Petra Husemann-Renner zur Zukunft von Motor Music

Mit Tim Renner arbeitete sie schon lange vor der Motor-Gründung 1994 erfolgreich zusammen. Als Geschäfts-führerin der Universal-Repertoire-Gesellschaft Motor Music übernahm sie am 1. Januar nun seine Nachfolge bei der Leitung einer überaus erfolgreichen Firma. MUSIKWoche wollte von Petra Husemann-Renner wissen, was sich denn jetzt alles ändert.

MUSIKWoche: Beginnt für Motor Music unter dem Dach von Universal eine neue Ära?

Petra Husemann-Renner: Ich denke nicht. Natürlich gibt es Veränderungen, die empfinde ich aber durchaus als sehr positiv.

MW: Anders gefragt – bricht mit Petra Husemann-Renner als Motor-Chefin eine neue Ära an?

Husemann: Motor Music muß man nicht neu erfinden. Motor wurde von Tim Renner und anderen gegründet, die für hehre Ziele wie Offenheit, Künstlernähe sowie unhierarchisches Teamwork standen. Und da ich von Anfang an dabei war, ist das immer auch meine Philosophie gewesen, wie man eine Firma führen sollte. Ich will in dieser Hinsicht also nichts ändern, sondern den Motor-Spirit zu erhalten und zu festigen versuchen.

MW: Das Urban-Label geht wegen der Umstrukturierung zu Universal. Ändert sich jetzt das inhaltliche Profil bei Motor?

Husemann: Das tut es. In den meisten Ländern wurde im Zuge der Fusion mindestens eine Repertoire-Firma aufgelöst; in Deutschland konnten unser Chairman Wolf-D. Gramatke und der Musikpräsident vier Firmen erhalten. Sie haben klargemacht, daß diese Firmen effizienter arbeiten, wenn sie sich in spezialisierten Repertoire-Segmenten bewegen. Motor hat bislang in zwei Sparten gearbeitet – gemäß der Philosophie „aus der Nische in den Pop-Himmel“. Das war zum einen die Alternative-Rock-Schiene mit Philip Boa, Element Of Crime und Tocotronic, mit der wir angefangen haben. Auf der anderen Seite hatten wir immer eine Affinität zur Dance-Szene, begründet im frühen Signing von Low Spirit. Und mit Urban sind wir Marktführer im Dance-Bereich. Doch das paßt nicht mehr zur neuen Philosophie der spezialisierten Repertoire-Firmen. So war es logisch, daß Urban zur Universal geht, die zukünftig in diesem Segment arbeitet.

MW: Und Motor konzentriert sich auf Progressive Rock?

Husemann: Richtig. Motor bleibt im Profil das, was schon bisher auf dem eigentlichen Motor-Label erschienen ist, und veröffentlicht Acts von Element Of Crime bis Rammstein – also alles, was sich im Rock-Bereich zunächst in Nischen und Fan-Klientels bewegt hat. Wie groß solche Bands werden können, zeigt Rammstein.

MW: Wird Motor damit kleiner?

Husemann: Bei der Repertoire-Ausrichtung wird Motor begrenzter. Wegfallen wird der neuen Philosophie und Struktur entsprechend nicht nur Urban, sondern leider auch der Jazz. Doch das gleicht sich aus – durch zusätzliche internationale Kataloge, die aufregendes Repertoire zu bieten haben. Motor Music wird also vom Output her nicht kleiner, sondern von der Geschäftsgröße und vom Umsatz her ungefähr gleich groß bleiben.

MW: Welche Themen kommen von anderen Repertoire-Firmen dazu?

Husemann: Der gesamte Interscope-Katalog mit viel Industrial Metal, einem starken Black-Anteil sowie mit hervorragenden Künstlern wie Manson, Blackstreet und Eminem. Motor übernimmt zudem das Geffen-Label (von Nirvana bis Bloodhound Gang), A&M (Bryan Adams, Sheryl Crow) sowie DreamWorks mit zahllosen Soundtracks.

MW: Wohin geht die Jazz-Abteilung?

Husemann: Zur Klassik. Unsere Jazz-Leute wollten schon immer nicht nur den typischen Jazz-Konsumenten bedienen. Mit dieser Haltung können sie in der Klassik aufregende Sachen bewirken.

MW: Ist das nicht alles auch sehr bedauerlich?

Husemann: Sicher. Daß die Jazz-Kollegen jetzt weg sind, ist sehr schade. Doch aus konzernpolitischer Sicht ist es verständlich. Und ich glaube an das neue Konzept, weil es effizienter ist. Teamwork wird auch in Zukunft auf allen Ebenen extrem wichtig sein, zumal der Wettbewerb immer härter wird. Die neue Universal-Gruppe ist der erste Konzern, der für die Zukunft gut gewappnet ist.

MW: Wieviele Stellen mußten bei Motor eingespart werden?

Husemann: Das ist nicht einfach zu sagen, weil ja hin- und hergeschoben wurde. Wenn man alle Repertoire-Gesellschaften in diesem Bereich zusammen betrachtet, wurden nicht einmal 15 Stellen eingespart.

MW: Bestand irgendwann in den letzten neun oder zehn Monaten auch einmal die Gefahr, daß es Motor Music vielleicht nicht mehr geben würde?

„Für Künstler ist Motor sehr attraktiv“

Husemann: Das kann ich nicht sagen, so eng kenne ich Edgar Bronfman nicht (lacht). Bei unserem neuen Musikpräsidenten Tim Renner stand es aber nie außer Frage, daß Motor erhalten bleiben muß. Marken zu etablieren, kostet in der Regel immer Geld, doch PolyGram hat bei der Etablierung von Motor sogar noch verdient. Aber das ist sicher nicht ausschlaggebend. Urban und Motor sind in ihren Genre-Bereichen sehr starke Marken, die für Künstler äußerst attraktiv sind. Warum sollte man also diese Brands aufgeben?

