MUSIKWoche: Die PopNet-Aktie war beim Start 70-fach überzeichnet – was macht dieses Unternehmen so interessant?
Edmund Marcinowski: Bei der PopNet Internet AG stimmen zum einen die fundamentalen Daten, und, was genauso wichtig ist, PopNet hat sehr gute Strukturen und Produkte, ein exzellentes Management und hochqualifizierte Mitarbeiter. Darüber hinaus ist mit der PopNet Internet AG eine Gruppe von Internet-Unternehmen an den neuen Markt gegangen, die in ihrer Konstruktion einzigartig sind. Die drei operativen Einheiten PopNet Kommunikation als Dienstleister, PopNet Agentscape als Software-Entwickler und PopNet Crossmedia als Verlag im Online- und Printbereich versprechen mehrdimensionale Wachstumschancen in den jeweiligen Geschäftsfeldern, sowie erhebliche Synergiepotentiale. Das alles ist attraktiv für den Anleger.
Wolf-D. Gramatke: Ich habe die Entwicklung von PopNet seit der Gründung mit großem Interesse verfolgt. Das Unternehmen hat sich innerhalb kürzester Zeit am Online-Markt bewährt und ist rasant und trotzdem solide gewachsen. Das ist offenbar kein Geheimnis geblieben, weshalb die Aktie überzeichnet war.
MW: Wie würden Sie die Ziele von PopNet möglichst knapp beschreiben?
Marcinowski: PopNet macht das Internet einfacher. Wir schaffen Orientierung in der immer komplexer werdenden Internetwelt. Wir wollen mit unseren Entwicklungen immer an der Spitze stehen und über kontinuierliche Wachstumsstrategien unsere Handlungsmöglichkeiten ausbauen, also wachsen, wachsen, wachsen… Wir wollen der größte Konzern werden, unabhängig von den Amis. Und ich glaube, wir sind besser als die Amerikaner.
Gramatke: Das ist eine schöne Zielsetzung. PopNet wird die Chancen sicherlich nutzen, die die neuen Medien bieten, sowohl strategisch als auch operational. Die Aktiengesellschaft hat das Management und die Organisation, um die Zukunft in diesem Medienumfeld zu gestalten. Deswegen habe ich auch keinen Zweifel, dass sich PopNet als einer der Top-Player am Markt etablieren und damit Werte für die Zukunft, aber vor allem auch Shareholder-Value, schaffen wird.
MW: Wie geht es nach dem Börsengang weiter? Was sind die nächsten Schritte der PopNet AG?
Marcinowski: Der Börsengang der PopNet Internet AG verschafft uns natürlich die Mittel, um die anvisierten Ziele wie Expansion im In- und Ausland, Gründung neuer Unternehmen, Ausbau der Synergieeffekte zwischen den Unternehmen und Anbindung eines hochqualifizierten Personals zu erreichen.
MW: Wie sah die PopNet-Bilanz für 1999 aus, welche Gewinn- und Verlusterwartungen haben Sie für 2000?
Marcinowski: Nach 11 Millionen Mark im Jahr 1999 erwarten wir für dieses Jahr einen konsolidierten Umsatz von 24 Millionen Mark, im Jahr 2001 soll der Umsatz bei 44,5 Millionen Mark liegen und der Break-Even-Point erreicht werden.
MW: Welche Beziehung hat PopNet zur Musikbranche? Wie kam es zum Kontakt mit Universal?
Marcinowski: Ich war Gründer der Zeitschrift „Prinz“ und deren langjähriger Herausgeber. So entstanden nicht nur persönliche Beziehungen zur Musikindustrie. Ich konnte auch profunde Kenntnisse der Marktmechanismen erwerben. Technische, mediale und kulturelle Veränderungen innerhalb der letzten 20 Jahre habe ich hautnah miterlebt. Insofern besteht der Kontakt zu Universal seit Jahren. Bei der Berufung von Wolf-D. Gramatke in den Aufsichtsrat der PopNet Internet AG stand jedoch in erster Linie die Person oder besser „Persönlichkeit Gramatke“ im Vordergrund, nicht Universal.
MW: Was bewog Wolf-D. Gramatke dazu, bei PopNet einen Aufsichtsrats-Posten anzunehmen?
Gramatke: Edmund und ich kennen uns eigentlich schon sehr lange noch aus der Prinz-Zeit. Ich glaube, ich war einer der ersten, denen er ein paar seiner Ideen im Scribble-Stadium vorgestellt hat. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon erkannt, dass unternehmerischer Geist dahinter steckt. PopNet ist heute eines der attraktivsten Unternehmen im Multimediageschäft das ich kenne, und hat verdammt gute Wachstumschancen. Im Aufsichtsrat zu sitzen, an der Entwicklung des Unternehmens mitzuwirken und es gemeinsam in eine erfolgreiche Zukunft zu führen, ist eine spannende Aufgabe.
