bei der Realisierung ihrer Internet-Vorhaben zur Verfügung steht: Mit jedem Tag, der verstreicht, haben wieder Hunderttausende von Songs (…) den ‚Besitzer‘ gewechselt und tragen dazu bei, dass sich die Marke von Anbietern wie Gnutella oder Napster festigt“. Auf den großen Schulterschluss der Betroffenen werden wir wohl noch eine Weile warten müssen.
II. Zuvor versucht BMG mit Hilfe von Napster eine vergütungspflichtige Plattform für Musik zu etablieren. Ob allerdings die vielen Millionen Napster-User auch bereit sein werden, fortan für den Download zu bezahlen, darf bezweifelt werden. Denn noch immer gilt die Faustregel: „Einkommensschwache Zielgruppen wie zum Beispiel Jugendliche werden nicht bereit sein, für Downloads zu bezahlen, die von Labels gebührenpflichtig ins Netz gestellt werden.“
III. Interessant ist auch der Versuch von Vivendi-Universal und Sony, die zusammen über immerhin 40 Prozent des weltweiten Musikmarktes gebieten. Sie setzen auf das Gemeinschaftsunternehmen Duet als Antwort auf den Bertelsmann-Napster-Deal und mit einem dritten Partner, dem britischen Mobilfunkanbieter Vodafone, auf das mobile Internet-Portal Vizzavi, dem Börsen-Analysten übrigens jetzt schon großes Wachstumpotenzial prophezeien. Inzwischen sind sich Vivendi-Universal und Sony mit Yahoo! über eine gemeinsame Strategie einig geworden.
Fortan soll das kostenpflichtige Musikabonnement mit Hilfe des Internetportals geregelt werden. Dieser Schachzug liegt ganz auf der Linie von Jean-Marie Messier, Vorstandschef von Vivendi Universal, der erst kürzlich voraussagte, das der Internet-Musikmarkt allein in den USA im Jahr 2004 bereits vier Milliarden Dollar groß sein werde, also exakt doppelt soviel wie der deutsche Tonträgermarkt, immerhin der drittgrößte der Welt, insgesamt umsetzt. Seiner Meinung nach werden zwei Drittel davon auf Abonnement-Systeme entfallen, ein Drittel auf die Zahlung pro heruntergeladenem Musikstück. Ziel der Kooperation ist es, das digitale Musikangebot der Partner auf Mobiltelefone, Set-Top-Boxen für den Fernseher und tragbare Endgeräte zu bringen.
IV. Und last not least ist da ja noch MusicNet, ein Gemeinschaftsunternehmen von Warner, Bertelsmann und EMI, das noch in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten starten soll. Dabei tritt MusicNet als eine Art Großhändler auf, der etwa die Hälfte aller verfügbaren Musiktitel der drei Konzerne an Internet-Dienstleister verkauft, so dass im Prinzip jeder darüber ganz legal Musik online kaufen, bezahlen und hören kann. Die „Future Of Music Coalition“, ein Interessensverband amerikanischer Musiker, erklärt diesen Versuch allerdings jetzt schon für gescheitert. Doch das nur am Rande…
Die Frage, die uns hier beschäftigt, ist jedoch: Was haben Musiker, kleine Labels und Verlage davon? Wie können diese vom Internet profitieren? Wenn sie mich fragen, genau betrachtet sehr viel. Denn, so die „Süddeutsche Zeitung“: „Die Zukunft der Musik im Internet sind nicht Vertrieb und Verkauf, sondern Information, Kundenanbindung und Promotion. Im Internet kann ich elegant und schnell alles über einen Künstler und seine Musik erfahren, mir einen akustischen Eindruck verschaffen und so weiter. Ein Blick auf die Homepage eines Reinhard May oder des Rödelheim Labels 3p und sie wissen, warum diese Seiten mit weitem Abstand häufiger besucht werden als die meisten der großen Label.“ Kurzum: Das Internet als Promotion- und Marketingplattform des oder der Künstler und Label ist keine Illusion, sondern längst Realität, ein weiterer Schritt zur Selbstvermarktung und zum Direktvertrieb von Musik.
Das weiterhin ungelöste Problem aber ist und bleibt wahrscheinlich auch auf längere Sicht: der Schutz der Urheberrechte oder das so genannte Digital Rights Management und natürlich die angemessene Entlohnung der Künstler für die Bereitstellung ihres geistigen Eigentums im Internet, also für die Downloads.
