MUSIKWoche-Umfrage zu psychologischen Preisen

CD-Preise jenseits der 30 Mark sind Standard im Tonträgerhandel. Aber was passiert hinter dem Komma? Ob 34,90 Mark oder 34,99 Mark – macht das etwas aus? MUSIKWoche rechnete nach und fragte einige Händler.

Ein gutgehendes Fachgeschäft verkauft etwa 500 Maxi- oder Longplay-CDs pro Tag, zu einem Preis, der auf 90 Pfennig endet. Die Rechnung ist einfach: Würde der Händler die Waren auf 99 Pfennig auszeichnen, hätte er jährlich gut 13.000 Mark mehr in der Kasse. Damit könnte er das Sommerloch überbrücken oder eine Aushilfe beschäftigen. MUSIKWoche fragte Händler, die nicht mit 99er-Preisen arbeiten: Wissen Sie, was Sie verschenken? Warum tun Sie das? Beeindruckt ist Dagmar Komarek, Inhaberin von Ingo’s Plattenkiste in Hamburg: „Das mit den Preisen ist richtig. Wir haben zumindest im Second-Hand-Bereich die CDs verteuert. Da kommt einiges zusammen.“ Klaus Uschmann, Filialleiter bei Elpi in Bochum, reagiert ebenfalls positiv: „Damit könnte man auch die Erhöhungen bei den Einkaufspreisen auffangen. Vor ein paar Jahren haben wir den Schritt von 90 auf 95 Pfennig aus ähnlichen Gründen gemacht, und die neue Zahl ist eine Überlegung wert..“ Nicht überzeugt zeigt sich dagegen Axel Mertink, Inhaber von Uli’s Musicland in Darmstadt: „Vom Geld, das wir verlieren, machen wir lieber keinen Urlaub. 90 klingt humaner..“ Ähnlich sieht Christa Henning in der Klassik-Abteilung bei Heini Weber in Kassel die Situation: „Wir wollen gerade im Klassik-Bereich glatte Preise machen. Die Eloquenz-Reihe etwa kostet bei uns zehn Mark. Ich glaube, daß die Pfennigfuchserei nicht mehr kaufentscheidend ist. Mit der Anpassung der Preise im Pop-Bereich warten wir, bis der Euro kommt.

“ Wolfgang Brenner, Marketingleiter bei expert Bild und Ton in Langenhagen, meint: „Es sind nicht die vier Pfennige, für die der Kunde ein paar hundert Meter weiter geht. Der eine Pfennig ist ein Mogelpfennig.“ So argumentiert auch Reiner Preilowski, Mitinhaber von Heaton Records in Kassel: „Wir bleiben bei unseren 90er-Preisen. Alles andere läßt das ganze Geschäft billig wirken, das überlassen wir den Kaufhäusern.“ Mögliche Reaktionen der Kunden auf eine Preisanpassung faßt der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Heribert Meffert von der Universität Münster zusammen: „Die meisten Kunden nehmen den Unterschied zwischen 90er- und 99er- Preisen nicht wahr. Andererseits kann es zu Verärgerungen kommen, und die geringere Kundenloyalität macht die Preisanpassung zunichte. Falls die Preise der Konkurrenz auch auf 99 enden, wäre der Umstieg als,nicht störend‘ zu bewerten.“