MW: Welche andere Plattenfirma, die sich mit dem Internet befasst, käme als strategischer Partner in Frage?
Gramatke: An dieser Stelle möchte ich das auch noch einmal deutlich machen: Ich sitze hier nicht für Universal Music, ich sitze hier als Wolf-D. Gramatke. Universal und PopNet haben heute nichts miteinander zu tun. Es gibt keine Beziehungen. Ob sie sich in der Zukunft mal ergeben, was ich hoffe, ist eine andere Geschichte. Neben PopNet gibt es auch noch andere Internet-Firmen, die für uns interessant sein können. Aber strategische Partner suchen wir eigentlich mehr im internationalen Bereich. Im Nationalen können Partnerschaften immer dort erfolgreich sein, wo man sich auf das nationale Geschäft konzentrieren kann. Insofern ist alles offen.
Marcinowski: Wir sind weder Teilhaber von Universal, noch wollen wir es werden. Wenn wir etwas für die Musikindustrie entwerfen, entwickeln wir etwas Eigenständiges, eine ganzheitliche Lösung. Da können auch andere Unternehmen strategische Partner sein. Es wäre auch fatal, wenn es heißen würde, Universal kauft sich in PopNet ein oder…
Gramatke:… umgekehrt.
MW: Wie beurteilen Sie die Lage der deutschen Musikindustrie bezüglich der Entwicklung des Internets; hinken die Plattenfirmen hinterher, sind sie zu vorsichtig?
Marcinowksi: Hinterherhinken würde ich es nicht nennen, die Musikindustrie kennt nur noch kein eindeutiges Ziel. Sie weiß, dass sie vor einem gewaltigen Transformationsprozess steht, da das Internet die Zuordnung von Leistung zwischen Sender und Empfänger oder zwischen Produzent und Konsument aufhebt. Deshalb drängen Online-Unternehmen in die Bereiche vor, die bisher noch als Hoheitsgebiete der Musikindustrie angesehen wurden. Eine zufriedenstellende Lösung wird es dann geben, wenn beide Seiten gemeinsam Ziele und Lösungen anstreben. Die Begriffe Musik, Musikstück, Musikkultur und Entertainment lassen sich nicht mehr kategorisieren, wie das zur Zeit noch durch Suchmaschinen erfolgt. Musik als Kulturprodukt ist komplex und wandelt sich ständig durch neues Konsumverhalten, und das wird durch die Internet-Technologie ermöglicht. Sie verändert sich ständig, so verändert sich ständig der Markt. So sind Lösungen in der Konvergenz der Branchen und auch immer in einem dynamischen Prozeß zu finden.
Gramatke: Ich sehe das leicht anders. Edmund blickt hier doch sehr stark in die Zukunft. Die Diskussion ums Internet wird aus meiner Sicht zu sehr im Sinne geführt: „Löst Internet sozusagen den physischen Bereich so schnell ab?“. Daran glaube ich nicht. Wir müssen das Internet ernst nehmen, das Netz bietet exzellente Chancen für die Musik und hat auch bestimmt heute schon einen erheblichen Einfluss auf die Bereiche der Wertschöpfungskette bei Musikaufnahmen. Was macht man mit dem Video, wie geht man ans Netz, wie macht man Promotion? In diesem Gebiet spielt das Internet bereits eine Rolle, aber eher im Bereich von Promotion und Marketing, und löst derzeit eher Kosten aus, als dass Einnahmen generiert werden.
MW: Hat die Musikindustrie das Internet verschlafen?
