Midem 2001: Die Suche nach sicherem Boden

Die Erfordernisse des digitalen Alltags prägten vor allem für Urheberorganisationen und Industrieverbände die 35. Midem: Sie bemühten sich in zahlreichen Diskussionen, Abkommen und Initiativen um globale technische und administrative Standards zur Sicherung und Verwaltung von Rechten.

Kein herausragendes Ereignis dominierte die Midem 2001, stattdessen prägten Anstrengungen von Seiten der Verwertungsgesellschaften, der Verleger- und Industrieverbände, aber auch von einzelnen Unternehmen, das sich herausbildende digitale Geschäft auf rechtlich, technisch und administrativ gesicherte Füße zu stellen, das Bild.

Vergleichsweise spektakulär ist eine gemeinsame Aktion, mit der die internationalen Urheberverbände CISAC und BIEM sowie die Industrieverbände RIAA und IFPI am ersten Messetag an die Öffentlichkeit traten: Sie haben bei der Agentur Rightscom das Programm Global Digital Music Identifier in Auftrag gegeben, das den Online-Anforderungen beim Verkauf, dem Lizenzieren und dem Nachverfolgen von digitalen Musikdateien gerecht werden und die Kontrolle der zugehörigen Verwertungsrechte ermöglichen soll.

BIEM-Präsident Cees Vervoord betonte, dieses Projekt sei „von zentraler Bedeutung für die künftige Lizenzierung von Musik mithilfe von Computernetzwerken.“ Die vier am Projekt Music Identifier beteiligten Organisationen vertreten die Interessen von Autoren, Komponisten, Verlegern und Tonträgerfirmen in über 100 Ländern.

Um die Überwindung nationaler Grenzen geht es auch bei einem weiteren Abkommen, das in Cannes bekannt gegeben wurde: IMJV, ein Joint Venture der US-amerikanischen Urhebergesellschaft ASCAP, der niederländischen Buma-Stemra und der britischen MCPS-PRS, beauftragte die Firma Atos Origin, das geplante gemeinsame Service Center der Organisationen mit einem EDV-System im Wert von rund acht Millionen Dollar auszustatten. Dieses System, das ebenso wie der Music Identifier auf der Basis des von der CISAC entwickelten CIS-Standards arbeitet, soll als gemeinsame Datenbank die Effizienz der Gesellschaften erhöhen.

Die Notwendigkeit, die Lizenzierung von Musik im Netz sowie die Abrechnung der entsprechenden Tantiemen zügig und über nationale Grenzen hinaus zu regeln, stand auch im Zentrum einer Podiumsdiskussion zum Thema „The Future Of Music Publishing“, an der hochrangige Vertreter von Urheberverbänden und führender Musikverlage teilnahmen. Nicholas Firth, President BMG Music Publishing International, warnte dabei eindringlich, die Rechteinhaber würden unter immensen Druck seitens der Politik geraten, wenn sie sich nicht zügig auf gemeinsame Standards einigten.

Im Rahmen der Diskussion verwies Gema-Vorstand Prof. Jürgen Becker auf die enormen Fortschritte, die diesbezüglich beim CISAC-Weltkongress in Chile im sogenannten „Santiago Agreement“ erzielt worden seien. Von Verlegerseite war in inoffiziellen Gesprächen während der Messe allerdings immer wieder eine gewisse Unzufriedenheit über das Tempo zu hören, mit dem sich die Urheberrechtssgesellschaften auf gemeinsame technische Standards zubewegen. Der Musikverleger-Verband American Association of Independent Music Publishers rief auf der Midem gar zu einer konzertierten Aktion zur Sicherung der Rechte der Verleger im Internet auf.

Auch auf Seiten der Tonträgerfirmen beschäftigte man sich in Cannes mit der Sicherung von Rechten im digitalen Zeitalter, hatte dabei aber auch das physische Produkt im Auge. So erklärte Isamu Tomizuka, der Vorsitzende des Verbandes der japanischen Tonträgerfirmen, man arbeite an der Entwicklung neuer CDs, die zwar in herkömmlichen Playern abgespielt werden könnten, aber jeweils nur eine einzige Privatkopie zuließen. Die Daten dieser CDs dürften nicht herunterladbar sein. Jay Berman, Chef der International Federation Of The Phonographic Industry (IFPI) und der britische Minister für Verbraucherfragen und Wirtschaftsbeziehungen, Kim Howells, riefen zum vereinten Kampf gegen die Tonträgerpiraterie auf.

Laut Berman befinde sich die Musikindustrie immer noch „in der heißen Phase des Kampfes“ gegen CD-Piraten. Weltweit würden jährlich rund 500 Millionen illegale CDs produziert, die der Industrie einen Schaden von fünf Milliarden Dollar bescheren. Politische Hilfe nahm der euopäische Verband der Independent-Plattenfirmen FIPI in Anspruch: Gemeinsam mit der EU-Kommission startete er die Initiative „Ritmo“: Eine Studie soll die legalen, technischen und marketingtechnischen Rahmenbedingungen klären, unter denen Indies im Internet Geld verdienen können.