Middelhoff verbreitet Aufbruchstimmung

Mit einem flammenden Appell, das Internet als Chance und Herausforderung zu begreifen, eröffnete Dr. Thomas Middelhoff, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, den Popkomm.-Panel-Schwerpunkt „Der digitale Alltag“.

Dabei bezeichnete der Konzernchef diesen Begriff in seiner Keynote Speech als „zu kühn formuliert“. Einen „digitalen Alltag“ sieht Middelhoff bislang allenfalls im Bereich Recording verwirklicht, aber noch längst nicht in Sachen Distribution. Dies sieht der Medienstratege aber als Haupaufgabe für die Zukunft, denn „auch wenn Napster geschlossen würde – die Datafile-Exchange-Technologie ist nicht mehr zu stoppen und wird ein fester Bestandteil des Internet bleiben“. Es gelte jetzt für die Industrie schnellstens technische Standards einzuführen, um die Digitalisierung lizenzierter Titel zu ermöglichen. „Ich könnte als Musikmanager nicht mehr ruhig sitzen und würde Tag und Nacht arbeiten angesichts der Tatsache, dass es erst 150 Titel weltweit legal zum Herunterladen gibt, während Napster Datenmengen von drei Terra-Bite anbietet“.

Middelhoff hält es für notwendig und machbar, dass die Industrie innerhalb von zwölf Monaten den vorhandenen Rechtebestand an Titeln digitalisiert und mittels neuer Marketingkonzeptionen im Netz verbreitet. Dazu gelte es „die selbsternannten Robin Hoods“ wie Napster „mit allen Mitteln zu bekämpfen“. Der Konsument interessiere sich nicht dafür, dass Napster „die Macht der Majors brechen will“. Der Kunde wolle schlicht komfortabel ans Gewünschte kommen. Er werde bereit sein dafür Gebühren zu bezahlen, wenn man ihn aufklärt worum es sich bei Anbietern wie Napster handele, die „sich mittels Rechtsmissbrauch als Gatekeeper zwischen Künstler, Label und Kunden geschoben haben“. Der Urheberrechtsschutz müsse gemeinsam mit Service Providern und staatlichen Stellen vorangetrieben werden. „Vor allem muss die Industrie konsequent neue Geschäftsmodelle entwickeln und dabei Mut haben, alles Bisherige in Frage zu stellen“. Auch das Verhältnis zum Handel sei „neu zu definieren“. E-Commerce werde keinesfalls die Existenz des klassischen Tonträgerhandels in Frage stellen. Bis ins Jahr 2005 werde der digitale Umsatz wohl 15 bis 20 Prozent des Gesamtvolumens betragen. Es ergeben sich hierbei laut Middelhoff aber auch Kooperationsmöglichkeiten zwischen Industrie und stationären Händlern – etwa mit individuellen CDs, die der Kunde mit Beratung des Händlers im Shop per Internet zusammenstellen könne. Die Industrie müsse ihren Fokus im Netz zudem „auf breiter Basis auf die Künstler und den A&R-Bereich richten.“

„Es kann nichts Schöneres geben, als in dieser Zeit Musikmanager zu sein“, meinte Middelhoff. „Sie haben wunderbare Jahre vor sich, etwas Neues zu schaffen, wenn sie den Mut haben, sich nach vorne zu bewegen“. Als besonderes Anliegen forderte er die Musikindustrie schließlich auf, mit aller Macht gegen die Verbreitung rechtsradikalen Liedguts und deren unkritischen Konsums im Internet vorzugehen. Vorbildlich seien hier Initiativen wie „Arsch huh“.

Das Original-Rede-Manuskript können Sie hier mit dem Acrobat-Reader nachlesen.

Einen Video-Mitschnitt der Rede können Sie sich in unserem Popkomm.-Special unter „Events“ ansehen.