MUSIKWoche: Die Aktionäre dürften mit dem Ergebnis, das Sie auf der Bilanzpressekonferenz vorstellten, unzufrieden sein. Geht es in diesem Geschäftsjahr wieder aufwärts?
Michael Haentjes: Wir hätten nicht vermutet, dass im November die Veröffentlichung der Meldung, dass wir unsere für 1999 gesteckten Ziele nicht erreichen eine derart heftige und überzogene Resonanz ernten würde.
MW: Daraufhin stürzte der edel-Aktienkurs ab und seither gilt Ihr Unternehmen als Teil der Krise der Musikindustrie.
Haentjes: Was völlig unsachlich ist. Unser Kurs-Gewinn-Verhältnis wird viel zu schlecht bewertet, wir liegen noch hinter dem EMI-Konzern, obwohl wir viel schneller wachsen. Unterbewertet sind auch unsere zahlreichen erfolgreichen Akquisitionen. Zu unserem Konzern gehören inzwischen 70 Einzelunternehmen mit teils hervorragenden Perspektiven. Der Einbruch im letzten Jahr lag lediglich daran, dass unsere Top-Acts Blümchen, Jennifer Page, Aaron Carter und Sash die Veröffentlichung ihrer angekündigten Alben auf dieses Jahr verschoben. Dadurch entstand ein Engpaß, den wir nun in diesem Jahr mehr als ausgleichen werden.
MW: Sie deuteten während der Pressekonferenz an, dass die bereits erwähnte Krise der Branche nicht nur auf die Problematik der mangelhaften Sicherung der Rechte an Musikstücken im Internet zurückzuführen sei…
Haentjes: Wir brauchen unbedingt wirksame Schutzmechanismen gegen die Internet-Piraterie. New Yorker Analysten haben die Musikbranche als,100-Milliarden-Dollar-Branche in einem 40-Milliarden-Dollar-Käfig‘ apostrophiert. Das heißt, dass wir weit unter unseren Möglichkeiten arbeiten. Wir brauchen mehr Stars wie zum Beispiel Lou Bega, die international eine Rolle spielen. Die A&R-Arbeit muß sich mehr an den Bedürfnissen der Leute orientieren, den Geschmack des Publikums zu bedienen. Wir haben uns dafür hervorragend in Stellung gebracht.
MW: Wodurch?
Haentjes: Wir haben unser Management erheblich verstärkt. Der Vorstand wurde mit David Hockman, der für edel Europa und Publishing zuständig ist, und dem Juristen Dr. Hans-Martin Gutsch verstärkt. edel stand außerdem früher hauptsächlich für Pop, Dance und Compilations, das ist jetzt unter anderem durch die Erweiterung mit PIAS beendet worden. Wir wollen die gesamte Bandbreite der Musik und jede Menge special Interests kompetent bedienen. Wir sind dabei, uns in ausländischen Märkten stärker zu engagieren und setzen auf Lateinamerika. Dort akquirieren wir derzeit in Mexico und Brasilien und suchen starke Partner.
MW: Rudi Gassner wird ab 1. September im Aufsichtsrat von edel sitzen. Welche Akzente soll er setzen? Wo liegen seine Staerken?
Haentjes: Rudi Gassners Stärken liegen eindeutig im strategischen Bereich und er hat beste Kontakte zu den wichtigsten Playern im Musikgeschäft. Beides wird er für uns einsetzen.
MW: Zuerst der Wechsel von Rudi Gassner zu edel, dann Clive Davis? Oder ist das nur Spekulation?
Haentjes: Das ist reine Spekulation, ich kann mir einen Wechsel von Davis zu edel nicht vorstellen.
MW: Wie geht es mit dem Billboardtalentnet weiter? Bleibt die Site eine Plattform in der bestehenden Form oder wird es zu einem Portal u.a. mit Download von edel-Titeln ausgebaut?
Haentjes: Das Billboardtalentnet bleibt eine reine A & R-orientierte Website, für diesen Bereich ist sie klar ausgelegt. Edel wird in den nächsten Wochen ausführlich zu seinen weiteren Plänen im Internet Stellung nehmen. Zum derzeitigen Zeitpunkt möchte ich mich dazu nicht äußern.






