Ich denke: Ja. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass sich die ehemals kreative A&R-Arbeit im Laufe der Jahre auf viele kleine und größere Labels, Produzenten und teils sogar Managements verlagert hat.
In der Major-Industrie selber gibt es jedoch, bis auf wenige Ausnahmen, kaum noch richtig gute, kreative A&R’s. Dies mag allerdings auch daran liegen, dass heutzutage ein A&R nicht selten bis zu 50 oder 60 Künstler pro Jahr zu betreuen hat. Und dies ist meiner Ansicht nach mit der ehemals gewohnten und notwendigen Kreativität kaum noch zu schaffen.“
Wolfgang Teschner PANTA Musik GmbH Künstlermanagement + TV-Produktion
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Ein ganz klares Ja ! Ich selbst als ehemaliger A&R kann dies wohl behaupten. Aber es liegt teilweise noch nicht einmal an den A&R-Kollegen selber, sondern auch an den Vorgaben der Chefetagen.
Mal abgesehen von den Container-Kollegen und der „Popstars“-Serie – alle Achtung, das war super gemacht liebe Kollegen Hellwig/Moslener – bekommt man doch heute kaum noch Künstler, die Potenzial haben, verdealt. Der Grund: die Aufbauarbeit dauert zu lange und ist zu teuer.
Aber auch die Herrn Grönemeyer und Westernhagen hätten wohl heute keine Chance mehr, eine so große Karriere zu starten, denn bei ihnen war ja nicht das erste oder zweite Album ein Kassenschlager. Wer bekommt denn heute noch die Chance, das zweite geschweige dritte Album zu machen, wenn das erste nicht funktioniert?
Überhaupt Album – da muss doch erst mal der Single-Hit her. Und wenn die zweite Single auch noch läuft, ja dann kann man ja über das Album reden, das ja sowieso optioniert ist, natürlich zu Anfänger-Lizenzen.
Lieber ’ne schnelle Dancemucke – ist ja auch ok – die ja dann auch manchmal in die Charts geht. Aber ein bis zwei Hits – und dann war’s das meistens.
Was ist dann der Backkatalog 2010 – immer noch Tina Turner/Joe Cocker/Westernhagen/Queen oder 100 Jahre Beatles??
Über den deutschen Schlagerbereich möchte ich mich gar nicht erst äußern. Es gibt ja nur noch ein paar Firmen, die offen für deutsche Schlager sind.
Man hat manchmal das Gefühl, dass einige Kollegen lieber nichts einkaufen, als einen Fehler zu machen. Zu 100 Prozent als A&R sicher zu sein – das ist ein Hit, das ist der Künstler – reichen heute nicht mehr aus. Heute braucht man eine Sicherheit von 150 Prozent.
Es ist schon witzig, wenn man das Büro betritt und hört als erstes: Also Boygroups, Mädels, HipHop, Pop brauchst du mir heute nicht anbieten, dass will Viva im Moment nicht? Viva, oder „wie – war“ es doch auch schön, ohne Viva.
Dann hört man „Künstler ok, Song ok, aber spielt der in einer Serie? Gibt es ein Video? Gibt es bereits Promotionaspekte? TV-Sendungen? Ist das ein Werbesong? Am besten, der Künstler wäre bereits in den Charts. Es gab mal einen Hit über die „Weißen Tauben“, heute warten alle auf die gebratenen Hähnchen, die einem eventuell aus einem Container zufliegen.
Früher war es die A&R-Arbeit, aus nichts einen Hit oder einen Star zu machen – der A&R musste die richtigen Zutaten finden – den gutausehenden, gutsingenden Typen – dazu die richtigen Titel und Produzenten, denn dann gab es ja noch den Produktmanager und die Promotionabteilung. Und dann wurde gearbeitet und mit Recht gefeiert, wenn diese Arbeit, mit den Charts oder zumindest mit guten Reaktionen belohnt wurde.