Gramatke: Nein, wir erkannten das Potenzial frühzeitig, vor allem der Universal-Konzern, ehemals Polygram. Wir brachten bereits 1995 die Website der Firma Motor Music ins Netz, eine der ersten Musik-Seiten, die heute noch hohe Klickzahlen vorweisen kann. Wir forcierten 1997 mit der Telekom als Industriepartner den ersten nicht-physischen Musikvertrieb in Form von Musikdownloads. Über den Erfolg kann man geteilter Meinung sein. Unsere Fragen sind: Auf welcher Preisbasis siedeln wir Downloads an? Wollen wir im Wettbewerb zum physischen Handel stehen oder nicht? Die Musikindustrie ist viel komplexer als viele glauben. Es gilt, die Komponisten einzubeziehen, wenn man über Internet redet, über die Texter, Künstler und Verlage. Alle muss man an den Tisch bekommen um mit ihnen die Voraussetzungen planen. Und man muss den Sicherheitsaspekt in irgendeiner Form in den Griff kriegen. Was immer häufig vergessen wird: In der heutigen Welt, in der physischen Welt, wird Musik territorial vermarktet. Das Internet ist global. Das ist die größte Herausforderung. Wie schaffen wir das? Die Musikindustrie muß da noch einen Weg finden. Die Filmindustrie hat für DVDs vermeintlich einen geschafft mit diesen unterschiedlichen Chips für unterschiedliche Ländergrenzen, aber jetzt passiert schon folgendes: Die Chips lassen sich in Hongkong per Bestellung sofort austauschen. Und was passiert? Jetzt gibt’s das erste Mal übrigens auch schon einen Film, der gleichzeitig in den USA und im Rest der Welt veröffentlicht wird. Solche Dinge werden in der Zukunft auch passieren.
MW: In der Presseerklärung zum Börsengang erwähnt Edmund Marcinowski, dass die Zukunft der Musikbranche in Online-Musiksystemen liegt. Entwickelt etwa Universal zusammen mit PopNet ein solches?
Gramatke: Nochmal: Es gibt keine Beziehung zwischen Universal und PopNet. Im Moment steht so ein System nicht zur Diskussion. Was für die Musik gilt, ich meine den Unterschied zwischen territorialen und globalen Belangen – hat auch für Strategien seine Richtigkeit. Wenn das Internet schon global ist, dann müssen wir als kanadisch-amerikanisches Unternehmen akzeptieren, daß Strategien in erster Linie international gedacht und eher territorial exekutiert werden als umgekehrt. Das muss man einfach mal so sehen, und deswegen wird, wenn es um strategische Ausrichtung geht, in erster Linie in den USA gedacht, natürlich unter Beteiligung der territoritalen Geschäftsführer. Wir reden auch hier wieder nur über Downloads, obwohl diese in den nächsten Jahren sicherlich erheblich an Bedeutung gewinnen, vor allen Dingen im Single-Bereich und sicherlich auch im Einzeltrack für Compilations. Für Alben oder One-Artist-Alben glaube ich das allerdings nicht. Es wird immer Menschen geben, die etwas sammeln wollen – Leute, die nach wie vor in einen Laden gehen und sich umschauen. Und das wird in den neuen Einkaufsstätten stattfinden. Mit viel Beratung, in einer freundlichen Atmosphäre. Das kann mir auch das Internet nicht abnehmen. Wenn wir über Internet reden, reden wir nicht nur über Download, sondern eigentlich darüber, dass das Internet eine Brücke bauen muss zwischen Print, Radio, TV und der mobilen Kommunikation. Das ist äußerst wichtig. Nur dann kriegen wir die Zukunft in den Griff.
Marcinowski: Das Internet ist eine Vernetzung, mehr nicht.
Gramatke: Ja.
Marcinowski: Wir müssen anfangen, technisch zu denken. Die Effizienz im Internet muß bewerkstelligt werden, dann sind alle möglichen Formen denkbar. Man darf das Internet nicht ausschließlich als Informationsmedium begreifen.
Gramatke: Es ist eine Plattform.
MW: Eignet sich Musik als Element, um den Verkauf von Waren zu unterstützen?
Gramatke: Musik berührt Menschen emotional. Mit Musik kann man alles verkaufen, weil man eben irgendwo eine emotionale Klammer hat. Die ersten PCs, die noch kein Soundsystem hatten – war das furchtbar, ich kann mir das heute gar nicht mehr vorstellen. Wenn ich heute meinen Rechner einschalte und höre dieses „Bling“ nicht, dann sage ich: „Ja was ist denn mit meinem PC los?“
MW: Musik schafft eine emotionale Veranlagung…
Gramatke: Ja, eine Bindung, und das ist eigentlich das Wichtigste dabei. Das kann man über das Internet leisten. Man kann Leute emotional ansprechen und ihnen natürlich auch etwas verkaufen. Das ist ja eigentlich das, was immer falsch dargestellt wird, so nach dem Motto, dass wir Musik im Netz verhindern wollten. Das ist Blödsinn. Nur: Wir wollen dafür Geld, oder einen anderen Gegenwert haben.
