„Musikexpress“ auf neuen Gleisen

Mit einigen Relaunch-Aktionen und Änderungen beim redaktionellen Konzept kam dieses Jahr Bewegung in die deutschen Musikzeitschriften. Auch der traditionsreiche „Musikexpress“ startete mit einer überarbeiteten Version und kündigte an, „Sounds“ als unabhängigen Titel wieder auferstehen zu lassen. MUSIKWoche fasst die Entwicklungen zusammen.

Veränderte Hör- und Lesegewohnheiten, aber auch das Internet als schnelles Informationsmedium und Freizeitangebot, führte in den vergangenen Jahren zu Rückgängen bei den Musikzeitschriften. Zudem hatten sich ab Mitte der 90er Jahre in einem enger werdenden Markt Zeitschriften wie „Rolling Stone“ und „Visions“ etabliert, die bei dem einstigen Monopolisten „Musikexpress/Sounds“ Rückgänge in der Auflagenzahl zur Folge hatte.

Als der Axel Springer Verlag sein Engagement bei Jugendtiteln verstärken wollte, kam es unter der Initiative des einstigen Springer-Manns Claus-Dieter Grabner zur Übernahme aller Musik- und Teenie-Titel aus dem Marquard-Verlag, darunter „Mädchen“, „Popcorn“, „Hammer“ und dem „Musikexpress/Sounds“. „Wir haben die Titel gekauft, weil das allesamt tolle Marken sind, aus denen man viel machen kann“, erklärt Moritz von Laffert, Geschäftsführer des Axel Springer Young Mediahouse, im Gespräch mit MUSIKWoche.

Mit einem am Mainstream orientierten Konzept konnte der „Musikexpress“ (ME) seine Auflage wieder auf 74.000 steigern, wie Michael Weilacher, Chefredakteur des ME ausführt: „Wenn man viele Menschen ansprechen will, muss man in erster Linie auf populäre Themen setzen. So haben wir das Heft vorsichtig geöffnet für Bands, die bisher keine klasischen,ME‘-Themen waren – wie zum Beispiel die Band Echt. Themen dieser Art werden weiter verstärkt stattfinden, denn wir wollen die Leserschaft des,ME‘ auf eine möglichst breite Basis stellen.“

Auch von Laffert ist vom Erfolg des neuen „ME“ überzeugt: „Die erste neue Ausgabe, die wir mit Außenwerbung beworben haben, hat über zehn Prozent mehr verkauft. Und bislang konnten wir dieses Niveau auch halten. Die Befürchtungen der Branche, dass wir den,ME‘ wieder so jung machen würden wie Anfang der 90er, haben sich nicht bewahrheitet.“ Gegen den Gedanken eines radikalen Neuanfangs spricht sich auch Weilacher aus: „Wir haben unserern Neustart nie als Relauch bezeichnet, sondern intern immer von einem Face-Lifting gesprochen: so wie eine ohnehin attraktive Frau durch den Schönheitschirugen meistens noch schöner wird.“

Die letzte Marktanalyse ergab beim „ME“ ein durchschnittliches Leser-Alter von 23,8 Jahren, die Zielgruppe liegt bei den 16- bis etwa 35- Jährigen. „Damit haben wir die aktiven Plattenkäufer. Deshalb ist uns auch die Industrie wohlgesonnen. Das sieht man an unserem sehr erfreulichen Anzeigenaufkommen: Wir haben neue Markenartikler wie Calvin Klein hinzugewonnen, auch wenn die Tonträgerindustrie nach wie vor unser größter Anzeigenkunde ist.“

Für das erste Halbjahr 2001 kündigt von Laffert an, die Zeitschrift „Sounds“ – beim Neustart des „ME“ aus dem Titel verschwunden – als eigenständiges Blatt wieder auferstehen zu lassen: „Sofern die erarbeiteten Konzepte überzeugen, wird,Sounds‘ dann eventuell als vierteljährliches Sonderheft starten. Denn der,ME‘ ist das Kernstück und „Sounds“ ein stilbildender Satellit.“

Der Chefredakteur ergänzt: „Wir arbeiten zur Zeit an mehrern „Sounds“-Konzepten parallel. Die Themen links und rechts des Mainstreams, die nicht im ME stattfinden, werden dann entsprechend in,Sounds‘ gefeatured. Der Name ist immer noch eine starke Marke, die für Qualitätsjournalismus im Bereich des Untergrundig-Avantgardistischen steht. Wir dürfen bei der Umsetzung von „Sounds“ einfach nicht so szenig werden, dass die Leute uns nicht mehr wahrnehmen. Man kann ein intelligentes Heft machen, das sich an anspruchsvolle Leser richtet, ohne auf einen sinnlichen Zug zu verzichten. Das Motto dabei lautet: Not just another music magazine.“

Auch im Internet will der „ME“ im „spätestens im nächsten Jahr“ aktiv werden, wie von Laffert erläutert: „Unsere Online-Redaktion umfasst vier Leute, die nach,Yam‘ jetzt den,ME‘ und,Mädchen‘ online stellen werden.“ Der Online Auftritt soll den Print-Titel „ergänzen und unterstüzten“, meint Weilacher: „Es macht keinen Sinn, einen Print-Titel eins zu eins ins Internet zu übertragen, schließlich wollen wir den noch verkaufen. Unserer Schatz ist unser Archiv in unserem Hause – ein Pfund, mit dem wir wuchern können.“