Nachgefragt bei Chris de Burgh

Seit 25 Jahren im Geschäft, hat Chris de Burgh seine eigenen, durchaus kontroversen Ansichten über das schnellebige Musicbiz, wie sich im Gespräch zeigte. „Quiet Revolution“ (Motor Music), das 17. Album des in Irland lebenden Sohnes britischer Eltern und Vaters von drei Kindern, steigt diese Woche auf Platz 6 der Charts ein. Ab dem 31. Oktober geht de Burgh dann auf Deutschlandtournee.

MUSIKWoche: Warum sind Sie so oft in Deutschland? Chris de Burgh: Hamburg und München sind meine Lieblingsstädte. Ich weiß nicht, was es ist, aber meine Beziehung zu Deutschland ist wie eine Liebesaffäre. Offensichtlich mögen die Deutschen meine Musik, und vielleicht mögen sie auch meine persönlichen Eigenschaften: daß ich keine Superstarallüren habe, daß ich ehrlich bin. Sie mögen eine gute Show, und ich zolle ihnen Respekt, ebenso wie sie mir.

MW: Ihr letztes Album mit neuem Material, „This Way Up“, erschien vor fünf Jahren. Wie lange brauchten Sie für die neue Platte? de Burgh: „This Way Up“ war das letzte Studioalbum. Danach kam „Beautiful Dreams“ mit drei neuen Songs, ebenso wie auf „Love Songs“. Viele Leute würden ihre Großmutter verkaufen, wenn sie die Chance hätten, ein Album aufzunehmen, das eventuell Millionen Menschen hören. Auch ich konnte und wollte diese Chance nicht länger ablehnen. Die Songs flogen mir dann einfach zu. Wir waren Ende Juli fertig. Das Abmischen dauerte ziemlich lang, die 15 Songs haben wir dann in nur sieben Wochen aufgenommen.

MW: Ihr erstes Album erschien 1975; „Quiet Revolution“ ist Nummer 17. Was hat sich die Jahre über im Musikbusines geändert? de Burgh: Es hat dramatische Veränderungen gegeben. In den Siebzigern waren die Plattenfirmen daran interessiert, Samen zu pflanzen, sie wachsen zu lassen und irgendwann die Ernte einzufahren. Es entwickelten sich großartige Songwriter wie The Carpenters, Sting oder Joan Armatrading. Und wenn ein Songwriter erst einmal etabliert war, konnte er seine Karriere so lange fortführen, wie er wollte. Ich bin jetzt ja schon 25 Jahre dabei.

MW: Und wie sieht das heute aus? de Burgh: Da bekommt man keinen solchen Vertrag mehr. Wenn du Glück hast, kannst du eine Single machen, mit etwas mehr Glück ein Album. Der Standpunkt der Plattenfirmen ist ein anderer geworden, sie wollen nur noch Schnellschüsse. Das Musikgeschäft hat sich komplett verändert. Ich wäre heute nicht in der Lage, das zu tun, was ich damals gemacht habe; ich müßte das Spiel der Plattenfirmen spielen. Früher ging es zuerst um die Musik und dann ums Geschäft. Heute ist es umgekehrt.

MW: Wie schätzen Sie Ihre persönliche musikalische Entwicklung ein, ist Ihre Musik über die Jahre relativ zeitlos geblieben? de Burgh: Ich wuchs mit der Musik von Bob Dylan und den Beatles auf. Und es ging uns darum, musikalische Diamanten wie in einer Mine zu finden. Die ersten, die suchten, waren die Beatles, Dylan, die Kinks und die Rolling Stones, und sie fanden die stärksten Melodien. Das ist der Grund, warum ihre Musik zeitlos ist. Einen Song zu schreiben, der einfach klingt, ist nämlich unwahrscheinlich schwer. Sie alle hatten diese natürliche Gabe, und sie mußten sich mit niemandem messen lassen. Heutzutage ist es fast unmöglich, etwas wirklich Neues mit einer Gitarre zu machen.

MW: Haben Sie je daran gedacht, ein Duett mit einer bekannten Kollegin wie Celine Dion oder Mariah Carey aufzunehmen? de Burgh: Celine Dion spielte mal im Vorprogramm meiner Tournee, als ich in Kanada war. Ich habe damals schon erkannt, was für eine gute Stimme sie hat. Genau wie Whitney Houston. Aber mir kommt es immer vor, als sängen die beiden um eine olympische Goldmedaille. Ich würde jedoch lieber mit jemandem singen, der mich bewegt. Jemand wie Diana Ross.

MW: Gibt es zu viele Computer in der Musik? de Burgh: Im neuen „Star Wars“-Film und auf dem Soundtrack finden Sie maximal eine Sekunde, in der es nicht kracht. Es passiert immer etwas; das stört und lenkt ab. Das war jedenfalls der größte Müll, den ich je im Kino gesehen habe.

MW: Welchen Rat haben Sie für Nachwuchsmusiker? de Burgh: Sie müssen sich Ziele setzen. Wollen sie regionale Größen sein? Oder berühmt in der ganzen Welt? Letzteres wird hart. Ich fing in einem kleinen Dorf mit 100 Einwohnern an – und heute bin ich auf der ganzen Welt bekannt. Das war jedoch mit vielen Enttäuschungen und Rückschlägen verbunden. Man sollte also Schläge einstecken können. Zweitens solltest du immer Leute um dich haben, die an dich glauben und denen du vertraust. Und drittens gilt: Wenn du dein Ziel gesteckt hast, mußt du sehen, wie du es erreichst. Es ist wie bei einem See, den du überqueren willst: Du mußt dir klar machen, wie du auf die andere Seite kommst. Ein Speedboat wäre wie die Hit-Eintagsfliege – aber richtige Songs sind wie Trittsteine, einer nach dem anderen. Es geht nicht um deine Haarfarbe oder um deine Schönheit, sondern um deine Lieder. Und ein wenig Talent hilft dabei natürlich auch.