Sicher, die Zeiten haben sich geändert, es wurde viel Personal abgebaut, und da ist es irgendwie verständlich, dass jeder auf Nummer sicher geht. Aber manchmal ein bisschen mehr Mut und auch mehr Durchsetzungsvermögen bei den Vorgesetzten, wenn man an ein Thema glaubt, mehr dafür kämpfen, ein Thema zur Veröffentlichung zu bringen, das wäre mein Wunsch für einige A&R-Kollegen.
Gott sei Dank gibt es aber auch noch Kollegen, die ihr Handwerk können, aber auch oft von „oben“ gebremst werden. Also hier auch die Bitte an die oberen Etagen, ein bisschen mehr Mut zu zeigen.
Übrigens sollten sich die Kollegen mal Gedanken machen, wieviel Arbeit nicht nur in der Produktion sondern auch im Angebotsversand steckt, wenn man mal nicht eben nach München/Hamburg/Berlin fliegen kann. CD brennen, Covergestaltung, Anschreiben etc. – auch das kostet natürlich über das Jahr gesehen mehr als ’ne Pizza. Dann kommen die netten Briefe – don’t call us, we call you – wenn überhaupt was kommt. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.
Zum Schluss noch eine wahre Begebenheit, nach dem Motto: Soll man lachen oder weinen? Demo verschickt – nach sieben Monaten Antwort bekommen – die Absage war auch keine sieben Monate in der Post verschollen, sondern vom Vortag: nein danke, Schauspieler verkaufen nichts.
Dabei war dieser Titel inzwischen produziert und bei einer anderen Firma veröffentlicht. Das ist bisher ja auch nicht schlimm – aber dass der Titel zu diesem Zeitpunkt bereits auf Platz drei der Verkaufs-Charts stand, sollte einem zu denken geben.
Oder wenn nach einem Jahr fast auf den Tag eine Absage kommt, die kann man sich doch dann auch sparen.
Mit besten Grüßen Ralf Pisch Produzent/Verleger A&R Pisch Musicproduction
PS: und nicht jeder gute DJ ist auch ein guter A&R
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Meiner Meinung nach nicht nur ja, sondern definitiv! Die ständige Zirkulation der A&Rs in der Branche gibt ihnen kaum die Möglichkeit, unter dem wachsenden Leistungsdruck nach dem profitablen Erfolgsakt zu suchen, und neue potenzielle Acts, die einer längeren Aufbauphase bedürfen, vernünftig in das Geschäft einzuführen.
So kann man bei vielen A&Rs nur von einer Bewährungzeit sprechen. Oft scheitern Newcomer nach dieser harten Aufbauzeit auch an dem Wechsel des A&Rs, weil die Themen oft mit dem A&R gehen.
Hinzu kommt, dass sich nach meiner Erfahrung die „großen A&Rs“ immer weniger auf Experimente einlassen, sondern lieber nach dem Klonprinzip auf Erfolge hoffen, was heutzutage im Musikmassenklonen auch sehr oft scheitert. Die Erfolgreichen klammern sich dabei noch an alte Legenden-Seller, um damit noch rechtzeitig gewünschte Ziele erfüllen zu können.
Welcher A&R nimmt sich wirklich die Zeit, online den Markt zu erforschen und neue potenzielle Künstler aus der Menge der Angebote in den Newcomer-Websites wie Uptrax, Vitaminic, BeSonic oder mp3.de zu suchen, die von alleine gar nicht an die Firmen herantreten sondern „hochwertige Hitkompositionen“ nur zum Spaß online Ihren Freunden anbieten.
Hier verbirgt sich sicherlich noch eine Menge „goldenes“ Material, denn nie zuvor gab es so viele Möglichkeiten, die Stars von Morgen ohne großen Aufwand aufzuspüren. Es wird Zeit, dass mal richtig umgedacht oder gar besser aussortiert wird und frische Nebeneinsteiger als „Nichtvorbelastete“ im Markt aufräumen und neue Weg aufzeigen können.
All das mfg Axel Bessler Webgroove






