Am Samstag, den 5. Mai, präsentiert musikwoche.de von 11 bis 14 Uhr den Panel „netspot“, bei dem sich eine Expertenrunde mit der Zukunft der Musikvideos im Internet beschäftigt. Für die Konzeptions des Panels zeichnet Nils
Das Internet weckt derzeit nur noch eine verhaltene Aufbruchstimmung in der Kulturindustrie. Die Stimmung erinnert an die Atmosphäre bei der geplanten Ausfahrt einer gewaltigen Flotte. In den Werften werden grosse Transporter gebaut, die Hafenanlagen und Kanäle werden erweitert, Seekarten neu gezeichnet und es wird vor allen Dingen spekuliert, wann der grosse Aufbruch beginnt und wann mit der reichen Beute der einmal aufgebrochenen Flotte zu rechnen ist. Kundschafter, die bereits mit ersten Funden und Hinweisen auf Schätze zurückgekehrt sind, verspielen inzwischen ihr Guthaben und ihren Kredit in der „new economy“.
Dass grosse Veränderungen bevorstehen, und dass die new economy nur ein Vorspiel ist, das ist Konsens in der Kulturindustrie. Die Musikindustrie ist bereits nachhaltig durch Sharing- und Komprimierungs-Software im Internet erschüttert worden. Dadurch ist es fragwürdig geworden, wie geistiges und künstlerisches Eigentum im digitalen Zeitalter geschützt werden kann und vor allem Dingen für wen es geschützt wird, für die Künstler oder für die Industrie? Die Reizworte in der Musikindustrie heissen „Napster“ und „MP3“.
In der Film- und Fernsehindustrie wird die Gefahr, die den Namen „DIVX“ tragen kann, noch nicht öffentlich diskutiert. Mit einer Software ist zu rechnen, die gestattet, Hollywood-Filme aus dem Netz zu laden oder auf CDs zu kopieren. Die Codes der Bildplatten sind bereits geknackt und neue Datenleitungen werden von der Telekom und anderen Anbietern weltweit in Aussicht gestellt. Sie werden die Übermittlung von Bilddaten zu einem Bruchteil der gewohnten Zeit ermöglichen. Die Bedingungen des Aufbruchs werden also noch von der Infrastruktur der Anbieter von Übertragungsnetzen definiert.
Die Veranstaltung netspot diskutiert in dieser Situation mit fünf eingeladenen Gästen den Status von Musikvideos und Kurzfilmen im Netz. Projektleiter Rüdiger Hennecke stellt in Netspot eyedoo.de vor. eyedoo ist ein Portal, das mit Musikvideos und Serviceangeboten im Netz Alternativen zum Musik-Fernsehen auslotet. Auf die Zeit der freien Downloads von Musikprodukten war die Kulturindustrie schlecht vorbereitet.
Den Wandel der Musikszene durch Napster und MP3 und was die Filmindustrie daraus lernen kann, wird der Journalist Janko Röttgers schildern. Zu seinem Schwerpunktthema Musik im Netz veröffentlichte er im August 2000 das Buch „Netbeats – Musik im Internet“. Christopher Gersten stellt Planungen vor, die er bei Universal Music spekulativ entwirft, um zum Beispiel mit der Gründung eines Labels im Internet auf die sich verändernden Gewohnheiten und Rechtspraktiken von Konsumenten zu reagieren.
Monika Halkort ist eine freie Produzentin, die Konzepte für Filme und Sendungen im Internet entwickelt und die Rahmenbedingungen kritisch beleuchtet. Adam Hyde hat in Amsterdam das Festival „net.congestion“ veranstaltet, das unabhängige Sendeformen für Musik und Video im Internet präsentierte. Er wird das Spektrum der Möglichkeiten zur Produktion und Distribution von Musik und Film durch Streaming und Downloaden vorstellen.
Amsterdam ist ein Beispiel dafür, dass die Beteiligung von Künstlern und Hackern an infrastrukturellen Entwicklungen ökonomische Standortvorteile schafft. Künstlerische Alternativen zur Nutzung von Kurzfilmen im Internet müssen vor dem Hintergrund der kulturellen Kompetenz dringend diskutiert werden. Folgende Fragen ergeben sich: Ist derzeit ein Wandel des Musikvideos unter den technischen Bedingungen des Internets denkbar und wie können sich Produzenten und Filmemacher darauf einstellen? Wird das Internet die Rolle des Fernsehens übernehmen? Gibt es künstlerische Alternativen bei der Nutzung des Internets?
Eine mögliche Nutzungsform des Videos im Internet wird durch die Musikindustrie vorgezeichnet. Das Musikvideo schafft ästhetische Umgebungen und ist zugleich ein Weg zum Konsumenten, der sich im Internet Musik herunterlädt oder online bestellt. Clips und Kurzfilme können als Köder eingesetzt werden, um Konsumenten zu locken; Köder, für deren Herstellung die Produzenten im Internet weniger Mittel als die Werbeindustrie bereitstellen. Es sind Initiativen denkbar, die das Format „Netclip“ als Kunstform fördern wie dies z.B. durch den Kurzfilmwettbewerb bei arte geschehen ist.
Von Hackern sind die Autoren von Netzfilmen weit entfernt. Netzfilmer verwenden standardisierte Software und Programme. Hacker hingegen schreiben Programme selbst oder passen existierende Software ihren Bedürfnissen an. Diese Fähigkeit wird in der zukünftigen Entwicklung der europäischen Kulturlandschaft eine entscheidende Rolle spielen.
Denn vergleicht man die Entwicklung der atenkommunikation mit dem Entstehen einer neuen Sprache, dann verfügen die Autoren von Netzfilmen zwar über Ideen, aber nicht über eigene Stimmbänder und organische Werkzeuge, mit denen sie ihre Ideen ausdrücken und modulieren können. Ein Programmierer hingegen verfügt über eigene Stimmbänder und kann die Sprache mitgestalten.
Er ist – nach der Metaphorik des Datenmeers – in der Lage, ein Schiff so zu bauen, dass es mit den Widrigkeiten der Strömungen und Windverhältnisse auf dem Datenmeer auch dann zurecht kommt, wenn andere noch im Hafen auf den grossen Aufbruch warten oder bereits Schiffbruch erlitten haben und auf das Eintreffen von Seenotrettungskreuzern hoffen.