Marcinowski: Den Markt habt ihr euch selber verdorben. Wenn ich z.B. in eine Kneipe gehe, habe ich das Bewusstsein, Musik ist umsonst – im Laden zahle ich dagegen 30 Mark, mit Glück 26 Mark. Als sich dann auch noch herausstellte, dass man für 1,50 Mark eine Raubkopie machen kann, war der Aufschrei laut: „Das sind Betrüger, die haben uns ja jahrelang ausgenommen.“ Da ist auch in der Vergangenheit sicherlich irgendetwas schiefgelaufen, was vielleicht auch mit dem öffentlich-rechtlichen System der Rundfunkgebühren zu tun hat. Die hat ja auch lange Zeit niemand gezahlt.
Gramatke: Die Leute kaufen den Rohling für eine Mark und sagen, das andere kostet ja sowieso nichts. Die Eltern bezahlen die Radio- und Fernsehgebühren, und ansonsten scheint Musik immer kostenlos zu sein. Das ist wirklich ein großes Problem. Und diese Preisfindung ist in Deutschland ja schwieriger als in jedem anderen uns umgebenden Land. Wenn wir jetzt einen Preis hätten wie in Frankreich, mit einer gewissen Untergrenze, die man nicht unterschreiten darf – da hätte ich wenigstens einen Eckpunkt. In Deutschland geht das nicht. Wie soll ich jetzt bei der Telekom oder im Online-Bereich einen Preis festlegen, wenn Platten unterschiedliche Preise haben: bei Saturn 19,90 Mark bis 29,90 Mark, eigentlich müßte die CD aber 36,90 Mark oder 40 Mark kosten. Wo finde ich jetzt meinen Preis? Der Verbraucher lehnt so Downloads ab und sagt: „Nein, dann kaufe ich doch lieber die physische Platte bei Saturn oder sogar Mailorder kriege ich sie bei CD-Now mit 30 Prozent Rabatt, warum muß ich mir das Ding runterladen?“ Den Preis zu finden, der es attraktiv macht für den Verbraucher, das schaffen wir nicht. Musik wird wieder als Lockartikel genommen, als „Türöffner“, um anderes zu verkaufen. Sie verscherbeln die Musik, um danach die Leute auf ihrer Site zu lassen und dann vielleicht auch mal ein Elektrogerät zu verkaufen.
MW: Liegt das Problem nicht daran, dass die Plattenfirmen nicht vermitteln können, dass Musik nicht kostenlos ist?
Gramatke: Das ist richtig. Wenn selbst einige gestandene Manager der Medienlandschaft der Meinung sind, Musikvideos müssten kostenlos sein, nur weil Radio angeblich auch nichts kostet, dann haben wir ein großes Problem in der Aufklärung. Ich biete in solchen Fällen immer gerne Nachhilfestunden über die Grundlagen des Musik-Business an…
MW: Wird es für die Plattenfirmen nebensächlich, woher sich die Einnahmen generieren?
Gramatke: Die einzige Lösung wird wahrscheinlich sein, dass man andere Einnahmequellen erschließt. Nehmen wir mal an, Siemens entscheidet sich, die Tophits von Universal Music per WAP-Protokoll kostenlos als Service auf die Handies zu spielen. Wenn das Unternehmen mir das bezahlt, warum nicht? Liefere ich damit etwa wieder einen Grund zu sagen: „Ihr seid ja selbst schuld, weil für den Verbraucher wieder der Eindruck entsteht, dass Musik kostenlos ist?“ Wahrscheinlich, wahrscheinlich, aber kann ich es noch ändern? Ich sehe da fast keine anderen Möglichkeiten.
MW: Wenn wir da an die Reaktionen auf die Aktion „Copy kills music“ denken…
Gramatke: Gehen Sie doch mal auf die Site, was die Kids da anfordern, das ist schon…
MW: Das ist erschreckend.
Gramatke: Eben. Ich kann jedem empfehlen, sich anzuschauen, was auf der Website von „Copy Kills Music“ geschrieben wird. „Ihr fetten Ärsche“ und „macht Euch die Taschen voll“ ist noch das harmloseste.
MW: Wie will PopNet die Musikbranche voran bringen?
Marcinowski: PopNet Agentscape, eines unserer Unternehmen der PopNet-Gruppe, entwickelt die Software Si.Mon. Der Name steht für Social Intelligent Match & Organizing Netware. Was dahinter steht: mit dieser Software wird es möglich, in der unüberschaubaren Datenwelt des Internets Angebot und Nachfrage zusammenzuführen. Vorbei sind die Zeiten eines genügsamen Online Publikums. Die neuen Benutzer des Internets sind ungeduldig, sie wollen einfach und unkompliziert an die Points of Information, Service und Entertainment gelangen. Der Nutzen für die Musikbranche? Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf – aber eines ist sicher, mit dieser Software sind immense Potenziale gerade für diese Branche denkbar und daran werden wir arbeiten.