- Machen wir uns nichts vor oder besser noch: Fragen sie einmal ihre Kinder und deren Freunde, wie oft sie mit Hilfe von Napster Musikstücke getauscht respektive downgeloadet haben und ob sie bereit sind, für jeden Tausch oder Download auch zu bezahlen, und sie müssen erkennen, wie schwer sich die so genannte Peer-To-Peer-Technologie aus urheberrechtlicher oder lizenzrechtlicher Sicht überhaupt in den Griff bekommen lässt.
Dabei ist Napster nur der Anfang, da der Tausch von Daten über einen Zentralrechner mit einem Verzeichnis aller erhältlichen Titel läuft und somit das Auffinden illegal getauschter Musikstücke möglich ist. Weit komplizierter wird es bei Gnutella, das ähnlich einem Kettenbrief ohne zentralen Rechner funktioniert. Im Unterschied zu Gnutella ist das Freenet-System offensichtlich noch unverwundbarer, da hier Absender und Empfänger keinerlei Spuren hinterlassen. Das bedeutet, dass wir es hier mit musikinteressierten oder gar -begeisterten Zielgruppen zu tun haben, die keinerlei Unrechtsbewusstsein aufweisen und deren Preisbereitschaft sehr gering ausgeprägt ist.
- Phonographische Wirtschaft, Verwertungsgesellschaften, aber auch Musikverlage waren in der Zwischenzeit nicht untätig, was den Schutz des Urheberrechts oder auch die Vergütung von Leistungen betrifft.
a) Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg ließ eigens die so genannte „elektronische Grenzbeschlagnahme“ namens RPS, was für Rights Protection System steht, entwickeln. RPS ist ein technisches System, das gezielt den Zugriff auf einzelne Netz-Adressen auf Objektebene, also etwa zu einzelnen MP3-Songs mit unerlaubt angebotenen Inhalten, unterbindet. b) Die deutsche GEMA, spanische SGAE, italienische SIAE, französische SACEM und amerikanische BMI haben mit der Gründung von Fast Track, einem supranationalen Zusammenschluss, den ersten und entscheidenden Schritt zur globalen Rechteverwaltung im Online-Bereich getan.
c) Die meisten meiner Musikverleger-Kollegen sind sich längst darin einig, dass sich auch die Rolle der Verlage verändern muss, um ihre Existenz zu sichern. War in der Vergangenheit die Herstellung der Noten ein wichtiger Aspekt, so muss zukünftig vor allem Promotion, das Schaffen von Kontakten im In- und Ausland, das Akquirieren von Aufführungsmöglichkeiten und der attraktive Auftritt im Internet vorrangiges Gebot sein. Neue Wege wie etwa „publishing on demand“ oder auch Downloads sind dabei denkbare Optionen.
FAZIT: Die Konsequenz meiner Ausführungen lautet schlicht und ergreifend: Nur gemeinsam sind wir stark. Alle, aber auch wirklich alle Marktteilnehmer – Musiker ebenso wie Label, Verlage, Plattenfirmen und Verwertungsgesellschaften – müssen ein eminentes Interesse daran haben, dass einerseits Musik jedweder Couleur in seiner gesamten Breite und Tiefe in digitalisierter Form im Netz angeboten wird und zugleich alle an einem gemeinsamen Strang ziehen, um schon bald illegale Downloads, die zu unser aller Lasten gehen, weitestgehend zu vereiteln. Nur durch deutliche Steigerung der Attraktivität und Größe des Angebots bei gleichzeitiger Implementierung von Kontroll- und Vergütungsmodellen lassen sich mittelfristig Geschäfte mit dem Internet überhaupt realisieren.
Welches Geschäftsmodell schließlich bestehen wird, entscheidet am Ende der User. Anders sieht es für Klein- und Kleinstanbieter aus: Musiker, Label, Verlage oder auch Independent Companies haben die erstmals kostengünstige Möglichkeit, sich und ihre Produkte einer großen, weltweiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das Internet als globale Promotion- und Marketingplattform wird auf Dauer immer wichtiger und wahrscheinlich schon bald dazu führen, dass Künstler ihre Verträge splitten. Für Herstellung und Vertrieb im traditionellen Sinn sind bespielsweise weiterhin die Majors zuständig, während Promotion und Marketing Zug um Zug ins Internet, auf die jeweilige eigene Homepage, verlagert und damit dem Einflussbereich der Firmen entzogen werden.