MW: Was ist denn das Besondere an Motor Music?

Husemann: Unsere spezielle Produktphilosophie und unsere Leute, die aus dem Indie-Bereich kommen. Die Motor-Philosophie bestand schon immer darin, nie etwas zu machen, das es schon gibt. Wir achten auf Eigenständigkeit – und unseren Acts hört man an, daß sie aus Deutschland kommen. Das hat überhaupt nichts mit Deutschtümelei zu tun, sondern mit einem bestimmten deutschen Charakter, ob wir nun von Tocotronic reden oder von Element Of Crime…

MW:… oder von Rammstein…

Husemann: Bei Rammstein kann dieses deutsche Element natürlich schräg rüberkommen und mißverstanden werden, aber es ist in keiner Weise so gemeint. Denn Motor ist auch ein extrem politisch korrektes, ein PC-Label. Wir haben immer versucht, die Indie-Szene nicht aufzukaufen, sondern sie fair zu beteiligen und den Künstlern eine Heimat zu bieten. Zu manchen Künstlern ist unser Verhältnis fast schon familiär. Nach all den Jahren ist man eben befreundet.

MW: Sie sind die erste Geschäftsführerin einer Plattenfirma in Deutschland…

Husemann: Ich glaube, das stimmt.

MW: Hat es Ihr Leben verändert?

Husemann: Nein.

MW: Wird es das tun?

Husemann: Ich hoffe nicht. Wenn das der Fall sein sollte und falls jemand darunter leidet, wie etwa meine Tochter, würde ich das Ganze noch einmal überdenken. Aber ich habe auch schon vorher eine relativ große Abteilung geleitet, mit bis zu zehn Mitarbeitern. Ich habe zahlreiche Dinge, die man auch abends am Computer erledigen kann, nach Hause verlagert. Wenn meine Tochter schläft, spricht ja nichts dagegen, ein Marketingkonzept zu überdenken, Post zu erledigen oder E-Mails zu schreiben. Viktoria wollte übrigens schon zu ihrem ersten Geburtstag ein Telefon und einen Computer haben. Sie ist damit aufgewachsen.

MW: Wie alt ist Viktoria jetzt?

Husemann: Heuer wird sie sieben.

MW: Wird die Doppelbelastung jetzt nicht trotzdem ziemlich groß für Sie?

Husemann: Der Teamgeist bei Motor Music ermöglicht es, daß auch eine Mutter eine solche Position innehaben kann. Wenn wir eine hierarchisch organisierte Firma wären, würde es sicher nicht funktionieren. Der Sprung zur Motor- Geschäftsführerin bedeutet zwar noch größere Verantwortung. Entlastet werde ich aber insofern, als ich das Produktmanagement nicht mehr selbst mache.

MW: Sehen Sie Ihre Tochter denn oft genug?

Husemann: Ja – meist.

MW: Und wie oft sehen Sie Tim Renner?

Husemann: Viel seltener als meine Tochter. Viktoria geht für ein Kind extrem spät ins Bett; jeden Abend spiele ich noch drei Stunden mit ihr. Wenn man abends kaputt und müde ist, sollte man mit den Kindern spielen. Das tut sehr gut. Jedenfalls bin ich danach extrem erholt und wieder offen für Musik.

MW: Und was ist mit Tim Renner?

Husemann: Den sehe ich zur Zeit fast überhaupt nicht. Er ist vielleicht zwei oder drei Abende in der Woche zu Hause, aber auch dann muß er häufig noch am Computer arbeiten. Ich denke, wenn man den Umbau des größten Musikkonzerns der Welt durchführt, ist das leider normal…

MW: Was war an fünf Jahren Motor das beste?

Husemann: Da war jedes Jahr sehr gut.

MW: Gab es eine Enttäuschung?

Husemann: Die gibt es in einem Job wie diesem immer. Ein bißchen blöd fand ich, daß es Zeiten gab, in denen wir einerseits sehr viel Erfolg hatten, in denen aber andererseits durch die detaillierte Kleinarbeit die Musik zu kurz kam. Da hatte man nicht einmal mehr Zeit, alle eigenen neuen Veröffentlichungen auf Motor anzuhören, geschweige denn, sich übergreifend mit Musik zu beschäftigen. Inzwischen hat sich das aber wieder zum besseren geändert.

MW: Was wird die größte Herausforderung für Motor in den nächsten fünf Jahren sein?

Husemann: Alles so hinzubekommen, daß trotz des großen internationalem Repertoire-Zuflusses der Motor-Spirit erhalten bleibt, daß man weiter engagiert und zielstrebig nach vorne geht und sich nicht auf den Vorlagen seiner internationalen Partner ausruht. Das ist mir persönlich ganz wichtig. Denn die nationalen Acts müssen wir weiterhin fördern. Wir müssen auch versuchen, Synergieeffekte zu erzeugen. Und wir dürfen nicht denken: Wir bekommen unser Geld eh aus Amerika, alles andere interessiert uns nicht.

MW: Redet Ihnen Tim Renner eigentlich viel ins Geschäft rein?

Husemann: Nein, ganz im Gegenteil. Das war auch nie sein Stil. Tim stellt eher Fragen, aber er gibt keine Anweisungen. Und selbst wenn er das wollte, ist er momentan so eingespannt, daß er es kaum könnte.