MUSIKWoche: Was bewirkt die Tatsache, einen Echo als „Mediamann des Jahres“ zu bekommen, bei einem Profi wie Ihnen? Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie persönlich?
Hans R. Beierlein: Meine tägliche Arbeit ist nicht ausgerichtet auf Preise und Ehrungen. Aber es wäre Koketterie, wenn ich sagen würde, dass mich diese Auszeichnung nicht berührt und beeindruckt, zumal sie ja nicht von einer x-beliebigen Institution kommt, sondern von einer der wichtigsten Einrichtungen, über die Deutschland im Unterhaltungsgeschäft verfügt.
MW: Sie wurden bereits 1986 einmal zum „Medien-Mann des Jahres“ gewählt und mit dem „Hermes“ ausgezeichnet. Wie schätzen Sie den Stellenwert dieses Echos ein?
Beierlein: Wenn ich es recht sehe, ist es in Deutschland die einzige Auszeichnung seit jenem leider allzu kurzlebigen Hermes, die regelmäßig und mit wachsender Bedeutung an einen „Mann des Jahres“ vergeben wird. Diese Tatsache erhöht für mich selbstverständlich den Stellenwert dieser Auszeichnung.
MW: Wie sehen Sie den Stellenwert des Echo im Vergleich mit anderen Preisen der Musikbranche?
Beierlein: Die Tatsache, dass weltweit erfolgreiche Interpreten nach Hamburg kommen, um den Echo entgegenzunehmen, beweist, wie wichtig diese Auszeichnung inzwischen in der ganzen Welt genommen wird. Der Echo ist dank der überlegenen Strategie seiner Macher auf dem besten Weg, ein deutscher Grammy zu werden. Der Musikszene in Deutschland könnte Besseres nicht passieren.
MW: Im Vergleich zum Grammy hält sich der Echo mit 25 Rubriken noch im Rahmen. Gibt es Echo-Kategorien, die Sie im Preisreigen vermissen?
Beierlein: Selbstverständlich ist der Echo, wie alle herausragenden Ideen, ausbaufähig. Ich bin sicher, dass die Veranstalter sich dessen bewusst sind, und ich weiß aus Gesprächen, dass sie unablässig an dem weiteren Ausbau der Auszeichnung und der Veranstaltung arbeiten.
MW: Sehen Sie in der Fernsehlandschaft Chancen für neue, volkstümliche TV-Konzepte?
Beierlein: Noch nie war die Fernsehlandschaft so offen wie heute. Sender lechzen geradezu nach neuen Ideen – egal, ob im volkstümlichen Bereich oder in anderen musikalischen Bereichen. Die Menschen brauchen Brot und Spiele. Für Brot haben wir inzwischen weitgehend gesorgt; jetzt müssen wir uns intensiv darum kümmern, dass auch eine optimale Versorgung mit Spielen stattfindet.
MW: Was halten Sie von aktuellen volkstümlichen Hits wie „Anton aus Tirol“? Nimmt sich die Branche mit der „Skihütten-Comedy“ und anderen Anzüglichkeiten selbst zu wenig ernst?
Beierlein: Deutschland will lachen und fröhlich sein. Die Grundversorgung mit Fröhlichkeit funktioniert jedoch nicht. und aus diesem Grunde kann ich allen nur raten, den Wunsch nach Fröhlichkeit nicht zu unterschätzen. Selbst auf die Gefahr hin, dass dann Lieder wie „Anton aus Tirol“ herauskommen. Was die Volksmusik anlangt, so braucht sie, mehr noch als alle anderen musikalischen Bereiche, einen Stefan Raab. Möglicherweise sogar zwei oder drei.
MW: Hat die volkstümliche Musik ihren Zenit überschritten, oder sehen Sie Wachstumsmöglichkeiten?
Beierlein: Volksmusik blüht und gedeiht. Karneval, Fasching oder Oktoberfest, Zeltfeste, Weinfeste oder Bierfeste – ohne Volskmusik geht es nicht. Was die Volksmusik dringend braucht, sind starke Titel und neue starke Interpreten. Es war mit zwei Liedern – nämlich „Patrona Bavariae“ und „Herzilein“ – möglich, Volksmusik aus dem Koma zu holen. Und mit neuen starken Liedern wird es wiederum möglich sein, der Volksmusik zu neuen Höhen zu verhelfen. Es gibt keine Krise der Konsumenten, es gibt eine Krise der Kreativen.
MW: Haben Sie Vorschläge an Werner Kimmig oder an die Echo-Veranstalter, wie man die Sendung im Fernsehen noch attraktiver präsentieren könnte?
Beierlein: Die fernsehmäßige Umsetzung der Veranstaltung ist optimal. Die Veranstalter haben bei der Auswahl ihrer Partner eine glückliche Hand bewiesen. Der mdr ist die erste Adresse für Events dieser Art, und Werner Kimmig hat sich als ein idealer Producer solcher Sendungen erwiesen.
MW: Hat in diesem Zusammenhang die Wahl des Veranstaltungsortes eine Bedeutung? Würden Sie im nächsten Jahr lieber nach Berlin reisen als nach Hamburg?
Beierlein: Berlin ist die deutsche Hauptstadt. Eine Veranstaltung dieser Bedeutung gehört zweifellos in die Hauptstadt.