Gramatke: Wir brauchen die Verbindung zwischen „Wo suche ich etwas, wo finde ich etwas und wie biete ich es an?“. Bisher gibt es nur: „Ich finde etwas – oder ich suche etwas“.
Marcinowski: Der Kunde muss das aber spielerisch begreifen… MW: Welchen Rat würden Sie den Kollegen von Time Warner EMI vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Erfahrungen mit Universal für den Vollzug ihrer Fusion auf den Weg geben?
Gramatke: Ich bin ja eigentlich niemand, der gerne Ratschläge gibt, wie man weiß, aber einen würde ich doch geben: „Make it fast.“ Den Rest wissen die Herren dann schon selbst.
MW: Kauft Bertelsmann im Gegenzug Universal Music oder nicht?
Gramatke: Wenn ich das wüsste. Ich kann es mir nicht vorstellen, schon allein aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht. Universal ist einfach zu groß. Aber es kann andere Möglichkeiten geben. Bei der Kooperation in Sachen Get Music haben wir es gezeigt. Universal hat eine ganze Menge vor. Ich weiß nur, daß Edgar Bronfman die Bedeutung des Contents für die Zukunft des Entertainment-Geschäfts sehr früh begriffen hat. Und er hatte recht. Er hat das Unternehmen für 10,6 Milliarden Dollar gekauft, und heute ist es 18 Milliarden oder 20 Milliarden wert. Und das soll er freiwillig aufgeben? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Der Mann hat schließlich eine ganze Menge aufs Spiel gesetzt, auch seiner Familie gegenüber.
MW: Es ist ja immer die Frage, macht es noch Spaß?
Gramatke: Den Eindruck habe ich. Ihm macht das noch Spaß.
MW: Ein interessantes Thema in Deutschland ist das Chartradio von Media Control, das im Internet aktuelle Songs in voller Länge spielt. Wie wird sich das Projekt entwickeln?
Gramatke: Die Industrie hat ja immer davon geträumt, daß es ein Radio gibt, das nicht nur Oldies spielt, oder nicht nur das, was gehört werden muss, sondern auch ein paar andere Dinge. Und das bietet sich hier das erste Mal, Herrn Kögel kennen wir als vertrauenswürdigen Partner. Da gibt es dann möglicherweise auch Kooperationsmodelle über ein reines Promotion-Pegel hinaus. In erster Linie ist das natürlich im Moment tatsächlich Promotion, Kommunikation mit dem Verbraucher, Datensammeln. Wir sind ja ganz dicht am Verbraucher dran, wir kennen ihn sozusagen. Unsere Zukunft wird bestimmt von unserem Auftreten im Netz. Und das ist hier die Möglichkeit, mit dem Verbraucher direkt zu kommunizieren, ihn zu erkennen und ihm Angebote zu machen, seine Affinitäten sozusagen ganz klar zu erkennen. Das heißt, wir müssen Datensammler werden, vielmehr als wir es früher waren. Wir müssen Daten sammeln, wir müssen sie selektieren können und wir müssen sie vertrauensvoll verwenden. Das ist unsere Zukunft. Wenn wir das haben, das macht auch die neue Dimension einer Record-Company aus oder eines Entertainment-Unternehmens, nämlich, über Daten zu verfügen, die niemand anders hat.
Marcinowski: Das sind dann die Schätze, die ihr besitzt.
Gramatke: Aber man muß mit diesen Dingen sehr delikat und vorsichtig umgehen, nicht nur aus der rechtlichen Situation. Wenn man einen Verbraucher falsch anspricht, dann verweigert er sich, dann macht er nicht mehr mit. Dann meldet er sich mit falschem Namen an, so wie ich das auch in verschiedener Zeit schon gemacht habe.
Marcinowski: Das ist ja gar nicht schlimm, wenn man es bewußt macht. Man kann sich ja selber nochmal schaffen im Netz, wenn man sich auf einer Internet-Seite mit verschiedenen Namen anmeldet. Das finde ich fantastisch.
Gramatke: Ich habe das selber schon dreimal gemacht. Nur bei „Gott“ haben sie abgelehnt.
MW: Darf Universal für Chartradio.de automatisch die Songs für das Internet freigeben, oder gibt es da gesonderte Vereinbarungen? Theoretisch ist das ja ein neues Medium.
Gramatke: Das behandeln wir wie Radio. Aber im Moment sind eigentlich alle unsere Künstler dafür. Solange kein Geld fließt, ist das okay.





